Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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233 Bevor ich hierauf zurückkomme, gestatte mir der geehrte Leser, meine empirischen Gesichtspunkte darzulegen. Als umn in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts dem israelitischen Gottesdienst, der bis dahin 311111 Gespött der Nichtisraeliteu und als Symbol der Orduungslosigkeit galt, eine größere Aufmerksamkeit zu schenken begann, da fühlte man vor allem das Bedürfniß, neben Einführung einer gediegenen Predigt sich auch dem kantoralen Theil desselben mit aller Kraft zuzuwenden. — Wohl ist nicht zu leugnen, daß es mit letzterem in Deutschland und namentlich in Süddeutschland wesentlich vortheilhafter stand als in allen übrigen Ländern; eine Erscheinung, die ganz natürlich und geschichtlich begründet ist. — Hier in Deutschland stand die Wiege der Entwickelung des abendländischen Jndeuthums, denn hier siedelten sich schon vor fast 2000 Jahren, aus dem Orient kommend, Juden an, und von hier aus verbreiteten sie sich erst, größtentheils unfreiwillig, über das ganze Erdenrund?) Es hat sich deshalb auch ein Synagogengesang, ein sogenanntes nittn, vielleicht schon aus früheren Zeiten stammend, entwickelt und festgesetzt, das für jeden Juden den Impuls alles religiösen Fuhlens und Denkens abgab. Unter den vielen traurigen Perioden der der Verfolgung, welche das arme Volk zu bestehen hatte, mußte natürlich auch dieser Zweig des Gesanges, der sich stets vererbte, leiden. Nur dem mächtigen Sinn für Musik und Gesang, der instinktiv im Volke Israel wurzelte, war es zu danken, daß diese Tradition nicht nnterging. Ein tüchtiger Mann, der sich für die überlieferten hebräischen Melodien besonders begeisterte, dieselben unter großer Mühe sammelte, war. wie bekannt, der berühmte Jacob Möln 1350—1427 in Mainz. Dem Verdienst dieses Mannes haben wir es zu danken, daß wir in Süddeutschland eine wirklich charakteristische, anmuthige Liturgie mit einheitlichen Melodien besitzen. Nirgends mag sich die diesartige Tradition so rein erhalten haben als in Süddeutschland und am Rhein. Die Entwickelung des Synagogengesanges in den slavischen Ländern ist jüngeren Datums. Als die Juden von Deutschland u. a. nach Polen und Rußland gedrängt wurden (denn aus Deutschland kamen ursprünglich fast alle Juden Rußlands und Polens, daher noch heute ihr jüdischdeutscher Jargon), ahmten sie allmälig die süßlich weinerlichen slavischen Weisen nach. Letzterer Umstand und zumal ihre gedrückte Lage bewirkte, daß sie die Tradition vergaßen?) den trüben, mit- 0 Die zerstreuten und wenigen Nachkommen jener Juden der iberischen Halbinsel, deren ursprüngliche gesangliche Liturgie wahrscheinlich untergegangen und nur noch maurische, spanisch-portugiesische und vielleicht auch türkische Nationalweisen für die Synagoge in Anspruch nehmen, kommen hier nicht in Betracht. — Die von dem Organisten des Tempels in der rue Ze In Vietoire zu Paris, Herrn Villers, herausgegebenen sefardischen Gesänge sind zwar sehr sonderbar, aber ebenso unrythmisch, monoton und ordnungslos. Manchmal werden auch in denselben auf einem Schwa mobile oder Chatuf patach ganze Takte ausgehalten. 2) Unter den russisch-polnischen Juden scheint es überhaupt keine Tradition zu geben. Man weiß beispielsweise dortselbst nichts von einer Wimpel oder Mappe, womit die Thorarolle umwickelt wird. In jeder deutschen (bezw. süd- und mitteldeutschen) Synagoge hingegen sind deren massenhaft vorhanden. Es waren ursprünglich die sogenannten, bei der Milah gebrauchten „Jüdisch - Windeln". Auf eine solche wird der Name und Geburtstag des betr. Knaben gestickt oder gemalt und von Letzterem im zweiten oder dritten Lebensjahre, natürlich unter Assistenz des Vaters, an einem Sabbath in die Synagoge gebracht. Es geht dies mit einer gewissen Weihe vor sich, denn die Wimpel soll zum ersten Male das Sefer zieren, resp. um dasselbe gewickelt werden, unter unheimlichen slavischen Melodien sich Hingaben und diese für den Gottesdienst verwertheten. Daher das heutige polnische Extewporatenthuin im Kantorate, ohne jeglichen Halt und. ohne jede Tradition. Singt gewöhnlich solch ein Polnischer pn eine Piece, verschnörkelt nach jener Art, die er nicht zu wiederholen vermöchte, so nennt er das — ebenso selbstgefällig als unberechtigt — „echt jüdisch nach alter Weise". Dies ist nicht richtig. Es ist nicht „jüdisch" sondern „slavisch", großentheils eine gutturale, geschmackverwirrende Saugesart. — Ich habe die Erfahrung gemacht, daß höchst selten ein polnischer stN den gewöhnlichen, einfachen Werktagsgottesdienst unserem würdigen, aumuthigen, uralten gemäß zu verrichten vermag. Hört man an Wochentagen den Polen in seiner monotonen und zugleich jammernden Weise, ohne festgesetzte Melodie der einzelnen Gebetstücke, vorbeteu, so wird mau unwillkürlich an 2K2 ni^n erinnert?) Freilich, der Vernünftige und Strebsame, der in Deutschland zu einer Stellung gelangt, hat sich bald das Nöthigste unserer schönen Weisen augeeignet, sieht seine etwaigen Mängel ein und nimmt dankbar Belehrung an, die ihm nützlich wird. Nicht selten gesellt sich aber zur Ignoranz auch Starrköpfigkeit, wodurch keinerlei Sympathie errungen, vielmehr die Sicherheit des mit Mühe errungenen Postens in Frage gestellt wird. Unsere überlieferten Weisen drücken Hoffnung, Innigkeit, Freiheit, ja nicht selten auch Freude ans?) die der weinerlichen slavischen und nicht sicheren Melodien hingegen tragen den Stempel des Trübsinns, der Knechtschaft, des Jammers und Kummers?) Nach diesen Darlegungen kehre ich zu Herrn Professor Dr. Steinthal zurück, welcher u. a. von 12? pW DK? ^331 spricht, mit der Bemerkung: „Ihr könnt in den musikalischen Aufzeichnungen lange suchen, ehe ihr ein solches &0 wieder findet. Aber könnt ihres gebrauchen, ihr Chordirigenten?" Was genannte Aufzeichnung anbelangt, so findet man solche unter Nummer 49 meines erwähnten, vor mehreren Monaten erschienenen Werkes 2p!?1 HT III. Ich fand diese Melodie, wie auch manche andere, ganz besonders der Aufnahme würdig; sie ist also vorhanden. Ich theile vollkommen den vom Herrn Professor eingenommenen Standpunkt, wenn er sagt, daß die zu erstrebende Sammlung unserer alten Melodien sich nicht ausschließlich auf die Synagoge erstrecken bei welcher Ceremonie das Kind das Ez chajim anzufassen hat. Diese Wimpeln oder Mappen waren in früheren Zeiten das maßgebendste Geburtsregister und insofern auch von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Auch das „Wahrts (das Kind) vor der Nacht", die „Holegrasch" Geräusch — Geräusch, Geschrei) und so manch andere echt patriarchalische, uralte häusliche Feste und Gebräuche, welche wahre Innigkeit und Zusammengehörigkeit kennzeichnen, wie sie auch der geniale, unsterbliche Professor Oppenheim dem jüdischen Leben in Süddeutschland ablauschte und so sinnig darstellte, sind in Rußland und Polen und vielleicht auch in Norddeutschlaud unbekannt. Auch die bei uns für die Seder-Abende nöthigen Mizwos kennt man nicht in Polen, woselbst gewöhnliche Mazos zum Seder genommen werden. 9 Dieser Umstand war eine der hauptsächlichsten Anregungen zur Komposition und Herausgabe meines '''“W IU, welches Werk außer traditionellen Melodien und Kasualien den Werktagsgottesdienst enthält. 2) Dies ist die Hauptsignatur unserer alten, echt jüdischen Melodien, und je mehr sich die verschiedenen Varianten dieser Charaktereigenthümlichkeit nähern und ähnlich sind, desto mehr gewinnen sie an Originalität und Brauchbarkeit. Pesachim Fol. 117 a. Jer. Succa III, 10; Chulin Fol. 138 a. 3) Ebenso wenig vermögen wir die Grundlagen unserer Melodien in den alten Kirchentonarten zu finden. Die Vielartigkeit unserer Weisen bewegt sich in einer Ungebundenheit, die keinerlei Einzwängung zuläßt.