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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 war ursprünglich Lutheraner und trat bei uns zur anglikanischen Kirche über. Die Antisemiten nennen in Deutschland unsere Glaubensgenossen „Feiglinge". Wurden sie aber in Gegenden kommen, wo man englisch spricht und Jeder in Freiheit lebt, dann würden sie ihren Mund schließen; denn „was ihnen noch nicht erzählt worden, würden sie sehen, und was sie noch nicht geschaut, wahrnehmen." Leben Sie wohl, und Gott mit Ihnen! Str. . . . Jüdische Melodien. Von Oberkantor M. Rosen Haupt-Nürnberg. II. fie sehr interessanten Ausführungen des Herrn Professor Dr. Steinthal über Nagara übergehend, möchte ich noch seiner Betrachtungen über den sogenannten Tropp gedenken, die sich mit meinen schon im Jahre 1880 in einem Aussatz „Synagogengesang" gemachten Darlegungen (Jüd. Kantor Nr. 8—11) vollkommen decken. Ich sagte dort u. a.: „Recitative rühren von den Griechen und Römern her, nicht aber die Responsen, die wahrscheinlich im Judenthum ihren Ursprung haben dürften. Wir finden es schon bei Moses und Mirjam, daß Vorsingen und Zusamniensingen, d. h. der volle Chorgesang bei unserem Volke beliebt war und dasselbe wahrhaft begeisterte. Die traditionelle Singweise der Perser und Araber hat auffallende Aehnlichkeit. mit unserem Tropp l) an den hohen Festtagen, was auch für das hohe Alter dieser unserer nationalen Melodie spricht." — Ferner sagte ich damals: „Es steht fest, daß Musik und Gesang im alten Israel sehr gepflegt wurden und wenn wir den Gesammteindruck abschätzen, den die über diese Kunst erhaltenen Nachrichten — Tradition und Geschichte — auf uns machen, dann dürfen wir getrost annehmen, daß sie eine sehr respektable Stufe erreicht haben müssen." — „Diese Kunst war ebenbürtig dem Besten, wozu es hierin irgend ein anderes Volk des Alterthums gebracht hat," sagt Dr. Herzfeld2), und die klassischen Werke des Pythagoras, Plato, Aristoteles, Polybius rc. bestätigen es unb geben Aufschluß über die Weisen, Zwischenräume, Gänge und Maße der hebräischen Musik, welche unsere traditionellen Melodien günz ähnlich denen der griechischen und indischen fanden. — Wollen wir die Accentuation des 7p",n als eine erst nach der Tempelperiode entstandene Errungenschaft anerkennen, dann ist die gemachte Forschung über dieselben ziemlich werthlos. Würden wir jedoch z. B. Professor Haupt in Görlitz einigermaßen beipflichten, wenn er meint: „daß die Accente die ursprünglichen Musikzeichen seien, welche die Melodie des hebräischen Textes bezeichnen", dann fühlen wir — sobald wir die Einfachheit unseres heutigen sogenannten Tropps näher ins Auge fassen —, daß ursprünglich die Bedeutung der Accente eine andere gewesen sein. muß. Heute werden sie quasi nur als Interpunktionszeichen zu recitativischem Vortrage in der Synagoge benutzt, während sie nach Profestor Haupt lauter Dreiklänge, gleichsam einen bezifferten Baß involviren. — y Für den gleichen Text in der Thora als auch unserer Gebete besitzen wir bekanntlich verschiedene Melodien, welche durch ihre Charaktereigenthümlichkeit die Feier des Tages gleichsam bezeichnen. Ich nenne nur die differirenden Weisen zu den für Mussaf und Mincha am fDlP und D’aniJ D’Ö’/ für DtW bfr für INI mW u. s. w.; lauter Perlen unserer alten überlieferten Gesänge. 2) „Kunstleistungen der alten Hebräer." Jedenfalls hatten die abweichenden, den Psalmen unterlegten Zeichen doch eine Bedeutung, die heute beim Lesen derselben vollständig ignorirt werden. Mag dein sein, wie ihm wolle: ich fand Vorstehendes der Erwähnung Werth und glaube, den gemachten Andeutungen gemäß, als auch den noch zu erörternden Merkmalen und Eigenthümlichkeiten unserer Gesäuge gegenüber, aussprechen zu dürfen, daß wir Anhaltspunkte zur Geschichte und Tradition derselben besitzen und uns hierzu das greifbar Positive nicht gänzlich mangelt. Kehren wir nochmals zur Frühlingszeit Israels zurück. Daß Israel schon Musikkenntniß und Sinn für Gesang aus Aegypten mitgebracht haben muß, beweist, wie schon erwähnt, Moses Gesang am Meere, den seine Schwester mit einem Instrument auch für die Frauen intonirte. . Nach Moses Zeit wirkten die Prophetenschulen fördernd auf die Musik ein, indem in denselben, neben der Auslegung der Thora rc., auch in der Verfertigung und Absingung von religiösen Liedern unterrichtet wurde. Durch diese Schulen wurde die Musik gewissermaßen Eigenthum des Gottesdienstes. Die höchste Blüthe erreichte bekanntlich die hebräische Musik zu Davids Zeit. Unter Samuel war bereits eine überraschende, große Mannigfaltigkeit im hebräischen Gesänge, der sich unter David weiter ausbildete. Responsorien hatten sich besonders Eingang verschafft, und waren jene Wechselgesänge, welche mit Instrumentalbegleitung ausgeführt wurden, gewiß pompös. Daß der herrliche Text der Psalmen eine ebenbürtige und entsprechende Melodie bekommen, ist selbstverständlich, denn dafür wird schon der ideale, kunstsinnige Psalmist selbst gesorgt haben. Dies berechtigt uns aber zu der Annahme, daß der Ursprung unserer traditionellen Melodien, vorzüglich die der DWli bis in die Tempelzeit zurückzuführen sei. i) Einige Forscher wollen auch jene auf der Basis der alten Kirchentonarten/(der dorischen, lyrischen, jonischen und phrygischen) ruhend, herausfinden.2) Es giebt in der That, sowohl im ambro filmischen, als im gregorianischen Kirchengesange Piecen, die gewissen D'fcCllD Melodien ganz evident gleichen. Sollte Ambrosius bei seiner Melodieneinsammlung nicht auch bis damals durch Ueberlieferung sich echt erhaltene Tempelmelodien ausgenommen haben? In diesem Falle hätten wir abermals eine Stütze für das hohe Alter unfernsynagogalen Gesänge. In diesem Sinne und Stile unserer traditionellen Synagogenmnsik arbeiten jetzt in löblicher Weise unsere heutigen Fachkomponisten emsig fort. Der eine mit mehr,, der 'andere mit weniger Geschick. Je mehr sich der Komponist von dem Geiste unserer traditionellen Gesänge entfernt, desto unglücklicher ist er. Sulzer hat das größte Verdienst, nicht nurin seinen Werken, sondern auch darin, die Tradition und Geschichte unseres Synagogengesanges defestigt zu haben. Er hat Andere zum Denken und Schaffen angespornt, und au ihm ranken sich noch bedeutende geniale Schöpfung^, auf dem Gebiete des Synagogengesanges empor. Freilich wurdeauch seit einigen Dezennien gar manches für die Synagoge an das Tageslicht gefördert, was den guten Geschmack zu untergraben sowie Geschichte lmd Tradition zu entehren drohte. Allein das Gute erringt doch den Sieg und wird sich hoffentlich stets oben erhalten. l * Mit großer Sorgfalt und eminentem Fleiß hat Herr Dr.Ackermann über unseren „Synagogalen Gesang" eine interessante Studie gebracht, in welcher schließlich bewiesen, daß man in der Hauptsache Arachin' 2, 3, 4; 3, 6. Tosifta Arachin 1. 2) Meinen heutigen, auf Forschungen gegründeten Anschauungen zu folge muß ich solches sehr bezweifeln.

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