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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-14 · Heft 20 (14.5.1897) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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All diese Romantik war längst verschöllen und' jetzt befanden sich in dem Häuschen außer dem Arme der -großen Brück^nwage nur ein kleiner Tisch und zwei Stühle, die faitmfür bie' (SiTitTrcteuben , zum Stehen übrig ließen. Kreimer, der Wagemeister, der in'dem von Tabakqualm erfüllten Raume mit der kurzen Pfeife im Munde. auf einem Stuhle gesessen Tjatte, während seine Füße auf dem anderen ruhten, erhob sich rasch und legte die Hand grüßend an seine Militärmütze, ohne seine Pfeife aus dem Munde zu entfernen. „Ist etwas Neues vorgefallen?" fragte der Chef. . „Nichts besonderes, Herr Bürgermeister," erwiederte der Angeredere. „Sind die drei Waggonladungen Schnitte nach dem Meierhofe Loneschitz abgegangen?" fragte der Buchhalter. „Noch nicht!" war die kurze Anwort. '.'„Ja, warum denn nicht?" fragte der Buchhalter mit offenbarer Entrüstung. „Ich sagte Ihnen doch, der Auftrag hätte Eile; er hätte spätestens heute Morgen yusgeführt werden sollen." ' „Ich hatte keine Leute," erwiederte Kreimer gleichgiltig, imdem er mit der rechten Hand die beiden Zipfel seines laugen Backenbartes strich. „Sie haben heute Mittags die Arbeit niedergelegt." „Und das melden Sie erst jetzt!" rief Awrom, indem er zornig die Hand an den Stuhl legte. „Ich ging sofort nach der Kanzlei," war die Antwort, „aber der Herr Bürgermeister waren in der Sitzung und inzwischen meinte ich, der Herr Bürgermeister werden es schon erfahren." „So!" stieß dieser hervor. „Was war denn der Grund des Ansstandes?" „Es hat Jemand die Leute aufgehetzt," sagte der Wagemeister mit einem leichten Zucken der Mundwinkel, „und ihnen eingeredet, daß diese Woche kein Lohn ausbezahlt werden würde, weil die Arbeit eingestellt werden solle." „Wer war denn dieser Jemand?" fragte der Buchhalter den Wagemeister scharf fixirend. „Es ist doch sonderbar, daß gerade den Arbeitern Ihrer Schicht dieses Märchen erzählt wurde." „Ich bedaure Ihnen nicht dienen zu können," erwiederte der Wagemeister trotzig. „Mittags sind die Leute, während sie gewöhnlich im Freien ihre Rast halten und ihr Mittagbrod verzehren und höchstens einen aus ihrer Mitte um Bier schicken, alle fortgegangen, ohne ein Wort zu sagen, und als ich einen von ihnen um den Grund dieses auffallenden Benehmens fragte, gab er mir die erwähnte Auskunft. Ich wollte es sofort melden, aber der Herr Bürgermeister waren eben nicht in der Kanzlei." „Sonderbar, höchst sonderbar!" murmelte der Buchhalter halblaut vor sich hin, während der Chef mit den Knöcheln der rechten Hand leise auf den Tisch trommelte. Inzwischen hatte der Buchhalter einen Schatten an dem Fenster sich vorüberbewegen gesehen. Rasch öffnete er die Thür und rief mit lauter Stimme: „Heda, Nawratil! kommt einmal näher!" Ein Arbeiter näherte sich der Thür und blieb an der Schwelle mit -der Mütze in der Hand stehen. „Nawratil!" sagte der Buchhalter in strengem Tone. „Warum habt Ihr denn denn die Arbeit niedergelegt?" ' „Bitt'ich sehr, gnädige Herr," antwortete der Gefragte schüchtern. „Ham sie sogt, wer me kein Geld kriege, brauch me nix arbeite." „Wer hat das gesagt?" fragte der Buchhalter rasch. „Waß ich nit, bitte sehr, gnädige Herr," war die Antwort. „Ham sie alle sogü Ham me fragt Herr Wagemeister, hot er sogt : Wann is kein Geld in Kaffe, konn me nit zahle." „Da hätten Sie sich doch erst erkundigen sollen, Kreimer-" sagte der Buchhalter zu diesem gewendet mit sarkastischem Lächeln.' * „Das Ist eine unverschämte Lüge von dem besoffenen Kerl," polterte der Wagemeister. „Wie könnt Ihr Euch unterstehen, so eine-Lüge zu sagen, Ihr —" wandte er sich, die Pfeife drohend erhoben; an den Arbeiter. :: „Is e wohr, Herr Wagemeister," erwiederte Nawratil. Während der Wagemeister sich'anschickte, eine noch wärmere Replik zu halten, kam Franz mit der Meldung , daß der Notar gekommen sei und auf den Bürgermeister im Bureau warte. Das Erscheinen des Dieners war eine. Unterbrechung der unliebsamen Auseinandersetzung, die nicht nur dem Beschuldigten, sondern auch den beiden Anderen sehr gelegen kam. Franz wurde mit dem Aufträge zurückgesendet, den Herrn Notar zu ersuchen, er möge sich tzüiigst nur wenige Minuten gedulden, der Herr Bürgermeister werde bald Nachkommen. Nawratil stand noch immer an der Schwelle mit der Mütze in der Hand, während der Wagemeister ihn mit finsteren Blicken maß, dabei in die Spitze seines Pfeifenrohres biß und mehrere Male mit seinen Fingern durch seinen Backenbart hindurchfuhr. : „Wo sind die Leute?" sagte Awrom zu dem Arbeiter,' als der Diener sich entfernt hatte. „Sein alle in Kantine, bitt' ich sehr, gnädige Herr Bürgermeister," war die Antwort. „Da habt Ihr auf-Tabak," sagte der Chef, indem er in die Tasche griff und dem Arbeiter eine Silbermünze in die Hand steckte, Mid bringt mir die Leute her, aber rasch, denn ich muß in die Kanzlei zurück."? Nawratil faßte den ausgestreckten Arm des Chefs, den er am Ellbogen küßte, und während er mit bemerkenswerther Zungengeläufigkeit einmal über das andere Mal: „Küß die Hand, gnädige Herr, dank ich vielmals, gnädige Herr, gelt's Gott, gnädige Herr!" hervorstieß, war er schon verschwunden, um nach dem gegenüberliegenden unscheinbaren Rohziegelbau zu eilen, der zugleich als Fabrikskantiue und als Bahnhofsrestauration diente. Es war eines jener nüchternen modernen Häuser, wie sie unsere raschlebige und praktische Zeit aufführt; nichts von der Gemüthlichkeit der alten Schänke mit ihren lauschigen Winkeln, ihren schweren eichenen Thüren und riesigen unbehilflichen Schlössern, ihren uralten Bänken und schweren Eicheniischen, die für Stammgäste gemacht erscheinen, an welchen ein Jeder fühlt, daß die Behaglichkeit vieler Generationen in ihnen aufgestapelt liegt. In diesen Bahnhofsrestaurationen ist Alles neu und raschlebig, die Räume nüchtern, viereckig, die Tische UNd Stühle' von weichem Holz, ohne jeden Stil, Alles auf den Bedarf des Augenblickes, nichts für das Gemüth. 4'i- „Das ist ein tückisches Volk, diese böhmischen Arbeiter," bemerkte - Nk Wagemeister, als Nawratil fortgegangen war. „Bei aller Dummheit, Me in ihren dicken Schädeln steckt, sind sie hinterlistig wie die Katzen." m Da wir nun einmal keine Anderen haben, Kreimer," bemerkte Mr Buchhalter lächelnd, „müffen wir mit ihnen vorlieb nehmen und besonders heute, da die Arbeit dringend ist. Sie werden noch bei Mcht-die Aufträge ausführen lassen." - „Wiv haben nicht viel Zeit," erwiederte der Wagemeister. „Wenn der Lastzug einfährt, sind unsere Geleise nicht mehr frei, und mit Arbeitern, die einen ganzen Nachmittag getrunken haben, geht die Arbeit nicht so rasch von statten." r Mir wollen jetzt nicht untersuchen," sagte Walter scharf, indem eS>eine Weile auf seine Taschenuhr sah, „wessen Schuld das ist. . Der Postzng ist soeben eingefahren und pünktlich eingetroffen. Da dieser Zug den Güterzng in Mettau passirt, haben Sie anderthalb . Stünden Zeit, und bis dahin müffen Sie fertig sein, wenn wir die Mbeiter haben, und das wollen wir ja bald sehen."

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