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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 Wciaren wurde von dem Pöbel vernichtet. Inmitten der allgemeinen Verwüstung ist wie durch ein Wunder nur die Synagoge unangetastet geblieben. Der Rabbiner wurde auch von der Volkswuth verschont. Der Pope suchte mit dem Kreuz in der Rechten die wüthenden Bauern zum Auseinandergehen ui bewegen, mau hörte ihn jedoch nickt, sondern er wurde sogar noch mit Schmähungen überhäuft. Der Gouverneur von Cherson sandte auf telegraphische Anzeige sofort eine Kompagnie Militär, und dieser erst gelang es, die Ordnung wiederherzustellen. Daß die Panik nicht nur unter den Juden der benachbarten Städte, sondern allmälig wieder in ganz Rußland um sich greift, ist nach solchen entsetzlichen Borfälleu mehr als selbstverständlich. Innere Kolonisation. Von Konsul M. A. Simon. ns den in Ihrem geschätzten Blatte vor einiger Zeit enthaltenen Mittheilullgeu von Gustav Tuch über innere Kolonisation- Habe ich mit großem Interesse ersehen, daß derselbe, gleich einer großen Anzahl anderer deutscher Juden, das Bedürfnis anerkennt, daß wir den uns gebührenden Platz auch auf dem Gebiete derjenigen Arbeitsleistungen zu erringen suchen müssen, in welchen wir noch gar nicht oder doch nicht genügend vertreten sind. Mit ihm bedauern wir, daß, allerdings durch die Ungunst der früheren Verhältnisse, die deutschen Glaubensgenossen der Bodenkultur, der Hauptbeschäftigung unserer Nation, bislang beinahe vollständig fern geblieben sind. Es' ist das ein Mangel, den wir schon oft beklagt und an dessen Besei-' tigung wir mit allen Kräften arbeiten müsfen. Nichts ist daherauch nach unserer Meinung wichtiger, als, wie in dem Artikel mit ’ Recht hervorgehoben wird, daß mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die innere Kolonisatioli betrieben werden muß. Herr Tuch ist trotz seiner beneidenswerthen idealistischeil Anschaunilg der Verhältnisse vorsichtig genug, einzugestehen, daß die Ueberführung eines großen Theils unserer deutschen Glaubensgenossen zum Landbau nicht auf Komlnaudo kurzer Hand sich erledigen läßt. Die Frage, ob der von ihnen betriebene Beruf so gewinnbringend ist, daß wir für sie auf die Landwirthschaft, auf diejenige Arbeitsverrichtnng, die wir aus geschichtlichen und sozialen Griüiden am meisten für sie erwünschen, verzichten können, wird einer eingehenden Besprechung unterzogen. Es wird darauf hingewiesen, daß die hauptsächlich von Juden betriebenen Ernähruilgszweige ihnen immer schwieriger gemacht oder durch die Gesetzgebung, die zwar alle Deutschen trifft, ganz entrissen werden; daher empfehle sich aufs Dringendste die innere Kolonisation. Durch sie würde nach Ansicht des Herrn Tuch in erster Linie infolge von Urbarmachung der Moorgegenden und des Haidelandes unserem Vaterlande ein großes patriotisches Werk geleistet, das den Nationalwohlstand und die Ernährungsfähigkeit Deutschlands höbe. Wir stimmen vollständig in letzterem Punkte mit ihm überein und halten es für wünschenswert, daß ein Theil unserer Glaubensgenossen auch hier, wie auf allen Gebieten, nach Kräften an der Wohlfahrt des Landes mitarbeitet.. Indessen als praktische Männer müssen wir derartige große Aufgaben liicht allein von der idealen, sondern viel mehr noch von der praktischen Seite erwägen. So sehr wir, wie schon oben erwähnt, die Wunsche und die Pläne des Herrn Tuch theilen, tönnen wir doch nicht umhin, durch einen Hinlveis auf die großeil Schwierigkeiten und Hindernisse, welche vorläufig dem Urbarmachen solcher unwirthschaftlichen Gegenden seitens unserer deutschen Glaubensgenossen entgegen- - stehen, die allzu großen Hoffnungen zu dämpfen. — Die Schwierigkeit, welche ein Ansiedler bei der Kolollisation in Argentinien und Palästina zu überwinden hat, vermögen lvir nicht aus eigener Anschauung zu beurtheilen; wir kennen auch nicht die Körperkonstitution der dortigen jüdischen Ansiedler; wohl aber haben wir die schwere, saure Arbeit, welche dem Moorbauer und Haidekolonisten in Deutschland obliegt, zu beobachten Gelegenheit gehabt. Und wir sind zu der Ansicht gekommell: Nur sehr kräftige, an Entbehruilg gewöhnte und mit den schwersten Arbeiten vertraute Personen vermögen es, in Deutschland in Moorkolonien und Haide mit Erfolg den Boden zu kultiviren ulld ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, namentlich, weiln, wie bislang, die Moorkolonisten fast ausschließlich sich mit dem Körnerbau und dem Torfstechen beschäftigen. Nun dürfen wir aber unsere Augen nicht vor der Thatsache verschließen, daß bei unseren deutschen Glaubensgenossen, durch die jahrhundertelange Einpferchung in enge Straßen und Entwöhnung von schwerer körperlicher Arbeit sowie durch die ihnen . infolge der Gesetzgebung aufgezwungene Beschäftigung mit Handel und anderen Erwerbszweigen der Geist, die Nerven und der Geschäftssinn zwar vorwiegend entwickelt wurden, die Muskulatur resp. die Körperkräste jedoch vernachlässigt worden sind. Wir müssen mindestens die Entwickelung der nächsten Generation abwarten, bevor ein nennenswerther Prozentsatz deutscher Juden die Befähigung besitzt, ein derartiges Kolonisationswerk zu betreiben. Um nun aus einer Bevölkerung, deren Kinder leider häufig schwächlich und mit Skrophnlose behaftet sind, einen kräftigen Menschenschlag zu bilden, bedarf es eines Ueberganges, und dieser Uebergang wird einzig und allein durch die Erziehung sich segensreich gestalten lassen. Von frühester Jugend an müssen die Kinder zu körperlichen Arbeiten angehalten und daran gewöhnt werden; dadurch werden die Muskeln gekräftigt, und wird der Körper gestählt. Dann sind sie später zu den mit körperlichen Anstrengungen verbundenen Handwerken tauglich und werden sich nicht größtentheils dem Schneider-, Kürschner- und anderen leichteren Gewerben zuwenden. Namentlich sind sie für Bodenkultur, wie Obst- und Gemüsebau und andere Zweige der Gärtnerei, zu gewinnen. Ans den Kindern dieser so herangezogenen Männer läßt sich ein richtiger Bauernstand, der zur Urbarmachung von Moor und Haideland fähig ist, bilden. Es genügt jedoch nicht, diese Erziehungsmethode nur auf die Knaben zu beschränken, auch die Mädchen müsten zu körperlicher Arbeit angehalten werden, damit sie später tüchtige Stützen der Männer werden. — Das war der Gesichtspunkt, welcher bei der vor circa 4 Jahren gegründeten Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem maßgebend und bestimmend war , und diese Anstalt ist wohl das einzige jüdische Institut, in dem Schüler und Lehrlinge außer zum. Handwerk auch zur Bodenkultur methodisch herangebildet werden. Wie aus dem von Vorstand und Kuratorium veröffentlichten Aufrufe hervorgeht, werden daselbst Knaben, je nach ihrer Befähigung, für Gemüse-, Obstbau und andere Zweige der Gärtnerei ansgebildet, und diese können später in Deutschland, die notwendige Unterstützung vorausgesetzt, Gartenbaukolonien in nicht zu großer Entfernung von großen Städten errichten, um einen Theil des Bedarfs an Obst und Gemüse rc. für diese Plätze zu ziehen. Es würde hierzu erforderlich sein, daß wohlhabende Glaubensgenossen größere Güter ankanften, dieselben dann in kleine Parzellen an tüchtige jüdische Gärtner verpachteten und diesen so die Möglichkeit gewährt würde, gegen eine Rente oder allmälige Abzahlung diese Grundstücke zum Eigentum zu erwerben. Kinder, welche aus solchen Kolonien stammen, würde man dann wohl für innere Kolonisation nach den Plänen und Wünschen des Herrn Tuch verwenden können.

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