Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 2V. Äf ft £ttt£ " Berlin, 14. Mai 1897. Ern unparteiisches Organ Mr alles jüdische ItttereW. Begründet von - ' . Nabbiner Sc- LuLrvig P!hilippson- Bonn. Verlags-VrpeLitwn: Lerün, Lerulalemerftr. 48/4S Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis:' Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelsährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen fNr Redaktion und Expedition und an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin 8W., Zerusalemer Straße 48/4S zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3 nt)(llt* Leitartikel: Die Trauerwochen. — Die Woche. — Die Jubelfeier des Reichenheimschen: Waisenhauses. — Jüdische Melodien. Von Oberkantor M. N o senk, ä'upt. —Jüdische Liebesthätigkeit in Nelv-Aork. II. Aon Prof. Dr. G. Deutsch. — Feuilleton: Weder' Glück noch. Stern. Novelle von O. Bach (Forts.). — Andere Zeiten. Erzählung von Gotthard Deutsch (Fortsetzung). — Litterarische Mittheilungen. Der. G<«»eindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Gleitvitz, Glogau, Brilons Steele, Aus dem Großherzogthum Hessen, Wien-Paris.. — Bon Nah.und Fern. - . , . Die Trauerwochen. ^rs Berlin, 11. Mai. T^^ieder einmal zählen wir die Tage vom Passah- bis zum Wochenfeste nach dem biblischen Gebot: „Ihr zählt vom y ö anderen Tag des Festes, vom Tage, da. ihr , das Omer: der Wendung dargebracht habt, sieben Wochen." Als Grund dieses - Gebotes wird angegeben/ daß die Befreiung aus Aegypten ohne Werth geblieben rvhre, hätte nicht. 50 Tage später die Gesetzgebung stattgefunden, deshalb werde unser Blick unmittelbar nach dem Befreiungsfeste auf das Gesetzgebungsfest gerichtet. Nach dieser Erklärung haben wir allen Grund, weiter zu zählen, obwohl wir das Omer, d. h. ein gewisses Maß von den Erstlingen der Gerste, nicht mehr , als Opfer darbringen. Nun wurde aber im Mittelalter mit dieser Zeit die Trauer in Verbindung gebracht, welche gewöhnlich fälschlich mit dem Namen Lepiiirati benannt wird und für, welche die rabbinische Kasuistik eine Reihe von Verboten und Erschwerungen erdacht hat, die, obwohl die Trauer'längst aufgehört, zum TM doch noch in hohem Ansehen sich erhalten haben. Namentlich das eine dieser. Verbote, daß in der Sephirah-Zeit mit Ausnahme weniger Tage, keine Hochzeit stattfinden dürfe, wird noch immer in vielen Gemeinden mit einer Peinlichkeit beobachtet, die gar oft zu den schlimmsten Streitigkeiten Veranlassung geboten. Leute, , die vom Jndenthum so gut wie gar nichts halten, die den Sabbäth und die Speisegesetze öffentlich übertreten, würden um alles in der Welt nicht zugeben, daß ihr Sohn oder ihre Tochter in. der Sephirah-Zeit getraut werde. Und. wenn dieselben guten Leute, die vielleicht am Abend vorher einen großen Ball besucht oder ein „trefmes" Souper gegeben Haben und am anderen Morgen sich die Haare schneiden und rasiren ließen (was alles in der Sephirah-Zeit verboten ist), nun gar am grünen Tische sitzen, so sind sie im Stande, den Rabbiner um seine Stellung zu bringen, wenn er die Kühnheit - haben wollte, in der Sephirah-Zeit eine Trauung vorzunehmen. So zäh ist die Macht der Volksbräuche und, sagen wir es gerade heraus: des Aberglaubens. Aber es verlohnt sich wohl der Mühe,, den Dingen aus den Grund zu gehen und die geschichtliche Entwickelung solcher Bräuche an einem eklatanten Beispiel'nächzütveisen: ‘ Die Einrichtung einer Trauerzeit hat ihren Grund in der -talmudischen Erzählung, daß die Schüler des Rabbi Akiba, 12 000 an der Zahl, weil sie sich gegenseitig gering geschätzt haben, zu einer Zeit gestorben sind. Hierdurch wurde die Welt öde und leer, d.'h. ohne Gelehrsamkeit. Diese Sterbezeit dauerte vom Paffah-bis zum Wochensest. Das tragische Ereigniß wurde in den Talmud und in den. Midrasch ausgenommen, uni vor Neid und Mißgunst zil warnen. Aber es findet sich dort in verschiedenen Rezensionen, und namentlich Schwanken die Angaben über die Zahl der in jener Zeit umgekommenen Schüler. Während der eine Bericht gar von 12 000 Paaren spricht, meldet der andere, daß nur 300 Schüler gestorben seien. Da die anderen Quellen ferner von der ganzen Erzählung nichts wissen, ,so hat man sich längst darüber geeinigt, die ganze Erzählung nicht als ein historisches Faktum zu betrachten, sondern sie nur symbolisch dahin zu deuten, daß durch den Tod des Rabbi Akiba eine tiefe Lücke in der talmuriischen Wissenschaft entstanden sei. Aber von einer gesetzlich angeordneten Trauer findet sich M /jenen Berichten auch nicht die geringste Spur. Erst zwei bis drei Jahrhunderte später, nachdem der Talmud längst abgeschloffen war, ordneten die Gaonim an, daß die Sterbezeit der Schüler Rabbi Mbas eine Trauerzeit für Israel sei, und daß vom Pafsahfeste bis zum 18. des Monats Jjar weder eine Hochzeit noch eine sonstige Lustbarkeit stattfinden dürfe. Als dann die Kreuzzüge unsägliches Elend über die Inden, vor allem in Deutschland, namentlich in der Frühlingszeit, verbreiteten. W die während des Winters von ihren Führern aufgehetzten Volksmaffen zum Aufbruch sich anschickten, da wurde die Trauerzeit vom 19. Jjar bis zum Wochenfest erweitert. Man kann das aus dem Gefühl der Zeit heraus wohl begreifen und billigen. - So lange die Wunde eine blutende war, so lange die Trauer wirklich herrschte, mochte man mit Recht nicht an Feste und Lustbarkeiten denken. ,’r Aber welche Bedeutung haben diese Ereignisse heute für uns? Seien wir -doch ehrlich und wahr: Trauern wir wirklich noch um die Schüler Rabbi Akibas, gleichviel ob ihrer in dieser Zeit zwölf-: kaufend oder dreihundert gestorben sind, oder ist es natürlich, daß wir um die Opfer der Kreuzzüge vor . mehr als sechshundert Jahren heute'Noch in jedem Jahre sieben Wochell lang trauern sollen? Mit Recht hat ein weiser Mann gesagt: „Wenn es geboten wäre,.' alle Schreckenstage, die über unsere Väter gekommen sind, als Trauer-- tpge im Kalender zu verzeichnen, so hätten wir keinen freudigen Tag im Jahre mehr." - > :; - . , Man siehsi auf wie schwachen Stützen , die Sephirah-Verboter^hen, und es ist dabei 'nicht einmal nöthig, den Machweis. zu: führen,' daß das!Trauüngsverbot während der Zählwochen eigentlich-