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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-14 · Heft 20 (14.5.1897) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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2S6 lächelt immer freundlich und ist offenbar glücklich. Mit dem Lieblingsworte Rabbi Joses fühlt man sich versucht auszurufen: O, daß ich einen Antheil hätte unter Denen, die es verstanden haben, auf das Antlitz der Elendsten unter den Elenden ein Lächeln zu zanbern! Eine recht interessante Reliquie bewahrt das Institut in seinem vornehm ausgestatieten Sitzungssaale; es ist ein Check auf 158 090 Dollars und 11 Cents, das Erträgniß eines zu Gunsten der Anstalt abgehaltenen Bazars. Wenn es doch genügte, eine beliebige Ziffernreihe auf ein Checkformular Hinzumalen! Wieviel Elend würde verschwinden oder doch gelindert werden! Die Kosten der Erhaltung dieser Anstalt sind natürlich sehrhohe. was sich ans der kostspieligen Diät, aus der Hilflosigkeit der Patienten und aus den nöthigen medizinischen Apparaten erklärt. Ist doch der Jahresbedarf an Whiskey allein auf 1100 Dollars veranschlagt! Der Gesammtbedarf der Anstalt betrug im letzten Jahre 75 000 Dollars für 270 Patienten, und auch diese Anstalt ist schon unzureichend. Die Zahl der zur Ausnahme Vorgemerkten beträgt niemals unter fünfzig und zuweilen mehr als hundert. So wie diese Anstalt eine Abzweigung des Hospitals ist, bildete sich aus ihr heraus gegenwärtig scbbn ein neuer Zweig der Wohlthätigkeit. Herr Lymau G. Bloomingdale, der eine Tochter in jugendlichem Alter verlor, stiftete ein Kapital von 25 000 Dollars zu einem Asyl für Tuberkulose im Ansangsstadium der Krankheit, lind Herr Jacob H. Schiff erlegte die gleiche Summe für denselben Zweck. Diese Summe soll den Grundstock zu einem Sanatorium für solche Patienten bilden, deren Heilung man noch erwarten kann. Augenblicklich werden von dem Erträgnisse dieser Summe solche Patienten auf dem Lande in Pflege gegeben. Auch sonst hat das Nonteüore-Home seine externen Patienten, denen durch geschulte Wärter die nöthige Pflege außerhalb des Hauses zutheil wird. Die elektro- und hydrotherapeutischen Apparate sind die vollendetsten, welche die Wissenschaft kennt, und mit Stolz hebt der letzte Jahresbericht hervor, daß das Montefiore-Home nicht ein Platz ist, in welchem dem Patienten nur die Hoffnung bleibt, recht bald und schmerzlos zu sterben. Ein völlig gelähmter Mann, von den Hospitälern als völlig hoffnungslos zurückgewiesen, fand im Montefioi-e-Home Aufnahme, und ein sorgfältiges Studium seines Falles sührte die Aerzte zur Ueberzeugung, daß die Lähmung die Folge übermäßigen Schnupfens von schlechtem Tabak sei. Der Patient wurde demgemäß behandelt und konnte nach einiger Zeit als geheilt entlassen werden. Neben der eben im Beginnungsstadium befindlichen Heilanstalt für! Tuberkulose dürfte das Saiiitarium for Ilebrew Children, eine Art Ferienkolonie, seinen Platz finden. Auf der langgestreckten Küste' von Lang Island, das den New-Aorkern die herrlichsten Sommerfrischen in nächster Nähe bietet, hat diese Gesellschaft ein schönes' Landhaus erworben, wo im letzten Jahre 803 Kinder einen längeren, oder kürzeren Aufenthalt fanden und der Stickluft des Ghetto auf einige Wochen entfliehen konnten, um sich an der frischen Seelust! der Rockawaydüne zu erholen. Außerdem veranstaltet der Verein Tagesausflüge für arme Kinder mit ihren Müttern, die auf der Eisenbahn oder dem Dampfschiffe nach der Düne befördert werden,, um ihnen einen freien Tag in frischer Luft zu verschaffen. '! Sonst schließt sich an das Nonteüoie-Ilorue das Greisenasyl, Home t'or aged and infirm Hebrews, an. Ziemlich weit in der, „oberen Stadt" gelegen, ist es doch heute schon rings von Gebäuden. umschlossen, hat aber doch Platz gefunden, einen geräumigen Garten anzulegen und einen Flügel zu bauen, der die Faffungskraft des. Gebäudes um hundert Plätze erhöht. Das Greisenasyl zeigt so recht das Wachsthum der Anfmdernngen, die an den Wohlthätigkeitssinn unserer New-Nprker Glaubensgenossen gestellt werden. Vor 25 Jahren mit 15 Jnsaffen eröffnet, zählt es heute 169 und wird im nächsten Jahre um hundert mehr zählen. Ich will bei dieser Gelegenheit bemerken, daß das Greisenasyl sowie die anderen hier geschilderten Anstalten ihre Synagogen haben, in welcher täglicher Gottesdienst verrichtet wird, an welchem theilzunehmen jedoch Niemand gezwungen ist. Die Prediger der verschiedenen New-Iorker Gemeinden pflegen abwechselnd daselbst zu predigen. Auch sonst wird auf die religiösen Bedürfnisse der Benefizianten die weitgehendste Rücksicht genommen, was um so dankeuswerther ist. als sonst die Wohlthäter dieser Institute in ihren eigenen Gemeinden diese Gebräuche nicht als verpflichtend anerkennen. Selbst im Montefiore-Home versicherte mir der Direktor, daß die Küche der Anstalt koscher geführt werde, soweit die ärztlichen Vorschriften es zulasten. Außer dem. geschilderten Greisenasyl giebt es noch ein zweites, von dem Bene Berith-Qrden gestiftetes, das unweit von New-Nork in Jankers gelegen ist. Ich konnte es leider nicht besuchen und weiß nur von Abbildungen und Berichten, daß es, herrlich gelegen und trefflich verwaltet, sich den New-Iorker Schwesteraustalteu würdig anschließt. So giebt die Gemeinde New-Iork alljährlich Millionen in wohlthätigen Werken aus und steht an Zahl wie an Trefflichkeit seiner Institute trotz seiner Jugend an der Spitze aller Gemeinden der Welt. Freilich giebt es auch dort viel ungestilltes Elend, viele Hände, die feiern müssen, viele Heimstätten, die des bescheidensten Komforts entbehren, viele Kranke, denen es an der nöthigen Pflege mangelt, viele Kinder, deren Anlagen verkümmern müssen, Viele, die in Thränen säen, ohne in Jubel zu. ernten, von den Vielen abgesehen, die hoffnungsvoll an diesen Gestaden landen, um sie bald wieder enttäuscht zu verlaffen. Welch traurige Empfindung nach all dem Aufwand an Geld und. Energie, auch unter der ärmsten Klasse der Bevölkerung jene Scheidewand zwischen den Glücklichen zu sehen, deren Elend in den der Armuth errichteten Palästen gelindert wird, während so viele Andere, ebenso bedürftig und würdig, vergebens um Einlaß pochen. Wird es sich doch erst am Ende der Tage (Micha 4, 1) erfüllen, daß Jedermann sitzen wird unter seinem Weinstocke und unter feinem Feigenbaum, unb Niemand wird ihn aufstören? Wenn die Juden zur Zeit des sabbathiauischen Schwindels, anstatt die chimärischen Hoffnungen zu nähren, von denen Glücke! von Hameln uns in ihren neulich veröffentlichten Memoiren erzählt, den Holländern zuvorgekommen wären und Manhattan- Island, den Platz der heutigen Millionenstadt, um einen Sack voll Glasperlen den Indianern abgekauft hätten, wären ihre heutigen Nachkommen aller Sorgen vielleicht enthoben. Vielleicht, — vielleicht auch nicht! Vielleicht soll der Dürftige niemals schwinden von der Erde, damit wir lernen unsere Hand aufzuthun unserem armen und dürftigen Bruder. (5. Mos. 15, 11.) So habe ich auch die Empfindung, daß, wenn das Uebel der Welt unheilbar sein sollte, es eine That ist, auf welche die Metropole stolz sein kann, wenn alljährlich Tausende von Kindern b&m Verderben entrissen, Hunderte von Leidenden Heilung oder Erleichterung finden und anderen Hunderten ein Platz gegeben wird, wo sie sorgenlos ihre Tage beschließen können.

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