Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228224--53709-3267648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ipj 223 Dir Mache. Berlin, 19. Mai. Unsere Konservativen sehen den Staat wieder einmal in Gefahr. Das starke Anwachsen des jüdischen Elements in der Schülerzahl der höheren Lehranstalten Berlins und Breslaus betrachten sie mit Furcht und Grauen. Es ist nicht zu leugnen,, daß prozentualiter mehr jüdische Väter ihre Kinder auf höhere Schulen schicken als christliche. Wahrlich nicht blos deshalb, weil die Juden bei,, der ungleichen Vertheilung der Lebensgüter besonders gut abgeschnitten sind. Unter den jüdischen Schülern höherer Lehranstalten find sehr^ sehr viele die Kinder armer Leute. Alle Tage kann man sehen, daß jüdische Eltern, ihr Letztes hingeben und keine Mühe und Sorge scheuen, um ihren Söhnen und Töchtern den Zugang zu einer , gründlichen theoretischen und praktischen Ausbildung zu erzwingen. Sehr treffend bemerkt hierüber die „Bresl. Ztg." - „Die Juden befinden sich hier wie überall in einer eigenthümlichen Lage. Suchen sie sich materielle Güter zu erwerben, so klagt man über ihren Mangel an Idealismus Gehen sie auf den Erwerb geistiger Güter aus, so mißgönnt man ihnen auch diese. Der Neid an sich ist gewiß eine der häßlichsten Charaktereigenschaften. Wer aber einen Anderen um sein geistiges Streben beneidet, der ist schlechterdings verächtlich; hier wäre der Wettbewerb und nicht der Neid am Platze. Bei solchem Wettbewerb haben die Juden sicherlich nicht die besten Chancen. Daß man sich bei Besetzung der höheren Aemter nicht gerade auf die Juden kapriziren wird, und daß man sie zur Verwerthung ihrer Kenntnisse nicht besonders freundlich einladen wird, steht von vornherein fest. Gewiß trägt die Bildung auch den Juden schöne und erfrischende Früchte, aber die materiellen Vortheile ihres Strebens sind gering. Wenn die „Kreüzzeitung" die Staatsregierung auffordert, „Maßregeln gegen das starke Anwachsen des jüdischen Elements an höheren Lehranstalten zu ergreifen", so fragt man sich, welcher Art dieselben sein sollen. Die Kreuzzeitung will augenscheinlich, daß alle höheren Schulen konfessionellen Charakter tragen, und daß alle Lehrer und Schüler einer Anstalt in religiöser Beziehung uniform sein sollen. Die Forderung involvirt große finanzielle Opfer, zu denen die Ritter der Kreuzzeitung sich nur ungern bequemen würden. An vielen Orten und in vielen Gegenden, wo ein Gymnasium sehr wohl evangelische, katholische und jüdische Schüler in sich zu fassen vermag, müßten deren drei vorhanden sein. Die Folge wäre sicherlich, daß nicht drei höhere Lehranstalten, sondern gar keine existirte, daß also das Bildungsbedürfniß keine Befriedigung fände. Die Kreuzzeitung würde dafür allerdings kaum ein Bedauern, haben. Wichtiger aber als die intellektuelle Seite der Frage ist .die moralische. Nichts ist geeigneter, Borurtheile groß zu ziehen, als die Abgeschlossenheit. Man muß die Menschen kennen, um sie richtig zu beurtheilen. Wenn evangelische, katholische und jüdische Schüler auf derselben Schulbank sitzen, in denselben Räumen sich tummeln, knüpfen sich unwillkürlich gemüthliche Beziehungen? Freundschaften werden geschlossen, die häufig für das ganze Leben Vorhalten, und die intime Kenntniß der Charaktereigenschaften Andersgläubiger hat oft genug das allgemeine Urtheil rektifizirt." * Ein Fall, der sich in Flatow, Westpreußen, ereignet, dürfte folgenschwer für ganz Ostdeutschland sein, wo in vielen Gemeinden eine Schlachtsteuer erhoben wird. Der Graudenzer „Gesellige" berichtet darüber : Es ist bis jetzt in den meisten jüdischen Gemeinden, so auch hier, Gebrauch gewesen, daß die Gemeindeabgaben durch Erhebung einer besonderen rituellen Schlachtsteuer aufgebracht werden. Während die Mehrzahl der hiesigen Israeliten, insbesondere die weniger bemittelten, an der alten Sitte festhält, das Fleisch nur von geschlichteten Thieren zu genießen, halten Andere, in der Regel dem wohlhabenderen Stande Angehörige, diesen Gebrauch nicht durchaus für nothwendig, wodurch sie sich aber den Gemeindeabgaben indirekt entziehen und diese auf die Schultern der ärmeren Bevölkerung wälzen. Deshalb wurde in der jüdischen Gemeinde angeregt, die Umlagen zur Bestreitung der Kultusbedürfnisse nach der Einkommenbezw. Gewerbe- und Gebäudesteuer aufzubringen, wie es bei den hiesigen christlichen Gemeinden der Fall ' ist, und die rituelle Schlachtsteuer vollständig aufzuheben. Da erboten sich einige besser gestellte Familien, zur Deckung der Gemeindekosten einen freiwilligen Beitrag zu leisten, der jedoch ihren Vermögensverhältnissen nicht entsprechend gewesen sein soll. Die Freunde der direkten Besteuerung wirkten nun dafür, bei der nächsten Nepräsentantenwahl nur solche Vertreter zu wählen, welche für die Abschaffung der rituellen Schlacht- und für die Einführung der direkten Besteuerung sein würden. Am 25. Oktober 1895 betrat nun diese Partei das Wahllokal. Als aber der Wahlkommissar dem bisherigen Gebrauch' entgegen die Wahl nicht durch verdeckte Stimmzettel, sondern durch direkten Zuruf vollziehen ließ, verließen viele Wähler die Synagoge, ohne ihre Stimme abzugeben, andere wiederum stimmten anders, als sie sich vorgenommen hatten, und so siegten die Freunde der alten indirekten Besteuerung mit einer Stimme Mehrheit, so daß von dieser Partei fünf und von der anderen vier Repräsentanten gewählt wurden. Nun starb der Kaufmann Neuweg, welcher den fünf Repräsentanten der einen Partei angehorte, und in einer darauf abgehaltenen Sitzung führte der stellvertretende Vorsitzende Kaufmann Leibdrucker den stellvertretenden^ Repräsentanten Marcus Drucker gemäß § 26 des Statuts für die hiesige Synagogengemeinde als wirklichen Repräsentanten ein, so daß jetzt die Partei, welche die Abschaffung der rituellen Steuer und die Einführung der direkten Steuern beabsichtigt, in der Mehrheit ist. In der Befürchtung, daß es nun durch einen Beschluß der Repräsentanten zur Ausführung des Reformprojekts kommen wird, protestirte die andere Partei gegen die Einführung des bisherigen stellvertretenden Repräsentanten als wirkliches Mitglied beim Herrn Regierungs- Präsidenten und, als sie abschlägig beschieden wurde, beim Herrn Oberpräsidenten. Aber auch von diesem ist die Partei jetzt mit ihrer Beschwerde abgewiesen worden. In einer demnächst einzuberufenden Repräsentanten-Versammlung soll nun der Beschluß gefaßt werden, die rituelle Schlachtsteuer abzuschaffen, die Synagogengemeindeäbgabett durch direkte Steuern zu decken und diesen Beschluß dem Herrn Regierungspräsidenten zur Bestätigung vorzulegen. " Zum ersten Male ist von Seiten einer Regierung, und zwar im Großherzogthum Hessen, die Trennung von Orthodoxen und Reformern offiziell festgestellt worden. Die Sache ist wichtig genug, um ausführlich besprochen zu werden. Für heute nur die Nachricht selbst. Die großherzogliche Provinzialdirektion in Gießen macht unterm 1. d. M. bekannt: Nachdem Seine Königliche Hoheit der Großherzog Allergnädigst geruht haben, die Rabbiner Dr. David Sander in Karlsruhe und Dr. Leo Hirsch seid in Gießen zu Provinzialrabbinern, beide mit dem Amtssitze in Gießen, zu ernennen, so wird dies zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Der Amtssprengel des erstgenannten Rabbiners hat sich auf diejenigen Judengemeinden zu erstrecken, deren Vorstände ihre Zugehörigkeit zur gemäßigten liberalen Richtung des Judenthums beschlossen haben bezw. beschließen, wogegen der Amtssprengel des anderen Rabbiners die Judengemeinden der orthodoxen Richtung umfaßt, — unbeschadet des Rechtes der einzelnen Gemeinde-Angehörigen, für sich und ihre Familien- Angehörigen auch die Amtsthätigkeit des anderen, ihrer religiösen Richtung am nächsten stehenden Rabbiners in Anspruch zu nehmen." r' ■ ■ <$> : Die Judenkrawalle in Kantakusowo (Gouv. Cherson) haben weit größere Dimensionen gehabt , als die ersten Nachrichten vermuthen ließen. Fast der ganze Flecken? alle jüdischen Häuser, so berichtet der Korrespondent der „St. Petersburger Wjedomosti", ist von dem wüthenden Volkshaufen zerstört worden. Das Dorf Kantakusowo liegt nicht, weit von der Stadt Wosyessensk, daher sind auch dort die jüdischen Einwohner der Stadt von Panischem Schrecken ergriffen.' In Kantakusowo sind alle jüdischen Buden abgetragen worden und die Waaren auseinandergeworfen. Ein Theil der J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.