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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-14 · Heft 20 (14.5.1897) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 20 (14.5.1897)
Date
1897-05-14
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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nicht bekannt. Aber was bedarf es für einen russischen Pöbel noch besonderer Gründe? - Auch in Kantazulow, Chersoner Gouvernement, kamen, laut telegraphischen Meldungen, große Judenverfolgungen vor. Sämmtliche Wische Kaufläden wurden zerstört und ausgeplündert, die Häuser der jüdischen Bevölkerung dem Erdboden gleich gemacht, drei jüdische Einwohner erschlagen. Nur die Synagoge blieb unversehrt. Die entsendete Mililärabtheilung kam zu spät. * Vom türkisch-griechischen Kriegsschauplatz bringt Wolffs Telegraphenbüreau am 8. d. M. eine Meldung, die es schon in der Wochenübersicht unserer vorigen Nummer selbst hätte lesen können, nämlich die folgende: Konstantinopel, 8. Mai. Hier sowie in Saloniki, Smyrna, Adrianopel, Brussa und anderen Orten meldeten sich einige Hundert spanische Juden, von denen über sechzig zum Islam übertraten, als Kriegsfreiwillige. Neu ist nur die Mittheilung von den zum Islam übergetretenen spagnolischen Juden. Voll Interesse dürfte es sein, daß einer der tapfersteil türkischen Marschälle, der Chef der sechsten türkischen Division, Achmed Hamdi Pascha, der sich in den Kämpfen mit den Griechen besonders ausgezeichnet hat, ein Jude ist. Wie die „Hazefira" mittheilt, ist der General aus Brest,i im Petrokowschen Gouvernement gebürtig, von wo er als fünfzehnjähriger Knabe in die Türkei auswanderte. Aber er blieb in sieter Verbindung mit seinen Angehörigen. Man behauptet sogar, daß er, dessen ursprünglicher Name Freund war, noch Jude sei. Der Korrespondent der „N. Fr. Pr." in Konstantinopel hatte eine Unterredung mit dem deutschen Offizier Grumbkow Pascha, der ihm von seinem Einzug in Larissa erzählte: „Ich zog über die steinerne Brücke ein, da kommt mir ein alter Jude entgegen und ruft: „Acht geben, Pascha, die Brücke ist unterminirt!" Ich reite trotzdem über die Brücke und komme glücklich hinüber. Ein Pionier findet hrei Dynamitkasten und wirft sie ins Wasser. Gleichzeitig ertönt ein Schuß. Der Jude, der mich gewarnt hatte, bricht zusammen, von der Kugel eines griechischen Banditen hingestreckt.' Ich lasse den Letzteren packen, befehle: „An die Wand mit ihm, Achtung, Feuer!" Aber meine Leute erklären, zur Tödtung von Gefangenen gehöre ein kaiserlicher Jrade. Ich erkannte das Gebot an, und der Mörder blieb leben. Zeigt diese Episode nicht am besten die tolerante Kriegführung der Türken?" Aus Jerusalem wird berichtet, daß etwa 50 arme jüdische Familien aus Griechenland mit den übrigen Griechen ausgewiesen wurden, daß ihnen aber auf Intervention des Chacham Baschi der Aufenthalt daselbst wieder gestattet wurde. Air Jubelfeier des Urichenlseimfchen Waisenhauses. Berlin, 9. Mai. ^^eute Mittag fand aus Anlaß des 25jährigen Bestehens des (3g) Reichenheimschen Waisenhauses in der mit Fahnen und Emblemen reich, dekorirten Aula desselben eine stimmungsvolle Feier statt. Beredtes Zeugniß für die Liebe und Achtung, die man diesem Institut entgegeubringt, legte die große Schaar Derer ab, welche sich zur Feier eingefunden hatten. Neben den Angehörigen der Stifter der Anstalt, Moritz und Sara Reichenheim, und zahlreichen früheren Zöglingen war das Kuratorium des Hauses, ferner das Repräsentanten- Kollegium der jüdischen Gemeinde in würdiger Vertretung erschienen. Nach dem einleitenden Gesänge des 37. Psalms: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn", der von den jetzigen Zöglingen, welche im Festgewande mit Blumen geschmückt auf dem Podium des Saales aufgestellt waren, vorgetragen würde, ergriff zuerst Herr Geh. Sanitätsrath Dr. Boas im Namen des Kuratoriums zur Begrüßung der Gäste das Wort. Er dankte zunächst den Gemeindebehörden, welche jeder Zeit bemüht waren, die Bestrebungen des Waisenhauses in liebenswürdigstem Entgegenkommen zu fördern und zu unterstützen, ferner den Mitgliedern der Familie Reichenheim, welche in pietätvoller Opferwilligkeit so zahlreiche Beweise von herzlichem Wohlwollen gegeben hätten. Erwies daraus hin, eine wie bedeutende Rolle der Eröffnungstag des Reichenheimschen Waisenhauses im Leben der jüdischen Gemeinde zu Berlin gespielt hätte. Bis dahin besaß die Gemeinde kein eigenes Waisenhaus und alle Waisenpflege war mehr oder minder private Angelegenheit wohlthätiger, edler Männer und Frauen, auf deren Thätigkeit die Gemeindebehörden so gut wie keinen Einfluß auszuüben in der Lage gewesen wären. Die Namen Moritz und Sara Reichenheim werden nie und nimmer vergessen werden. Leider wäre es dem Stifter nicht vergönnt gewesen, sein schönes Werk vollendet zu sehen, er starb wenige Wochen vor dem Termin, so daß sich die Eröffnungsfeier des Hauses zu einer Trauerfeier für den Verblichenen verwandelte. Sein Geist aber wirkte fort und in seinem Sinne und in in seiner Absicht seien die Kinder erzogen worden. Nach seiner Bestimmung sollte das Haus bemüht und bestrebt sein, das Elternhaus den Kindern nach besten Kräften zu ersetzen, hierin sollten die Kinder zu guten, braven und tüchtigen Mitgliedern der Menschheit erzogen werden. Eine solche, den ganzen Menschen umfassende Erziehung sei nur möglich wie Redner ausführte, in einer größeren Anstalt, wo pädagogisch geschulte Erzieher unter der Leitung eines bewährten Direktors bestrebt, bemüht und befähigt seien, die Kinder zu allem Edlen, Guten und Schönen anzuregen. In einer so geleiteten Anstalt^ wetteifern die Kinder miteinander, und in diesem Wetteifer liege einer der wesentlichsten Vorzüge gegenüber der früheren Methode, nach fcer man die Kinder einzeln oder zu zweien oder dreien bei achtbaren Leuten unterbrachte, welche von der Erziehung so gut wie nichts verstanden hätten. Daß hierin Wandel geschaffen, sichere Erfolge, wie sie früher unmöglich gewesen seien. Alljährlich habe das Waisenhaus die Freude, Zöglinge entlassen zu können, die als Muster bezeichnet werden müssen, und die auch in späteren Lebensstellungen dem Hause zur größten Ehre gereichten. „Solche Beispiele," so schloß der Redner zu den Kindern gewendet, „mögen euch, meine lieben kleinen Zöglinge, vorschweben, um ihnen nachzueifern in Betragen, Fleiß und Eifer, damit ihr ebenso wie jene dereinst tüchtige, gute, brave und gebildete Menschen werdet. - Wenn euch das gelingt unter der Leitung eures Direktors und eurer lieben Lehrer, die für euch sorgen und über euch wachen, dann, so hoffe ich, werdet ihr auch eingedenk bleiben der vielfachen Wohlthaten, die euch in diesem Hause zutheil geworden sind, und dann werdet ihr euch auch erinnern, daß all das Gute herrührt in erster Reihe von Moritz und Sara Reichenheim!" Dann nahm der seit Eröffnung an der Spitze des Waisenhauses stehende Direktor Dr. Jutrosinsky das Wort. „Nicht jubelnde Freude," so begann er, „nicht Rühmen und Feiern sollte Ziel und Inhalt dieser bescheidenen Veranstaltung sein, es war ein Gefühl der Pflicht, welches mich leitete, als ich dem Kuratorium vorschlug, diesen Erinnerungstag in festlicher Form zu begehen. Die Dankbarkeit gegen die Wohlthäter findet zwar alljährlich einen pietätvollen Ausdruck an dem Sterbetag des Stifters unseres Hauses, aber das Andenken sollte auch an diesem Tage in einem weiteren Kreise wieder wachgerufen werden. Aus erziehlichen Gründen erschien es ferner wünschenswerth, daß die früheren Zöglinge der Anstalt sich wieder an der Stätte ihrer Kindheit einfinden." Redner erstattet dann Bericht über die Grundsätze, welche ihn leiteten, und über die Erfahrungen, welche er innerhalb eines Menschenalters gesammelt hat. Als er zur Leitung der Anstalt berufen wurde, hätte er ein Programm mitgebracht. Ein Programm sei ein Ideal, und Ideale lassen sich nicht verwirklichen, lassen sich nur erstreben, aber niemals erreichen. Auch er habe viele Absichten einzuschränken, viele zu ändern gehabt. Um das Waisenhaus zum Elternhaus zu gestalten, dürfe das Gefühl einer Sonderart in den Zöglingest möglichst wenig aufkommen. Deshalb besuchen alle Kinder öffentliche Schulen, deshalb werden sie nicht uniform gekleidet. Die eigenen Kinder des Direktors mußten sich an den Spielen der Zöglinge betheiligen. Den wichtigsten und schwierigsten Theil bildete die religiöse

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