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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-07 · Heft 19 (7.5.1897) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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rücksichtigung der für die ersten Bersicherungsjahre getroffenen. Be-: stimmung, nach welcher die Dividende Mindestens 10 pCt. einer Jahresprämie betragen soll, entfallen nach obigem Prozentsätze auf die Versicherungen, deren Berechtigung zur Theilnahme an dem Geschäftsgewinn beginnt in den Jahren 1896—10pCt.; 1895 —lOpCt.; 1894— 12pCt.; 1893— 15pCt. für die weiter zurückliegenden Jahrgänge steigend um 3 Prozent, so daß auf die seit der Einführung der Gewinnbetheiligung der Versicherten, nämlich auf die seit dem Jahre 1878 Berechtigten, 57 Prozent der Jahresprämie entfallen. .Ueber die sonstigen finanziellen und geschäftlichen Ergebnisse der „Victoria" entnehmen wir dem Geschäftsberichte der Gesellschaft noch Folgendes : Die Gesammtzahl der in der Lebens- und Unfallversicherungs-Abtheilung eingegangenen Versicherungsanträge betrug 558123, wovon auf die Lebensversicherungs-Abtheilung 539 771. Anträge mit einer Versicherungssumme von 159 716 860 Mark, aus die Unfallversicherungs-Abtheilung 18 352 Anträge mit 1414 820 Mark Prämie entfallen. Die gesammten zu Gunsten der mit Gewinnbetheiligung bei der „Victoria" Versicherten, zurückgestellten Dividenden-Fonds betrugen Ende 1896 einschließlich des; Kriegsverstcherungs - Reservefonds für die ^Todesfall - Versicherungen 11313117,22 M. für die Erlebensfall-Versicherungen 641015,59 M., für die Volks-Versicherungen 2 756 933,55 Mark, für die Unfall- Versicherungen 3 445 919,00 Mark, zusammen 18156 990,36 Mark. r. Schneidemühl, 2. Mai. In den Zwischentagen des Osterfestes tagte hier die Generalversammlung des im Jahre 1846 gegründeten israelitischen Wohlthätigkeitsvereins. Dieser Verein macht es sich zur Aufgabe, an unbemittelte Personen zinsfreie Darlehen bis zum Betrage von 150 Mark auszuleiheu, die Rückzahlung kann in kleinen Raten erfolgen; außerdem werden Knaben, welche ein Handwerk erlernen, in jeder Weise unterstützt. Nach dem Geschäftsberichte, welchen der Vorsitzende, Herr Berliner, vortrug, beträgt die Mitgliederzahl 43; das Bereinsvermögen 6226 Mark. Im-vorigen Jahre wurde das 50. Jubiläum in erhebender Weise gefeiert. Am Nachmittag desselben Tages. fand auch unter Leitung des Herrn Berliner die Generalversammlung des im Jahre 1853. von Herrn Rabbiner Brann gegründeten israelitischen ' Frauen-Bereins statt, diesem Verein gehören 100 Mitglieder an, das Vermögen beträgt 5000 Mark. Neben der Thätigkeit in Krankheits-. und Sterbefällen macht auch, dieser Verein es sich zur Aufgabe, weibliche Personen der Erwerbsthätigkeit zuzuführen; im Jahre 1896 sind . 613 Mark an Unterstützungen verausgabt worden. Is. Neustadt-Eberswalde, 2. Mai. Antisemitische Schülerneckereien bildeten den Gegenstand einer Verhandlung in der gestrigen Sitzung des Schöffengerichts. Im November v. I. bemerkte der Kauf- - mann Wolf Hendel, daß sein kleiner Sohn Georg, der die unterste Vorschulklasse am Eberswalder Gymnasium besuchte, auffallend mißmuthig sei. Nach dem Grunde gefragt, erzählte Georg, daß er wegen seines? mosaischen Glaubens von anderen Schülern gehänselt und mit anti-' semitischen Spottreden verfolgt werde; besonders hervorgethan bei diesen .1 Verhöhnungen hat sich der vierzehnjährige Sekundaner Fritz Gerhardt. Hendel begab sich nicht zum Direktor des Gymnasiums, der ohne Zweifel Abhilfe geschaffen hätte, sondern glaubte die Sache besser zu erledigen : und dem Schüler eine Rüge von Seiten der Schule zu ersparen, wenn : er selber mit ihm verhandelte. Er suchte ihn deshalb in seiner Pension auf und stellte ihn zur Rede. Fritz Gerhardt stritt aber alles ab und rief schließlich: „Das ist alles nicht wahr, Sie lügen!" Darauf antwortete Hendel nichts weiter, sondern versetzte ihm ein paar derbe Ohrfeigen und entfernte sich. Der Vater des Geschlagenen, Arzt Dr. Ger-' Hardt in Angermünde, stellte nun Strafantrag gegen Hendel wegen körperlicher Mißhandlung. Nachträgliche Ermittelungen des Gymnasial- . direktors Dr. Klein haben ergeben, daß der kleine Hendel in der Thal wiederholt durch antisemitische Spottreden behelligt worden ist. Fritz - Gerhardt hat seine Betheiligung daran zwar nicht unumwunden zu- - gegeben, der Direktor hat aber, wie er als Zeuge bekundete, doch den -? Eindruck gehabt, daß Fritz Gerhardt mitgehänselt hat. Der Gerichtshof, in welchem Amtsgerichtsrath Schröter den Vorsitz führte, nahm als . erwiesen an, daß der junge Hendel, ein kleiner sechsjähriger. Knabe, in beklagenswerther Weise wegen seiner Religion und Abstammung von - Mitschülern gehänselt worden ist. Derartige Neckereien habe man in früheren Zeiten als Dununejungenstreiche übersehen können, durch die.. sch machv o ll e antise mi tisch e Be w egu n g aber sei es dahin gekommen. daß die Betheiligten von solchen Angriffen empfindlicher berührt werden müßten. Erklärlich sei es also, daß der Vater in große Erregung gerathen sei; freilich habe er in dieser Erregung sich zu einer sehr inkorrekten Handlungsweise Hinreißen lassen. Indessen daS Wort des Knaben zu dem älteren Manne: „Sie lügen!" sei gleichfalls eine schwere Beleidigung, auf welche die Austheilung der beiden Ohrfeigen nur die direkte Erwiederung war. Die Strafe sei deshalb nur auf 30 Mark be- . messen worden; die Kosten hat Hendel zu drei Vierteln, Dr. Gerhardt zu einem Viertel zu tragen. o. Sondershansen, 3. Mai. Die hiesige Synagogengemeinde, die seit Jahrhunderten besteht und lange Zeit den umliegenden hinsichtlich des Gottesdienstes und Religionsunterrichts mustergebend war,- ist durch Todesfälle und Wegzug in der Zahl ihrer. Mitglieder sehr gemindert worden. Sondershausen, welches fürstliche Residenz ist, hatte bisher wenig Industrie, da aber unsere Stadt betreffs ihrer reizenden Läge,- ihres überaus gesunden Klimas und ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Institutionen ungemein viele Vorzüge, selbst vor vielen größeren Städten hat, wäre es wohl zu wünschen, daß auch unsere Gemeinde durch Zuzug von Rentiers und solchen Familien, die nach einem thatenreichen Leben einen angenehmen Lebensabend ersehnen, sich wieder mehre, wie dies auch von zahlreichen christlichen Familien wieder der Fall ist. Wir Haben hier Gymnasium, Realschule, Lehrerinnenseminar, die Prüfungen sind für diese Anstalten in ganz Deutschland rechlsgiyig, eine höhere Töchterschule, viele Pensionate, eine vorzügliche fürstliche Kapelle, die während des Sommers die berühmten Lohkonzerte im fürstlichen Park unentgeltlich giebt, im Winter ein sehr gutes Theater, ein 'treffliches, auch von Ausländern stark besuchtes fürstliches Konservatorium für Musik und Gesang, auch eine Landes- und Hypotheken-Bank und ein Kalibergwerk ,-Glückauf", das eine glänzende Zukunft erwarten läßt-. Garnison mit vielen Einjährigen, Eisenbahnverbindungen nach allen . Richtungen, Herrliche Parkanlagen, romanlische Gebirge, Thäler und Waldungen, Tagestouren nach dem Kyffhäufer, Harz und Thüringer Wald, Wasserleitung und Kanalisation, viele Vereine und ein reges geselliges Leben. Miethen, Steuern und Lebensunterhalt sind im Allgemeinen mäßig. -Tr- Unser hochbetagter Rabbiner Heidenheim wirkt seit 63 Jahren in unserer Gemeinde, war 46 Jahre auch als Professor in den obersten Klassen der Realschule thätig, erhält seine Besoldung fast nur vom Staate, ist noch jetzt auf Kanzel und Religionsschule, wirksam, neben ihm pflichtgetreu unser Kantor und Schochet Schünlank, zugleich Religionslehrer für die jüngeren Kinder. Wir leben daher der frohen - Hoffnung, daß durch Zuzug israelitischer Familien sich die Zahl unserer Gemeindemitglieder wieder mehren wird, und würden wir siefreudig und herzlichst in unserer Mitte begrüßen. Kaufmann Rudolf David und Professor Heidenheim sind auf Anfrage gern bereit, jede gewünschte Auskunft zu geben. R. Dessau, 2. Mai. Aus Anlaß des Geburtstages unseres Landesherrn sind an Israeliten folgende Auszeichnungen verliehen: die Ritter-Insignien zweiter Klaffe des Hausordens Albrechtdes Bürendem Herrn Sanitätsrath Dr. Fließ in Bernburg; die güldene Medaille dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Zerbst,.Albert Tasse; Fabrikbesitzer - August Tuchmann in Dessau, Vorsteher der hiesigen Gemeinde, wurde „Kommerzienrath"; der Spediteur Israel Perutz in Ballenstedt wurde „Hofspediteur" und der Uhrmacher und Juwelier Adolf Bernhard ui- Bernburg „Hoflieferant". — In Jaßnitz ist am 25. v. Mts. Herr M. Alexander gestorben, derselbe wirkte dort 38 Jahre als Vorsteher in sehv segensreicher Weise. — Hier geht das Gerücht, daß Herr R. Herzberg in Köthen, dem das Gericht in allen Instanzen die Berechtigung, den Titel „Kommerzienrath" zu führen, abgebrochen, diesen Titel wieder erhalten soll! ät Köthen (Anhalt), 3. Mai. In unserem Litteraturverein hielt .am Sonnabend Herr Kommerzienrath Emil Meyer den -letzten Vortrag für diese Saison, aber auch dey letzten Vortrag vor seinem- Scheiden von hier. Herr Meyer sprach darüber: „Wie können unsere Frauen und Mädchen zur Hebung des Judenthums beitragen?" Spannend lauschte die überaus zahlreiche Versammlung dem fesselnden Vortrag, undnicht endenwollender Beifall belohnte den Redner. Herr Rabbiner Dr. Seligkowitz - sprach Herrn E. R. Meyer den Dank der Versammlung aus; er erwähnte, daß der Verein dem Vortragenden viel zu danken habe-trotz seiner geschäftlichen Thätigkeit habe er die meisten Borträge gehalten.

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