Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Er fühlte instinktiv die guten blauen Augen der freundlichen Frau sorgend auf sich ruhen. . \ ■ Hatte er einmal über seine Kräfte gedacht und geschrieben und jene häufig sich wiederholenden Anwandlungen einer an Ohnmacht grenzenden Schwäche befielen ihn, dann regte sich die Furcht, jene Szene könne sich wiederholen; er würde von Neuem gezwungen werden, eine Gastfreundschaft auzunehmeu, die ihn gerührt, übet auch beschämt, an die er mit so widerstrebenden Empfindungen zurückdachte, daß er noch nicht den Muth gewann, die flüchtigen, ih'ü aber lebhaft beschäftigenden Beziehungen zu den beiden Dameü enger zu knüpfen. Seine geistige Kraft kam ihm wie gelähmt doch sobald er seinen ehemaligen Platz am Fenster emnehmen woM seine- Gedanken verwirrten sich.^ohne daß sein Herz irgend welchen Antheil dabei hatte,! . Die Mütter hatte ihm bei. Weitem besser gefallen als die Tochter Ob Sophie hübsch, ob sie häßlich war, hätte er nicht zu sagen vermocht. . Das entschiedene, ihm etwas burschikos erscheinende Wesen dex jungen Dame hatte ihn frappirt, allerdings war es ihm an jenem Tage ganz recht gewesen, daß sie die Initiative ergriffen, ihm war die Kehle wie zugeschnürt gewesen, und er hätte kein Wo-rt gefunden, allein die wenigen jungen Damen, mit denen er bis dahin in flüchtige Berührung getreten, hatten ihm Nicht das wunderlich befangene Gefühl eingeflößt, , welches er dem so energisch auftreteud.en Mädchen gegenüber empfunden. Bei dem Gedanken, Sophie Mildx von Neuem gegenüber zu treten, den ruhig forschenden, so kühlest Blicken des gewiß sehr klugen Mädchens zu begegnen, wurde ihm so sonderbar zu Muthe, daß er den ihm selbst so nothwendig erS scheinenden Besuch bei den Damen von einem Tage zum anderen verschob, bis er endlich zu dem Entschlüsse gelangte, den Baun zu .brechen, welchen die nahe Nachbarschaft auf ihn legte. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. .-■* Dreiunddreißigstes Kapitel. Der treue Diener. ':1 f ie beiden Freunde waren allein. „Glauben Sie, daß er es ist," rief Awrom hastig, nachdem die Thür sich hinter der Arbeiterin geschlossen hatte. > :.a- „Kein Zweifel!" erwiederte der Angeredete. „Der Name „H. v. Burgheim, k. k. Lieutenant a. D." läßt keinen Zweifel daraW aufkommen. Er ist wenig ausgegangen, war glatt rasirt, .trug eirv scheues Wesen zur Schau, nahm feine Mahlzeiten auf seinem Zimmer, ging zeitig auf Deck und zog sich sofort in seine Kajüte zurück, weigerte sich, seine Handtasche dem Hoteldiener anzuvertrauerh und allerendlich die im Hotel zurückgelaffene Cigarrentasche mit dem eingestickten Monogramm H. v. A. und der fünfzackigen Krone darüber. Die kenne ich ganz genau. Ich habe sie oft genug gesehen^. „Ich fürchte nur, der Verwaltungsrath wird ihn nicht verfolgen laffen wollen," meinte Awrom kopfschüttelnd. , i :: „Ich fürchte das nicht." siel Walter ein, „ich bin dessen gewiß. Wir dürfen den Herren die Gelegenheit nicht geben, sich darüber, auszufprechen, sondern müffen die Sache auf uns nehmen." £ „Und wenn die Herren es erfahren und Gegenordre geben?" i „Dürfen sie nicht," sagte der Andere trocken. „Ich fahre selW zurn Polizeichef in die Stadt und-bitte ihn, die Verhaftung, in aller Heimlichkeit anzuorduen. Von unserer Seite darf Niemals erfahren, daß seine Spur gefunden wurde, bis die Verhaftung vollzogen ist. Das wird, zwei Wochen dauern und bis dahin wird die Bevölkerung, besonders der bäuerliche Theil, so entrüstet sein, daß Niemand es wagen wird, den Antrag, zu stellen, daß. man den Spitzbuben laufen lassen solle, selbst wenn wir — was doch nicht wahrscheinlich ist — für die Auslieferungskosten aufzahlen müßten." „Hm!" meinte Awrom nach einer Pause, während - welcher er das Weinglas in die Höhe hielt und das Gaslicht hindurch. leitete. „Wer mag denn das verschleierte Frauenzimmer sein, welches ihn nach dem Berichte des Detektivs an Bord geleitet hat?" „Darüber habe ich kaum eine Vermuthung," sagte Walter nach einigem Nachdenken zögernd. „Es war nicht bekannt, daß er hier ein Verhältniß unterhielt. Möglich, eine Bekanntschaft aus Garuisonstagett! Uebrigens wird die Auslieferung der Dame weder verlangt, noch gewünscht werden, und sie mag drüben die Zahl der büßenden Magdalemn um ein weiteres rührendes Exemplar vermehren." „Ich fürchte nur," begann Awrom wieder, „daß die Gefangennahme des Verbrechers unsere Jntriguanten im Verwaltungsrath zu erneuerter Thätigkeit auspornen und die Rekonstruktion der -Fabrik erschweren werde." „Das gerade Gegentheil wird der Fall fein," fiel Walter lebhaft ein. „Die Herren werden vor seinen Enthüllungen solche Angst haben, daß sie zu jedem Vorschläge „Ja und Amen" sagen werden. Und mehr als alles gilt der moralische Effekt aus die große Menge kleiner Aktienbesitzer, die man jetzt glauben machen kann, wir hätten Asperufeld als Sllndenbock über die Wafferwüste geschickt." „Sie haben Recht, Walter," rief Awrom, indem er lebhaft aufsprang und dem Freunde die Hand schüttelte. „Jetzt wollen wir an die Jnventurarbeit geheü, und Sie müffen mich begleiten." Beide Männer traten nun einen Nuudgang durch die Fabrik an. Das Kesselhaus, die Siederäume, die Raffinerie, das Rohwaarenlager, die Verkaufshalle, die Vorrathshäuser und die Wagenremisen und Stallungen, alles wurde einer genallen Revision unterworfen, und die Bestände in die Tabelle, welche der Buchhalter mit sich führte, eingetragen. So schritten sie im Dunkel der Nacht, von einem Laternenträger begleitet, von Gebäude zu Gebäude. Ueberäll waren Arbeiter und Aufseher auf ihren Posten; Alle grüßten respektvoll und blickten mit einem Ausdrucke, gemischt aus Achtung und Theilnahme, auf ihren Chef. Sie hatten eben die Stallungen verlassen und gingen zwischen den Geleisen, welche aus dem Fabrikhofe nach dem Bahnhofe führten, bis an das Thor, welches die Fabrik von dem Bahnhofe abschloß. Der Wächter, der dort stationirt war, zog respektvoll seine Mütze und öffnete. Beide Männer überschritten die Bahttgeleise, um nach dem Wagehäuschen zu gelangen, welches jenseits derselben lag^ Es war ein kleines Häuschen, das zu den Klosterbaulichkeiten , gehört hatte und aus seiner Verfallenheit zu diesem Zwecke hergerichtet worden war. Was ursprünglich seine Bestimmung gewesen war, wußte heute Niemand. Vielleicht war es einmal die Friedhofskapelle des Klosters gewesen, vielleicht ein Theil einer Kreuzwegstation, vielleicht eine BUßerzelle für eine fromme Klosterfrau, der das Leben hinter den Mauern des Konvents nicht abgeschieden genug war. Cs zeigte noch jetzt mit seinen schmalen Spitzbogenfenstern Spuren seiner Bestimmung zu jener Zeit, als der schrille Pfiff der Lokomotive noch nicht gehört wurde, als die Abwässer der Fabrik den Fischen im Teiche noch nicht den Aufenthalt verleidet hatten und drüben auf dem Berge die dem Kloster untergebenen Bauern mit Armbrust und Bolzen Rehe für die Klosterküche erlegten.'