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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-14 · Heft 20 (14.5.1897) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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Erziehung. Hier war ein wohlerwogenes Maßhalten geboten. Ein regelmäßiger Gottesdienst wurde im Hause nicht eingerichtet, die Kinder mußten an Sabbathen und Festtagen am Gerneindegottesdienst theilnehmerr; für Vater und Mutter müssen die Kinder das Kaddischgebet sprechen. In allem wurde der Grundsatz festgehalten, die Kinder nur zu solchen Gebräuchen zu erziehen, welche sie auch im späteren Alter in wahrer religiöser Ueberzeugung ausüben. Die Durchführung dieses Programms sei in den ersten Jahren verhältnißmäßig leicht gewesen, das Ideal einer Familienerziehung konnte im Anfang fast vollständig erreicht werden. Hierzu hätte die Mitstifterin des Hauses wesentlich beigetragen. So oft Kummer und Schmerz sie bedrückte, besuchte sie ihre Stiftung, veranstaltete Landpartien und sah mit Befriedigung auf den Frohsinn der Kinder. Später mußte sich dann auch die Thätigkeit der Anstalt nach außen richten, denn die Fürsorge für die entlassenen Zöglinge bilde die nothwendige Ergänzung der Anstaltserziehung. Während der Lehrzeit mußte für die entlassenen Zöglinge materiell gesorgt werden. Zn diesem Zwecke sei in hochherzigster Weise von Herrn Siegfried Wehrend, einem Neffen des Stifters, von Geheimrath Herz, von der Mitstifterin (60 000 Mark), Kuratoren und Ehrendamen ein Kapital aufgebracht worden, aus dem die nothwendigsten Bedürfnisse — im vorigen Jahre wurden 4500 Mark ausgegeben — bestritten werden können. Recht schwer stelle sich die Aufgabe, auf die Berufswahl der Zöglinge cinzuwirken. Die Anstalt hätte das Bestreben, die Knaben dem Hand werter stände zuzuführen, allerdings ohne ihrer individuellen Anlage Zwang anzuthun. Mütter und Vormünder setzen jedoch hier recht viele Schwierigkeiten entgegen. Den Handwerkslehrlingen werden deshalb aus dem genannten Fonds größere Beträge gegeben. Von 123 männlichen seien 56 Handwerker verschiedenster Art, 59 Kaufleute, die Uebrigen hätten stndirt; von den 83 entlassenen Mädchen seien l8 Buchhalterinnen, 3 wissenschaftliche Lehrerinnen, 4 Klavierlehrerinnen, 4 Kindergärtnerinnen geworden, und viele andere hätten ein Handwerk oder die Hauswirthschaft erlernt. Auch einige Mißerfolge seien der Anstalt nickt erspart geblieben. Die Zöglinge müssen nach der Entlassung in Verbindung mit dem Hause bleiben, von der Anstalt werden Erkundigungen bei den Lehrherren eingezogeu. Um die Aufsicht noch wirksamer zu gestalten, sei jetzt die Einrichtung getroffen, daß die Gereifteren thätigen Antheil nehmen sollen an der Erziehung ihrer jüngeren Genossen. In der gemeinsamen Erziehung so vieler Zöglinge lägen ja Nachtheile, die Vorzüge seien indeß überwiegend, besonders wenn die Erziehung die Individualität soweit als möglich berücksichtige. Allzu groß dürfe allerdings die Zahl der Zöglinge nicht sein. Aus diesem Grunde sei auch von ihm (Redner) einer Erweiterung der Anstalt trotz eines großen materiellen Anerbietens widersprochen worden. Die Zahl von 75, die jetzt bestände, bilde noch gerade das rechte Maß, um die Aufgaben der Anstalt zu erfüllen. Redner fügt dann hinzu, daß der Dank für die errungenen Erfolge dem Kuratorium gebühre, das stets aus edlen, warmherzigen Frauen zusammengesetzt gewesen sei! Mit dem Wunsche, daß auf dem Hause, auf Allen, die in ihm walten, auf allen Gönnern und Wohlthätern der Anstalt der Segen Gottes ruhen möge und immerdar, schloß der Redner. Nach dem Zwischengesange der Grellschen Motette: „Herr, Deine Güte reicht so weit, so weit der Himmel ist", überbrachte an Stelle des durch Unpäßlichkeit verhinderten Vorstandes der Gemeinde Herr Landsberger, der Vorsitzende des Repräsentantenkollegiums, die Glückwünsche der Gemeindebehörden. Die Stifter des Hauses, so führte er aus, hätten sich in Herrn Dr. Jutrosinsky als Leiter einer solchen Anstalt nicht getäuscht. In Gemeinschaft mit seiner in Gott ruhenden vortrefflichen und allverehrten Gattin hätte Letzterer das Waisenhaus, wie es der Stifter gewollt hätte, in Wirklichkeit zum Elternhaus gestaltet. Besonderer Dank gebühre, wie bereits erwähnt, auch den Kuratoren, die in unermüdlicher Thätigkeit und in unermeßlicher Pflichttreue ihres Amtes gewaltet hätten. Im Namen der Gemeindebehörden überreichte dann Redner dem Jubilar ein silbernes Schreibzeug, welches die Mildthätigkeit versinnbildlicht, „das Wohlthun, welches sich im Reichenheimschen Waisenhause auf das Glänzendste verkörpere". Nichts Schöneres und Höheres gäbe es, als das Gute und Edle in den Herzen der Kinder zu wecken, zu fördern und dauernd zu erhalten, damit sie, wenn sie in das Leben träten, gestählt und gekrästigt allen Anfeindungen und allen Stürmen des Lebens Widerstand leisten könnten. Ein herzlicher Dank gebühre auch den zahlreichen Wohlthätern und Gönnern der Anstalt, ferner allen Lehrern und Lehrerinnen, welche in geistiger Beziehung zum Gedeihen der Anstalt beigetragen hätten. Stets hätten sich in Israel Frauen und Männer und ganz besonders in unserer Gemeinde gefunden, die Herz und Hand hätten, wenn es gilt, das Gute und Edle zu fördern. „Namentlich in der jüngsten Zeit," schloß Herr Landsberger, „haben wir gerade in unserer Gemeinde das große Glück, Beispiele unbegrenzter Wohlthätigkeit und Opferwilligkeit zu finden. So darf ich denn mit Vertrauen annehmen, daß sich der Wunsch erfülle, daß dieses Haus wachse und gedeihe zum Ruhm unserer Gemeinde, zum Segen für die Menschen und zur Ehre des Höchsten, dessen Beistand, und dessen Stütze ich wie bisher auch für alle fernere Zeit hiermit erflehen möchte." Innige, warme Worte des Dankes fand dann ein früherer Zögling der Anstalt, Herr Dr. Rosenberg. Mit anderen Gefühlen beträten heute die früheren Schüler die Schwelle des Hauses, erst jetzt begriffen sie den wahren Werth der Gaben, die ihnen einst so gering erschienen sind. Das Kinderherz verlange nicht nach körperlicher und geistiger Pflege, sondern nach aufrichtiger Liebe und warmer Theilnahme. Das sei ihnen von ihrem Direktor, ihrem väterlichen Freunde, und ihrer unvergeßlichen Frau Direktor in reichstem Maße zutheil geworden. Im Namen sämmtlicher Zöglinge gelobte der Redner, daß in ihnen nie das Gefühl der Dankbarkeit und der treuen Gesinnung gegen das Haus und seine Wohlthäter erlöschen werde. Nach einigen warmen Dankesworten seitens des Jubilars überbrachte noch vom Rudolf Mosseschen Erziehungshäus Dr. Heinitz herzliche Glückwünsche zum Jubiläum. Jeder neugegrnndeten Anstalt habe das Reichenheimsche Waisenhaus als Vorbild vorgeschwebt, allen anderen Anstalten werden die reichen Schätze der Erfahrungen des Jubilars zur Verfügung gestellt. „Möge es uns allen vergönnt sein, auf eine gleich verdienstvolle und gleich ehrenvolle Wirksamkeit zurückblicken zu können!" Mit dem Festhymnus: „Ewig erschalle mein Lob dem Herrn, der unser sich erbarmet. Ohn' Unterlaß ertönt unser Chor zum Preise seiner Güte", schloß die erhebende Feier. Jüdische Melodien.') Von Oberkantor M. Rosen Haupt-Nürnberg. s ist gewiß löblich und dankensrverth, wenn hervorragende Männer wie Professor Dr. Steinthal ein reges Interesse an unserer jüdisch-liturgischen Sangeslitteratur nehmen und in einem schönen Essay eine Sichtung und Sammlung derselben herbeiwünschen. Ich würde aber, da Herr Professor Steinthal sich nur an die Chordirigenten wendet, hierzu geschwiegen haben, wenn nicht Herr Kollege Friedmann in Berlin mich schriftlich zu einer Aeußerung aufgefordert hätte. Erst sein Aufruf in dieser geschätzten Zeitung, wozu aus erwähnten Gründen gerade keine Veranlassung tiorlag, hat mich zu sprechen bewogen. Daß Herr Professor Dr. Steinthal uns Kantoren nicht beachtet und nur an die Chordirigenten denkt, scheint mir eine Verkennung der thatsächlichen Vechältniffe zu sein. Das wird übrigens wenig überraschen, angesichts des Umstandes, daß die meisten Melodien, welche in den Synagogen des Nordens und Ostens zum Ansdruck gelangen und die dem Herrn Professor, wie er selbst zugesteht, nur von dort erinnerlich, größtentheils slavisch und der Willkür des jeweiligen Kantors preisgegebeu sind. Der polnische Chasan besitzt nur selten bestimmte Melodien für einzelne Piecen, sondern sie sind seinem Geschmacke und seiner Phantasie anheimgegeben. Auf ausschließlich solche Erfahrungen läßt sich eben kein fachmännisches Urtheil gründen. ]) Mit diesem Aufsatz schließen wir die Debatte über diese nunmehr nach allen Richtungen hin erörterte Frage für unser Blatt ab. Die Red.

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