Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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HMWZ aufgelesen und auf Befehl des Polizeirichters dieser Anstalt übergeben. So hat die Ilebrew Sheltering Guardian Society im Jahre 1895 für 784 und im Jahre 1894 für 869 Kinder Lei einem Gesammtaufwande von 94 000 Dollars Sorge getragen. Die Einnahmen kommen zum größten Theile aus der städtischen Kasse, welche den Wohlthätigkeitsanstalten aller Konfessionen einen prozentuellen Antheil aus den dazu angewiesenen Fonds gewährt. Ueber die Anstalt selbst man sagen, daß sie, obwohl nicht so schön und so geräumig wie das Hebrew Orphan Asyluni, doch skrupulös reinlich gehalten und in hygienischer Beziehung musterhaft ist und daß Niemand, dem der Zweck dieser Anstalt .unbekannt ist, aus der Haltung der Kinder ersehen könnte, aus welchen Kreisen sie stammen. Der Anstalt werden Kinder vom dritten Lebensjahre an übergeben und bleiben, wenn die Umstände, welche ihre Unterbringung in der Anstalt nöthig machen, andauern, bis zu ihrem 15. Lebensjahre daselbst, während das Waisenhaus seine Pfleglinge erst mit dem sechsten Lebensjahre übernimmt und, falls sie begabt genug sind, um höhere Schulen zu besuchen, sie noch über das 15. Lebensjahr hinaus behält. Dein rabbinischen Begriff der Aufgabe des Gemeindelebens, für die Erziehung der Jugend zu sorgen, Talmud-Thora, gehört nach den Waisenhäusern das Hebrew Technical Institute an, welches man als jüdische Gewerbeschule bezeichnen könnte, obwohl es eigentlich eine .Handfertigkeitsschule ist. Der jüdische Geschichtsschreiber der Gegenwart wird ein besonderes Augenmerk den Bestrebungen zuwenden muffen, welche darauf ausgingen, die Resultate der mittelalterlichen Judengesetzgebung auf dem Gebiete des Erwerbslebens zu bekämpfen, unter welchen die Berliner Gesellschaft zur Förderung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden bahnbrechend gewirkt hat. Bei der in Amerika herrschenden Gewerbefreiheit und dem raschen Fortschritte des Maschinenwesens geht der Handwerker hier viel rascher in den geschulten Fabrikarbeiter über, als das in Europa der Fall ist, doch hat der Letztere dafür wieder viel günstigere Chancen. Darum war es die Absicht der führenden jüdischen Kreise New-Aorks, wenigstens die Heranwachsende Jugend der ärmeren Klaffe dem Hausirgewerbe zu entziehen. In einem dreijährigen Kurse lehrt die Schule verschiedene Holz- und Metallarbeiten sowie elektrische Konstruktionen und hat. nach einem Bestände von wenigen Jahren den Erfolg aufzuweisen, daß fast alle ihre Zöglinge lohnende Arbeit in der erwählten Branche gefunden haben. Leider erlauben die beschränkten Mittel — der Jahresbedarf der Anstalt beträgt 38 O00 Dollars — nicht, alle Aufnahmsbewerber aufzunehmen, da das gegenwärtige Gebäude nur für 200 Schüler Raum hat, doch macht sich der Segen dieser Thätigkeit jenseits der eigentlichen Wirksamkeit in dem Beispiele geltend, das sie flieht. Einen viel weiteren Kreis umfaßt das Hebrew Institute, welches man eine Civilisirungsanstalt für die russisch-polnischen Einwanderer nennen könnte. Seine Wirksamkeit im Detail zu schildern, ist ungemein schwierig. Der bloße Anblick des herrlichen Gebäudes erzieht den Sinn für Reinlichkeit und Aesthetik. Bäder, die für einen nominellen Preis zu haben sind fördern Gesundheit unb Reinlichkeit; Kurse für den Unterricht in englischer Sprache und alle g.^neinen Bildungsgegenständen heben das geistige Niveau des weiblichen Theiles der Bevölkerung und helfen den Männern, bester gerüstet in den Daseinskampf einzutreteu, Vorträge und musikalische Vorstellungen sorgen unentgeltlich für das Unterhaltungsbedürfniß der armen Bevölkerung, ein Garten auf dem Dache des fünfstöckigen Gebäudes giebt den Müttern des übervölkerten Ghettos Gelegenheit, die unerträglich schwülen Sommerabende oberhalb der rauch- und duustersülltcn Atmosphäre in frischer Luft zu verbringen.; Vor dem Gebäude plätschert ein monumentaler Springbrunnen, ein Geschenk des um qlle wohlthätigen Einrichtungen New-Porks hochverdienten Jacob H, Schiff, eines Mannes, der mehr noch als durch seine philanthropische Thätigkeit durch sein geradezu ängstliches Vermeiden aller Reklame sich die allgemeine Achtung erworben hat. Endlich wirkt in beispielloser Weise die mit diesem Institut verbundene Bibliothek, welche - den Namen der im jugendlichen Alter verstorbenen, für das Judenthum begeisterten Dichterin Grace Aguilar trägt. Diese Bibliothek umfaßt 15559 Bände, und ihre Cirkulation betrug im letzten Jahre 256 963 Bände, so daß auf jeden Band durchschnittlich 17 Leser kamen. Dazu muß man den unschätzbaren Nutzen des Lesezimmers rechnen, welches so vielen jungen Leuten nicht nur einen Platz, unbeschäftigte Abende, zuzubringen und die Mittel zur Befriedigung des Bildungsbedürfnisses bietet, sondern, was noch wichtiger ist, sie vor dem korrumpirenden Einfluste des amerikanischen Wirthshauses beschützt, wo viel mehr als in Deutschland Trunksucht und Spielwuth ihr Heim haben. Unter den Instituten, welche für die Kranken Obsorge tragen, steht das Mount Sinai Hospital obenan. Ein palastartiges, mit allem Komfort und den Anforderungen wistenschaftlicher Hygiene ausgestattetes Institut, das etwa 250 Betten faßt, im abgelaufenen Jahre 3211 Patienten aufnahm und 98308 Patienten in seiner Klinik behandelte, laborirt es gleichwohl an dem Uebelstande, unter welchem alle jüdischen Anstalten New-Aorks leiden: es ist den Anforderungen all seine Kapazität nicht mehr gewachsen, und seine Lage gestattet eine Ausdehnuilg nicht. Ein Neubau wird früher oder später erfolgen muffen, aber man schreckt gegenwärtig vor der Aufgabe noch zurück, denn trotzdem 11,65 Prozent der Patienten für ihre Pflege bezahlen, betragen die jährlichen Auslagen doch noch die beträchtliche Summe von 120000 Dollars. Ein zweites jüdisches Hospital, das Lebanon-Hospital, konnte ich leider nicht besuchen und bin daher nicht in der Lage, über den Unlfailg und die Art seiner Thätigkeit eine Angabe zu machen. Ein drittes Hospital, das sich im Ghetto befindet und neben dem daselbst befindlichen Asylhause für die eben angekommenen Einwanderer ein erfreuliches Anzeichen für die beginnende Selbst-Emanzipation der russischen Eiilwanderer ist, habe ich besucht. Es ist, obwohl für ein Hospital nicht erbaut, doch gut gehalten und erfüllt feinen Zweck bei denjenigen Patienten, welche aus religiösen Skrupeln das Mount Sinai Hospital nicht bellutzen wollen, in trefflicher Weise, wem: auch in bescheidenem Umfange. Es hat etwa 30 Betten. Geradezu großartig steht New-Aork mit seinem Siechenhause, dem Montefiore Home for chronic invalids, da. Ein herrliches Gebäude mit großem Garten, an dem malerischen Ufer des mächtigen; Hudson in der Nähe des Waisenhauses gelegen, mit einer unvergleich- : lich schönen Aussicht, die bis in den Golf von New-Pork sich erstreckt, beherbergt das so freundlich uns anlächelnde Gebäude eine solche Summe von menschlichem Elend, daß man starke Nerven braucht, um es zu durchwandern. Tuberkulose und paralytische Patienten bilden natürlich die Mehrzahl, doch sieht man auch sonst einen Fachkatälog all des Jammers, den man unter dem Titel unheilbares Leiden zusammenfaßt. Da sieht. man ein unheimlich blickendes Weib mit ganz verschobenen Kopfformen. Sie leidet an Elephantiasis, dort sitzt ein freundlich blickendes junges Mädchen, das als kleines; Kind in die Anstalt ausgenommen wurde. Sie ist des Gebrauches ihrer Füße ganz beraubt, und es ist ein unbegreifliches Wunder, wie sie mit diesen steifen Fingern schreiben und häkeln kann. Und das alles hat sie im Institute gelernt! Sie besitzt eine kleine Bibliothek, ein Geschenk ihrer vielen Bewunderer unter den Freunden der Anstalt, Und' hat sich > eine staunenswerthe Bildung angeeiguet. Sie