Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228223--53691-3267629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
römischen und nicht jüdischen Ursprungs ist, oder gar auf die Begründungen hinzuweisen, welche die spätere kabbalistische Periode dieser Trauerzeit zu Grunde legte und von welchen nur die eine erwähnt sei, daß die. Hingeschiedenen Sünder eben um diese Zeit in der Hölle bestraft werden sollen. Handelte es sich Llos darum, einen alten Brauch, der tief im Volksgeiste wurzelt, der aber sonst niemanden schädigt, auf seinen Ursprung zurückzuführen, so hätte die Sache keine praktische Bedeutung weiter. Sie gewinnt aber eine solche durch die feststehende Thatsache, daß namentlich das Trauungsverbot tief in unser Ja- . milien- und Erwerbsleben einschneidet. Es ist gar nicht nöthig, auf die Folgen eines Verbotes hinzuweisen, das sieben Wochen imjJahre alle Hochzeiten verbietet oder nur auf wenige Tage beschränkt. Darüber hinaus aber hat die Sache noch eine tiefere, ethische Bedeutung. Es ist wirklich nicht mehr nöthig, daß wir die Erinnerung an die Leiden und Drangsale früherer Jahrhunderte als ein trauriges Gepäck immer im Gedächtniß mitschleppen und von Generation auf Generation vererben sollen. Der große, welterlösende, prophetische Gedanke der Versöhnung Israels mit dev Menschheit wird dadurch geschädigt. Dieser erhabene Gedanke aber durchzieht das ganze biblische Schriftthum, während von dem Gebot einer Trauer im Lenz, von einer Trauer um einzelne Ereigniffe und Todesfälle in diesem, nirgends die Rede ist. Wir wirken im Geiste unserer großen ■ Lehrer, wenn wir das Andenken jener edlen Märtyrer, welche für ihren Glauben in den Tod gegangen sind, hoch in Ehren halten, wenn wir ihrer in Liebe und Treue gedenken, wenn ihr Vorbild unsin den Kämpfen, die wir zu bestehen haben, läutert und festigt, wenn wir ober auch aller Verbrechen und Missethaten vergessen und; nur den Gedanken der Liebe und Versöhnung festhalten. Das ist die würdigste Gedächtnißfeier im Geiste des Judenthums, nicht ober die Aufrechterhaltung alter Gebräuche, Verbote und Beschränkungen^, die längst jeden Sinn und alle Bedeutung verloren haben. Me Woche. , Berlin, 12. Mai. frn Dezember v. I. wurde hier, wie männiglich bekannt, der Deutsche Rabbinerverband neubegründet. Es geschah; dies erfreulicherweise unter Zustimmung und Theilnahme der hervorragendsten orthodoxen Rabbiner Deutschlands. Nun hören wir zu unserem nicht geringen Erstaunen, daß neben und außer diesem am 9. d. Mts. noch ein besonderer Verband der orthodoxen Rabbiner hier begründet wurde, gerade zur selben Zeit, wo hier die Ausschußsitzung des allgemeinen Rabbinerverbandes stattfand, dessen Urheber und zum Theil Leiter dieselben Herren sind, die mit voller Begeisterung an der Rekonstruktion des Deutschen Rabbinerverbandes im Dezember theilgenommen und demselben auch heute noch angehören. Und in dem Rundschreiben, das zur Begründung des neuen Verbandes auffordert, heißt es ausdrücklich, daß derselbe ja nicht etwa als eine Fraktion des allgemeinen, sondern vielmehr als ein besonderer Verband der orthodoxen Rabbiner anzusehen sei. Nur als eine Fraktion des allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes: hätte die Neugründung allerdings einen Anspruch auf Berechtigung, gehabt, während sie jetzt notwendigerweise die Bildung eines, neuen.' und zwar liberalen Rabbinerverbandes provoziren müßte. Aber? damit ist die Sache beileibe noch nicht abgethan! Vor etwa vier' Wochen wurde von hier aus vertraulich — d. h. in offenem Kuverk mit einer Dreipfennigmarke —. ein. Rundschreiben an die orthodoxen^ Rabbiner Deutschlands gerichtet, in dem sie eindringlich davor gewarnt werden, sich dem Deutschen Rabbinerverbande anzuschließen. Und diesem Rundschreiben war zur Bekräftigung das Gutachten des Oberrabbiners Dr. Dünner in Amsterdam beigefügt, in dem dieser Herr mit flammender Entrüstung sich gegen.die orthodoxen Rabbiner wendet, die es gewagt, mit den „Neologen" einen Bund zu. schließen. Und zum guten Ende wird in dem Rundschreiben die Begründung eines neuen Rabbinerverbandes unter der Leitung des Herrn Oberrabbiners Hirsch in Hamburg verheißen. Wir werden also bis auf Weiteres drei Rabbinerverbände in Deutschland haben! So stehen die Dinge augenblicklich, die wir als getreue" Chronisten ohne jeden Kommentar berichtet habein Wir überlaffeu vielmehr das Urtheil dem geneigten Leser selbst. * In dem Kampf zwischen dem Bund der Landwirthe und der Produktenbörse ist bekanntlich das Judenthum wiederholt hineingezerrt worden, obwohl es ja mit beiden Institutionen absolut nicht das Geringste zu thun hat. Da ist es nun interessant, in der Denkschrift, welche der „Verein Berliner Getreide- und Produktenhändler" eben veröffentlicht hat, Folgendes zu lesen: Nimmt man die „Deutsche Tageszeitung" vom 16. Februar 1897 zur Hand, so findet man darin einen Bericht über die Generalversammlung des Bundes der Landwirthe, und in diesem begegnet man unter manchen anderen Cirkusfpäßen auch einer Rede, deren eine Stelle wörtlich lautet: „Sie stimmen jedem Gesetze gegen die Bieheinfuhr zu, das uns vor Seuchen schützt. Ich glaube. Sie würden auch einem Gesetze gegen die Judeneinfuhr von irgend woher zustimmen." Und eitet. Lust und Wonne Herrschte in dem Bunde.' und lauter Jubel erschallte, als jener anmuthige Geselle dieses neue Evangelium der Nächstenliebe verkündete. War es, so fragen wir, wo solch unwiderlegliche Dokumente vorliegen, für die Beurtheilung der Gesinnung, die die Mitglieder des Bundes der Landwirthe erfüllt, wirklich nöthig, noch ein besonderes Beweismaterial beizubringen, um die edle Menschlichkeit des Bundes in das rechte Licht zu setzen? & Es scheint wirklich eine Epidemie der Judenkrawalle zu geben und der erfahrene Völkerpsychologe wird gewiß diese Regungen der Volksseele leicht in Zusammenhang bringen können. Kaum ist der Jammer von Spola verhallt, kommen Nachrichten über Judenverfolgungen aus der Stadt Minsk, in der ca. 50000 Juden unter 90 000 Einwohnern leben. Am 28. v. Mts. ging ein Offizier an der Spitze einer Kompagnie von Soldaten durch die Straßen der Stadt mit dem Rufe: „Tödtet die Inden!" Als sie in das Judenviertel kamen, war die Menge immer mehr angewächsen. Der Polizeimeister befahl den Juden, ihre Häuser zu schließen und sich zu verbarrikadiren. Diese Anordnung wurde auch befolgt, und die Juden suchten sich selbst zu vertheidigen. An . dem Hause eines sehr bekannten Kaufmannes, M. Kaplan, wurde ein Mann durch einen Degenstich schwer verwundet. Schließlich war es auf Plünderung der Geschäfte und Wohlhabenden abgesehen. Da sie aber bei dem Angriff auf das Haus des reichen Eisenhändlers Schabath ernstlichen Widerstand erfuhren und Mehrere sogar erheblich verwundet wurden, warfen sie sich auf die Häuser und Kramläden der armen Juden und demolirten hier alles. Fünf Stunden lang dauerte der Krawall, bis der Polizeichef ihnen drohte, nach Petersburg zu telegraphiren. Da erst kommandirte der Offizier die Mannschaft in die Kaserne, und nun zerstreute sich auch das Gesindel, das der Kompagnie in das Judenviertel gefolgt war. Wie es heißt, sind viele Juden verwundet, drei todt, und eine Anzahl jüdischer Kinder wurde in den Straßen erdrosselt aufgefunden! Auch von den Soldaten sind 30 ernsthaft verwundet. Die Ursache des Krawalls ist bis heute