Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m — miomu»u, IflnEfilmflJ I—1 —-——-. 1—1 I 1 | FEUILLETON | I 1 rammnrrtün-M LLLMnMM -1 I—I! -- " 1--1 I-? Meder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) übsch?" lachte Frau Milde auf, „das möchte ich nun gerade nicht unterschreiben. Wir wohnen sehr primitiv, — aber, du lieber Gott, für so ein paar Arbeitsbienen, wie wir sind, Sophie und ich, reicht es aus. Sehen Sie, mein lieber Herr Doktor, dieses Zimmer hier repräsentirt, außer dem Schlafzimmer, alle für uns nothwendigen Genrächer. Wo Sie und ich jetzt sitzen," sie hatte auf dem Sessel neben ihm Platz genommen, „ist der Salon; hier empfangen wir unsere illnstren Gäste und nehmen den Thee oder Kaffee ein. Dort," sie deutete auf den Platz an einem der Fenster, wo der Schreibtisch stand, „ist das Stndiczimmer; gegenüber, wo das Pianino steht, Lehr- und Musikzinuner. Den Speisesaal haben Sie keniren gelernt," sie deutete auf den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand und gleich bei ihrem Eintritt wieder in Ordnung gebracht worden war. „Nun kennen Sie unsere eleganten Apartements, an die sich noch die Küche, größtentheils mein Reich, und ein kleines gemeinsames Schlafzimmer anschließt. Ein Rauchzimmer besitzen wir leider nicht, — aber wenn Sie gewöhnt sind, nach Tisch eine Cigarre zu rauchen und," setzte sie heiter hinzu, „notabene eine bei sich haben, ich kann nicht damit dienen, dann geniren Sie sich nicht. Die Herren der Schöpfung können ja nur sehr schwer ohne die geliebten Gliminstengel fertig werden." Ein flüchtiges Roth ergoß sich über das Antlitz des jungen Mannes. „Ich habe mir das Rauchen schnell abgewöhnt, aber, aufrichtig gestanden, sehr ungern," setzte er mit einem offenen Lächeln hinzu, „und das Erste, was ich mir kaufe, wenn mein Verleger mir das erste Honorar zahlt, ist eine Kiste mit Cigarren. Allerdings kann bis dahin noch ein gutes Weilchen vergehen und möglicherweise habe ich alsdann schon den Geschmack am Rauchen verloren." „Sie haben bereits einen Verleger für das Werk, an dem Sie so fleißig arbeiten, gefunden?" forschte Frau Milde. „Hm, ja, was man so nennt," entgegnete er, itnb derMisdruck seines Gesichtes verdüsterte sich dabei. „Ich arbeite, wie vorhin Ihr Fräulein Tochter bemerkte, vorerst für den Ruhm. Honori3 causa. Einen zahlenden Verleger habe ich noch nicht gefunden, — es ist schon ein seltenes Glück, daß sich einer gefunden, der es auf seine Kosten drucken läßt. Aber das Werk, an dem ich jetzt drei Jahre lang arbeite, soll mir den Weg bahnen, den ich wandeln will, und wenn er auch über Stock und Stein, durch Dornen und Gestrüpp geht. Es muß mir gelingen, — es muß!" Er hatte die letzten Worte mehr zu sich gesprochen als zu Frau Milde, die ihre theilnehmenden Blicke über sein jetzt wieder so bleiches, müdes Gesicht, über die schlank und gut gebaute, doch aber verkümmerte Gestalt in dem etwas abgenutzten Anzug gleiten ließ. Lebte in dem schwächlichen, von Roth und Armuth halb gebrochenen Körper wirklich ein so starker, elastischer Wille? Würde er als Sieger hervorgehen, — das gesteckte Ziel erreichen? Eine kurze Panse war eingetreten. Dr. Klein starrte vor sich hin; die Falte zwischen den scharf gezeichneten Augenbrauen trat deutlicher hervor; um den etwas schmaleil Mund zuckte ein herbes, bitteres Lächeln. Die schön geformten Hände fest zusammengeballt, saß er ein paar Minutenwie es schien, in recht schwere Gedanken vertieft da, — dann aber sprang er auf, lind mit einer kurzen Verbcugilng gegen Frau Milde, die ihn erstaunt betrachtete, meinte er schnell: „Ihre und meine Zeit ist kostbar. Wir haben wohl Beide Besseres zu thun, als zu schwatzen. Cs giebt überhaupt nur etwas Gutes auf der Welt, und das heißt: Arbeit; ob mit, ob ohne großen Erfolg. Leben Sie wohl, — nochmals Dank." Ohne die ihm entgegengestreckte Hand der Dame zll bemerken, nahm er seinen Hut; gleich darauf war er verschwunden. Das herzliche: „Auf Wiedersehen!" das Frau Milde ihm nachrief, schien er nicht gehört zu haben. II. Die kleine Episode spielte in dem an Ereignissen so armen Leben der beiden Damen eine gewisse Rolle. Besonders die Aeltere dachte oft daran zurück; ihr Interesse für den jungen Gelehrten war, seit sie seine persönliche Bekanntschaft gemacht, gewachsen, obwohl sie ihil äußerst selten und dann nur ganz flüchtig sah. Das mütterliche Wohlwollen, welches sie dem fremden Manne entgegengebracht, schien nicht auf allzu dankbaren Boden gefallen zil sein, denn auch nicht das kleinste Allzeichen von Seiten Kleins verrieth, daß er sich der beiden Damen erinnere. Frau Milde wiederholte es sich täglich, mld die Blicke Sophiens sagten dasselbe, wenn ihre Augen das gegenüberliegende Fenster streiften, ohne, wie ehemals, den Kopf des Mannes, über seine Arbeit gebückt, entdecken zu können; allein sie entschuldigte die scheinbare Rücksichtslosigkeit ihres Protegees mit feiner Schüchternheit und ließ die darauf bezüglichen Neckereien ihrer Tochter ohne jede Enipfindlichkeit über sich ergehen. Als aber Sophie eines Tages, von ihren Gängen, heimkehrend, die große Neuigkeit mitbrachte, daß der Doktor drüben bereits ausgezogen ulld die Stube anderweitig zu vernliethell sei, da erwachte doch ein leiser Groll gegen ihll in ihr, imb sie stimmte innerlich Sophie bei, als diese behauptete, daß ihr das Betragell des Herrn Dr. Klein wieder einmal den Beweis gebracht, daß man sehr gelehrt, dabei aber trotzdem recht ungebildet sein könne. „Gute Lebensart ist aber eine unerläßliche Eigenschaft bei einem Manne, der unter civilisirten Menscheil lebt, und wenn er diese ilicht besitzt, ich abstrahire dabei noch von der einfach geboteneil Höflichkeit in unserem Falle, dann wird er es bei aller Gelehrsamkeit nicht weit bringen. Du,' liebe Mama, wirst hoffentlich eine weise Lehre aus dieser neuesten Erfahrung ziehen." Wenn Sophie so eine kleine Philippika gehalten, dann vermied sie es, eine Antwort abzuwarten. Wortgefechte haßte sie, denn sie konntell leicht das so harmonische Verhältniß zwischen Mutter und Tochter stören, und auch heute hatte sie die Flucht ergriffen vor beii strafenden Blicken der Mama, welche auch den leisesten Tadel Sophiells nur schwer zu ertragen vermochte, obwohl sie ihr im Herzell fast immer beiftiuunen mußte. ■ Der Doktor war in der That allsgezogen, weil ihnl das Gefühl, beobachtet zu sein, nicht nur äußerst peinlich, sondern auch in seiner Arbeit störend war. Eine andere Lebensweise anzufallgen, gestatteten ihm seine dürftigen Verhältilisse ilicht. Es liiußte noch eine Zeitlang so weiter gehen; sich Entbehrungen auferlegen. Nach jenem Besuch der Frau Milde bei ihm und der daraus entstandenen Konsequenz wagte er nicht mehr am Fenster zu arbeiten.