Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228223--53701-3267639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
240 Inzwischen war ein Trupp von Arbeitern ans dem Gasthause gekommen, meistens ältere Leute, auch einige Weiber darunter, die in lebhafter Weise sprachen und gestikulirten, aber sofort still wurden, als sie, vor dem Häuschen angekomnien, ihren Chef in dem Licht der Lampe, welche auf dem Tische neben der Wage stand, erkannten. Man sah manche vom Trunk erhitzte Gesichter, deren Ausdruck eine bedenkliche Erregung verrieth. Aber die Disziplin war mächtig genug, um sie in Respekt zu halten. „Hört an, Leute," begann Awrom nach einer Pause, während welcher er die Gruppe ruhig musterte. „Ihr habt Euch gegen das Recht von der Arbeit entfernt, und nach dem Gesetze könnte ich Euch sofort entlasten, aber ich weiß, daß die meisten von Euch Weib und Kind haben, und darum will ich dieses Mal Nachsicht haben, da Mr sonst brave Arbeiter wäret und nur aufgehetzt wurdet. Was man Euch gesagt hat, ist eine Lüge. Ihr werdet Morgen Eueren Lohn bekommen und, wenn ihr sofort an die Arbeit geht, wird Euch für den Nachmittag kein Abzug gemacht werden." - „Hoch der Herr Bürgermeister!" rief eine Stimme aus dem Haufen, und alle Arbeiter stimmten theils deutsch, theils slavisch in diesen Ruf ein. „Könnt Ihr in einer Stunde drei Waggon Schnitte aufladen l" begann der Redner wieder, nachdem sich der Lärm gelegt hatten 5 „Ja, ja, das können wir, auch noch früher.-wenn es nöthig ist," scholl es in lebhaftem Durcheinander aus der Gruppe.; „Gut!" sagte Awrom. „Wenn ihr das fertig gebracht habt, bekomint Ihr Morgen einen Eimer Bier und jeder Mann noch ein Päckchen Tabak und die Weiber einen Leib Brod extra." r „Hoch der Herr Bürgermeister!" rief es wieder. * Der Gefeierte winkte abwehrend mit der Hand. f „Wer aber betrunken ist," fuhr er fort, „und Exzesse begeht, den lasse ich sofort einsperren der. Gendarmeriepostenführer wird heute die ganze Nacht patrouilliren — und morgen mit dem Schub in seine Heimath schicken. Nun geht an Euere Arbeit!" Die Gruppe stob sofort auseinander, und in der nächste Minute war Alles auf seinem Posten, und unter lautem Gesänge flogen die Schaufeln und die Körbe, als hätte sich die Erwartung des Freibiers und Tabaks ihnen mitgetheilt. „Sehen Sie, Kreimer," begann jetzt der Buchhalter mit ironischem Ernst, „wenn Sie die Leute richtig zu behandeln wüßten, dann würden Sie sie viel williger finden." „Die Bande," murmelte der Wagemeister, „hat nur vor dem Gensdarmen und dem Schub Respekt. Pflichtgefühl kennen sie nicht, diese tückischen Dickschädel!" „Geben Sie nur Acht, daß die Leute arbeiten," bemerkte Awrom. „und Niemand herankommt, der sie verhetzen kann. Dann melden Sie dem Magazmsaufseher, daß die drei Wagenladungen noch heute Nachts mit dem Güterzuge abgehen müssen. Ich will zum Notar in die Kanzlei und werde bald zurück sein." . [' „Und ich will beim Wägen anwesend sein," sagte der Buchhalter mit leisem Anflug von Ironie. „Die Loneschitzer Gutsverwaltung hat uns neulich Anstände wegen Gewichtsabgang gemacht." „Ganz recht," erwiederte der Wagemeister zu Awrom gewendet, ohne den Buchhalter 311 beachten. „Ich werde Alles besorgen." - (Fortsetzung folgt.) Fitterarifche Mittheilungen. ---Ein neuer Maftöach, Schlüssel zur leichten Umrechnung jüdischer und christlicher Daten sowie zur Bestimmung des Wochentages eines jeden beliebigen Datums für die Jahre 4103—5760 A. M., d. i. 315—2000 A. Ehr. nebst einer Tabelle über die Wochenabschnitte für alle Sabbathe des Jahres von Dr. M. Simon-Berlin und L. Cohen, Lehrer, Rees a. Rh. Verlag von M. Poppelauer, Berlin 1897. Zwei auf dem Gebiete des jüdischen Kalenderwesens bereits rühmlichst bekannte Verfasser haben sich zusammengethan, um ein Werk von vorzüglicher Brauchbarkeit zu Stande zu bringen. Und die Aufgabe, die sie sich gestellt haben, ist ihnen in vollkommenster Weise gelungen. Für jedes der 1655 Jahre des im Titel angegebenen Zeitraumes ist ein vollständiger und übersichtlicher Kalender gegeben, so daß es jedem Laien möglich ist, mit Leichtigkeit jedes beliebige Datum aufzufinden und von der einen Zeitrechnung in die andere umzusetzen, auch den Wochentag eines jeden Datums des angegebenen Zeitraumes festzustellen. Es ist hierbei jede Umrechnung ihm erspart, denn er braucht einfach nur abzulesen. Da aber in einzelnen der 1655 Jahre die Kalendarien öfters übereinstimmen, so ist es den Verfassern gelungen, diese aus die Zahl von 279 zu reduziren, und so ist das Werk, welches nach Anlage des ursprünglichen von dem einen derselben, L. Cohen, im Jahre 1879 herausgegebenen Mafteach trotz aller Genialität der Veranlagung doch einen Raum von fast 100 Bogen in Anspruch genommen hätte, auf 6 Bogen zusammengedrängt. Somit sind die Vorzüge des Werkes, besonders für den Laien: gedrängte Kürze, Uebersichtlichkeit und leichtes Auffinden ohne jeden Anspruch auf Kenntniß auch nur der elementarsten Grundzüge des jüdischen Kalenders oder auf die Thätigkeit des Umrechnens seitens des Benutzers. Trotzdem gehen den Tabellen „Er-läuterungen" voran, die in leicht faßlicher Weise nicht nur Fingerzeige für den Gebrauch derselben geben, sondern auch die dem jüdischen Kalender zu Grunde liegenden Gesetze vorsühren. Besonders möchte ich auf die als Anhang gebrachte Tabelle XXX aufmerksam machen. In derselben sind nämlich für alle Arten von Jahren (deren es durch Komplikation der verschiedenen Jahre mit den verschiedenen Wochentagen als Jahresanfängen zwölf giebt) die Wochenabschnitte mit dem jedesmaligen genauen jüdischen Datum, an welchem sie gelesen werden, sowie welche Wochenabschnitte in jedem der betreffenden Jahre zusammengezogen werden, angegeben. — Während nun diese Tabellen für den Laien die angeführten Vortheile bieten, sind sie für den Sachkenner und noch mehr für den Forscher ganz besonders werthvoll. Für Jenen würde wohl der in dem ersten Maftöach angenommene Zeitraum von 200 Jahren mehr als ausreichen, für den Geschichtsforscher aber ist es von Werth, weiter zurückrechnen und in ferner hinter uns liegenden Jahrhunderten sich orientiren zu können. In dieser Beziehung gerade bietet der neue MastLach Bortheile, wie sie in keinem der bisher auf diesem Gebiete erschienenen Werke zu Tage treten. Das Jahr 345 A. Chr. ist deswegen als Ausgangspunkt genommen, weil die Verfasser annehmen, daß in diesem Jahre Hille! II. den jetzt bestehenden jüdischen Kalender veröffentlicht hat. Ob sie damit Recht haben — das zu entscheiden wollen wir den Fachgelehrten überlassen. Dieser Punkt aber ist sehr nebensächlich, und selbst wenn die Verfasser darin geirrt haben sollten, thut es dem Werthe des Werkes keinerlei Abbruch. Erhöht wird aber derselbe dadurch, daß das Werk als Triglotte erschienen ist und neben dem deutschen auch französischen und englischen Text bringt. Also alles in allem: Der Fachmann und Sachkenner wird diese Tabellen mit Nutzen studiren, der Laie sie mit Leichtigkeit benutzen können. . - A. L. — Die Nr. 18 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Nationalliberale und Antisemiten. — Konservative Weisheit. — Die soziale Wirksamkeit des jüdischen Lehrers in seiner Gemeinde. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Ein Besuch bei Josef Israels. — Briefkasten. Druck und Berlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.