Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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260 eigentlich nichts weiß. ~ Das ganze fundamentale Gebäude seiner Ausführungen steht vornehmlich aufder- Veste des Talmuds, woraus wir erkennen, daß sich Israel allezeit hervorragend mit Gesang befaßte und diesen namentlich für den Gottesdienst verwerthete.a) — Welcher Art aber derselbe war, darüber wird uns wenig Auskunft gegeben? „Der erhöhte Grad musikalischer Leistungen galt von den Israeliten, die, wie sie sich selbst „das auserwählte Volk" nennen, auch als das auserwählte Volk in der Tonkunst unter den Nationen des vorklassischen Alterthums dastehen." — So läßt sich einer deö bedeutendsten nichtisraelitischen Musikforscher der Jetztzeit vernehmen, und — das genügt?) Wenn die Accentuatioii für die Thoravorlesung (Kpl?), die Herr Dr. Ackermann in drei Versionen aufgestellt, als uralte Musikzeichen zu betrachten geneigt wäre, so scheint diese Annahme au Richtigkeit zu gewinnen, sobald man die Musikzeichen der alten Inder, Chinesen^ Perser, Aegypter, Griechen und-selbst die der ersten Christen sich vergegenwärtigt, deren Aehnlichkeit mit unserer Kp*?t, freilich in variirender Form, nicht zu verkennen ist. In diesem Falle dürste letzterer vielleicht der Vorzug der Anciennetät eingeräumt werden- Wir gebrauchen diese musikalischen Accente jedoch heute noch aus-; schließlich für die Thoravorlesung am E'bl'l Wie aber steht es mit denselben Accenten, die eine entschieden andere Melodie involviren, wie sie beispielsweise bei ver Thoravorlesung an den 0WÜ-oder bei dem Vortrag der Hasthora üblich ist?' Diese Varianten treten mit großer Bestimmtheit hervor, während hierüber noch so wenig nachgedacht wurde?) Ob aber hiernach dis Haupt'sche Annahme: „daß man unsere Sarka als ein Notensysteni ansehen müsie", an Wirklichkeit gewinnt, wollen wir dahingestellt sein lassen. Jedenfalls können-wir sie als Musikzeichen ältester Art b'ck haupten. Sind ja doch unseren Psalmen entschieden anders gestaltete Accente beigegeben, welche sicherlich für die Betonung und dM Rythmus derselben eine große Bedeutung hatten, aber wir kennen letztere nicht; sie ist leider verloren. Was die drei aufgestellten Versionen des Herrn Dr. Ackermamr anbelangen, so bedauere ich, mit der Art der zusammengestellten Gruppen nicht ganz einverstanden sein zu können. Beispielsweise wird die zweite „die spanisch-italienische" von ihm genannt.. Daß aber die Vereinigung jener beiden Grupppen nicht richtig, Ihre Konformität nicht zutreffend ist, dürfte sich aus der Thatsache ergeben, daß vielfache Merkmale vorhanden, welche die in Italien als traditionell erachteten Synagogengesänge den uuserigen ganz identisch macht. Wenigstens war es ursprünglich so, und läßt uns hierdurch nicht minder, wie schon erwähnt, die süddeutsche synagogÄd Sangesüberlieferung als die älteste und echteste erscheinen. Vor ca. 18 Jahren übergab mir mein verehrter Lehrer, Domkapeümeister Professor Dr. Benz, zwei dicke in Pergament gebundene Folianten zur Ansicht, welche lediglich Messen und anderweitige Kirchengesänge, soweit mir erinnerlich, aus dem 17. Jahrhundert enthielten. Er verwahrte sie wie ein Kleinod; und durste ich es als eine besondere Gunst seinerseits erachten, dieselben einige Tage in meiner Behausung haben zu dürfen. Es waren lauter prächtige Musikstücke von den berühmtesten Meistern jener Zeit, darunter auch mehreres von Palestrina. Herausgegeben waren diese herrlichen, nunmehr v) Die Tonkunst hat sich überhaupt aus den Kulten aller Nationen erst entwickelt. ' 2) E. Naumanns Musikgeschichte I, Seite 6. 3) Unsere heutigen Tonarten sehen sich, so verschieden sie auch sind, vom Laien betrachtet, ganz ähnlich; sie werden nur durch Vorzeichen festgestellt. — Sollten vielleicht aus unserer Sarka in ähnlicher Weise verschiedene Tonarten sich herausgebildet haben? — - antiken Gesänge von Benedetto Manchello, und/wenn äch-nicht irre, in Venedig gedruckt und verlegt. Wie staunte ich aber, als ich sah, daß man zu allen jenen musterhaften-Kompositionen die Motive dem Schatze unserer' traditionellen hebräischen Gesäuge entnahm, zu dem Ausbau bedeutender Musikstücke unsere Melodien zu Grunde legte! Am Kopfe jeder Messe oder sonstiger Piecen, alsoobenan, war nämlich in anerkennenswerther Ehrlichkeit mit gedruckten hebräischen Lettern, sodann durch Noten ältester Art das Motiv treu und vollständig angegeben, wonach das Stück poliphonisch resp. kontrapuuktisch durchgearbeitet worden war. Da bemerkte ich u. A., wie erwähnt, in hebräischer Ueberschrift und mit Noten fixirt, als Leitmotiv: p2 ^SöTT "[TD 2"') n"*“)*! bir6 ttPllp u. s. w., und das Jnteresianteste an -der Sache war, daß sämmtliche Motive (Melodien) ganz evident, Note für Note mit unserem überlieferten süddeutschen übereinstimmten. Eine solche Entdeckung mußte meine Annahme über Alter und Echtheit unserer traditionellen Melodien nur bestärken, und sie beweist auch, das; die Gleichheit des italienischen filttri (wie das des französischen, holländischen rc.) mit dem unsrigen zutrifft, dagegen mit dem sephardischen als gleichartig nicht zusammengestellt werden kann. Anderentheils aber muß es uns mit einem Gefühle der Genugtuung erfüllen, daß man es in jener, keinesfalls sehr rosigen Zeit für Israel, doch nicht verschmähte/seine traditionellen Melodien zum Aufbau herrlicher, gigantisch angelegter Kirchen - g es äuge in Anspruch zu nehmen. Jene merkwürdigen Bücher mußte, ich nach wenigen Tagen wieder zurückgeben. Als der Besitzer (Professor Dr. Benz') gestorben war, bemühte ich mich, dieselben womöglich durch Ankauf an mich zu bringen, kam aber leider schon zu spät; sie waren bereits in die Hände eines kunstsinnigen Domkapitulars übergegangen. Letzterer aber weilt auch nicht mehr unter den Lebenden. Immerhin gebe ich die Hoffnung nicht auf, jene interessanten Musikalien wiederzUsinden. Bevor ich schließe, gestatte mir noch der geehrte Leser eine erfreuliche Sache zu erörtern, die mit der Anregung des Herrn Professors Dr. Steinthal im Einklang zu bringen ist. Es betrifft das vom israelitischen Konsistorium zu Paris bereits herausgegebene und von Samuel David zusammengestellte, vielfach komponirte wie arrangirte Synagogengesangswerk: "N „Musique religieuse aneienne et moderne en mage dans les temples coEsistoriaux de Paris.“ Es ist in der That erhebend, welch reges Interesse, welche Opferfreudigkeit, welche Liebe unseren Tempelgesangen entgegengebracht wird, wie es die Herausgabe dieses umfangreichen Werkes bezeugt. Ja, hierin sind uns die französischen Juden voraus.; sie erkennen in idealer Ueberzeugung, welch wichtiger, den Lebensnerv des Judenthums integrirender Theil sein Kultus sei, und entfalten auf diesem Gebiete eine Rührigkeit, von welcher der deutsche Jude, dessen Indifferenz in kulturellen und religiösen Dingen viel bemerkbarer ist, lernen könnte. Folglich erfreuen sich auch dort alle größeren Gemeinden besserer Kantoren- und Synagogenchor-Verhältnisse wie in anderen Ländern. Es gehört zwar nicht in den Rahmen meiner Betrachtung , den Inhalt des genannten D*IK "N bV£ äu besprechen, doch möchte ich nur einiges hervorheben. Der musikalische Geist, der im Allgemeinen die Gesänge dieses Werkes, namentlich in der Harmonisirung durchzieht, ist französisch; sie sind außer den herrlichen, mitunter' groß angelegten (am Ende J) Ein berühmter Kontrapunktist seiner Zeit.