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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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Es ist ein großer Fehler, unseren Glaubensgenossen Anfangs zu , viel zuzumuthen; dies hat sich bei den Kolonisationsversuchen in den Vereinigten Staaten gezeigt und schwer gerächt. Bei den Masseneinwanderungen der russischen Juden in den Jahren 1881/82 machten die dortigen Glaubensgenossen den Versuch, diese neuen Ankömmlinge in Dakota und anderen westlichen Staaten zur Urbarmachung der dortigen Ländereien zu verwenden. Der Versuch mißlang gänzlich. Dahingegen gelang die Kolonisation von Vineland in der Nähe von Philadelphia, wo man die neuen Ankömmlinge mit Obst- und Gemüsebau beschäftigte, sie erwies sich als sehr ersprießlich und man hat die Absicht, nach diesem schönen Erfolge derartige Gartenbau-Kolonien in den Vereinigten Staaten weiter anzulegen. Zum Beweise, wie sehr die Pläne des Herrn Tuch durch den Obstbau gefördert werden können, will ich einige Citate aus dem Werke des Professor Semmler, das in gärtnerischen und laudwirthschaftlichen Kreisen Deutschlands hoch geschätzt und dessen Verfasser als Autorität gilt, anführen. Semmler schreibt unter anderem wie folgt: „Kolonien." Wie viele Güter in Norddeutschland giebt es, welche ihrer Größe wegen nicht rationell bewirthschastet werden und die, in Bauerngüter zerlegt, doppelte und dreifache Erträgnisse bringen würden. Dazu gehören Kapitalien, wird man mir einwenden. Nun, hat denn Deutschland nicht Kapitalisten, die nicht wissen, was sie mit ihrem Gelde in ihrem Vaterlande anfangeu sollen, und deshalb sich au Unternehmungen im Anslande betheiligen, vor welchen selbst die waghalsigen Pankeekapitalisteu zurückschrecken? Wie wäre es, wenn diese Kapitalisten ihr Geld zu Hause behielten und Kolonien im eigenen Vaterlande gründeten? Wie verdient könnten sich deutsche Kapitalisten ohne die mindeste Opferdarbringungijum ihr Vaterland machen, wenn sie den in den Vereinigten Staaten gegebenen Beispielen folgen und unbemittelten, fleißigen Menschen eine Heimstätte verschaffen, wüstes Land urbar und wenig ertragreiches Land sehr ertragreich machen wollten. Wenn solche Unternehmungen mit der bestimmten Absicht der Förderung des Obstbaues ins Leben gerufen würden, welch' mächtiger Anstoß zum Aufschwünge der gesammteu deutschen Obstkultur könnte damit gegeben werden! In einem Lande, wo es noch 20 Millionen Morgen wüstes Land giebt, kann es an Gelegenheiten zur Ausführung dieses Planes nicht fehlen. Und der größte Theil dieser Wüsteneien würde sich am vortheilhaftesten zur Obstkultur verwenden lassen, weil diese die geringsten Anlagekosten verursachen würde. Hügelrücken, wo der Fels nahe liegt, Abhänge, die zu steil find, um bevflügt werden zu können, Saiidflächen, die zu mager sind, um Lupinen hervorzubringen, solches wüstes Land ist noch in Menge in Deutschland zu finden und könnte, wenn nöthig, mit Zukauf des umliegenden, wenig fruchtbaren Geländes vortheilhaft zur Anlage einer Obstbaukolonie verwerthet werden, vorausgesetzt nur, daß man verständig bei der Wahl der anzupflanzenden Sorten verführe, — Winke darüber werde ich an geeigneten Stellen in diesem Buche geben —, und den Kolonisten nicht größere Theilstücke überwiese, als sie sehr sorgfältig kultivireu könnten. Die Besitzthümer der Wiuzersamilien am Rhein und seinen Nebenflüssen könnten dafür einigermaßen als Anhaltspunkte dienen. Ich glaube immer und immer wieder betonen zu sollen, daß ich nicht als Theoretiker spreche, daß sich alle meine Vorschläge ausschließlich auf Erfahrung gründen, daß ich nur die Uebertragung von Vorbildern, die ich in der Fremde beobachtete, auf deutschen Boden erstrebe. „Oedländereien": Wie das der Fall ist mit dem Plan der Kolonieugrüudung, so auch mit der Fruchtbarmachung von Oedland, von der man in Deutschland vielleicht zu gering denken dürfte. Ich habe schon das Beispiel der deutschen Bauern erwähnt, welche Annaheim in den Vereinigten Staaten in einer Sandwüste gründeten, und will — andere Vorbilder übergehend — nur noch hinzufiigen, daß ich noch täglich Gelegenheit habe, die fleißigen, betriebsamen Chinesen zu bewundern, wie sie auf ödem Boden üppige Gemüsegärten hervorlocken. Sandflächen habe ich gekannt, auf welchen' nicht ein Grashalm sproßte, bis sie von Chinesen nach kooperativem Plane mit Hilfe von Kompost, Dünger und Wasser urbar gemacht wurden. Schon im nächsten Jahre prangten üppige Gartengewächse auf der Stätte, die jahrhundertelang der Flugsand inne hatte, und der beste Beweis, wie lohnend die Arbeit war, ist, daß in jedem Falle die kooperative Gesellschaft nach einer Reihe von Jahren ihr Grundstück veräußerte, um mit ihren Ersparnissen nach China zuruckzukehren. Es ist aber wohl zu beachten, daß diese gelben Menschen nur kleine Flächen erwerben, um diese um so gründlicher kultiviren zu können — jeder Fuß breit wird aufs Aeußerste ausgeuützt, aber auch dementsprechend gedüngt. Und beobachte ich sie bei Ansammlung und Verwendung ihres Düngers, dann muß ich nur sagen, daß wir weißen Menschen doch noch rechte Verschwender sind. Stoffe, die man in deutschen Dörfern und,Kleinstädten achtlos vergeudet, wie Seifenwasser, Moos, Schwämme, Haare, Leder- und Wollabfälle, Schilf, Unkraut u. s. w., sammeln sie aufs Sorgfältigste in ihren Kompostgruben an; ihren Geflügeldünger aber wenden sie nur in flüssiger Form an; sie geben kleine aber häufige Gaben, und diesem Verfahren hauptsächlich verdailkeu sie ihre vielbewunderten Erfolge in der Kultur von Gartengewächsen." In dieser für uns Juden so ernsten Zeit sollte es Pflicht und Ehrensache aller Juden sein, solche Bestrebungen überall zn fördern. Mehr als alle Abwehrbestimmungen durch Wort und Schrift wirkt die That! Durch eine wirkliche Theilnahme einer großen Anzahl deutscher Glaubensgenossen an der Landes-Knltnrarbeit soll und muß bewiesen werden, daß auch heute noch wie vor Jahrtausenden die Juden Willens und fähig find, in dieser Weise zur Hebung des Nationalwohlstandes beizutrageu. Leider hat bislang nur eine geringe Anzahl unserer wohlhabenden Glaubensgenossen das richtige Verständniß für diese Kulturaufgabe, um dieselbe in genügender Weise materiell zu unterstützen. Die israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem ist, trotzdem sie in der kurzen Zeit ihres Bestehens ihre Lebensfähigkeit erwiesen hat, bislang von den reichen Glaubensgenossen verhältuißmäßig schwach unterstützt worden. Wir erwarten, daß diese Erkeimtuiß sich immer weiter Bahn bricht und die Anstalt in nicht zu ferner Zeit in den Stand gesetzt wird, ihre hohen und schwierigen Aufgaben zum Wohl und Segen der gesummten Judenheit voll und ganz zu lösen. Türken und Inden. Von Adolf Friedemann. (^^ahlreiche jüdische Freiwillige aus den asiatischen Vilajetshaben sich der türkischen Armee angeschloffen, welche eben ^Hr siegreich das Land der Myrmidonen des Achilleus durchzieht. Begeistert haben die Inden von Lariffa Edhem Pascha begrüßt, und in den Synagogen der eroberten Städte beten sie für das Wohl des Sultans. Diese Freude der Juden über die türkischen Siege hat ihre guten Gründe, denn wahrend sie im christlichen Griechenland viel-

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