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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-07 · Heft 19 (7.5.1897) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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' - 227 -‘ Dann schrieb er diese Vertragspunkte noch einmal nieder und klingelte dem Diener, dem er den Auftrag gab, sofort zum Notar zu gehen und auf die Ausfertigung eines Dokumentes zu warten, das ihm derselbe einhändigen werde. „Der Herr Gemeindesekretär wartet schon - eine gerauine Weile im Vorzimmer," sagte der Diener. „Er wollte nicht, daß ich ihn melde, ehe der Herr Bürgermeister mich rufen." - „Nur herein, Herr Schrenzel," rief Awrom, indem er selbst die Thur öffnete. „Ich bedauere aufrichtig, daß Sie gegen ineinen Willen so lange warten mußten." „Oh, ich bitte, Herr Bürgermeister," sagte der Angeredete, ein untersetzter, wohlbeleibter Herr uiit bartlosem Gesichte, ganz kahlem Kopfe und einer mächtigen Hornbrille auf der Nase. „Die Büreaustunde ist vorüber, unb ich hatte Zeit, zu warten. Ich wollte nicht stören, aber hier ist Einiges von dringender Wichtigkeit, wozu ich des Herrn Bürgermeisters Unterschrift benöthige." Damit legte, er, immer noch stehend, seine große Ledertasche auf den Tisch und begann in den Akten zu kramen.' „Hier, Herr Bürgermeister, ein Leumundszeugnis; für Johann Segert, der wegeil Diebstahls in Untersuchungshaft ist. dann ein Heimathsschein für Petronella Geyer, die sich um eine Hausirlizenz bewirbt, eine Auskunft über Franz Wehner, der neulich desertirt ist. dann die Ankündigung der Reklamationsfrist für die Geschworenenliste und —" „Einen Augenblick, Herr Schrenzel," sagte der Bürgermeister, indem er sich an den Schreibtisch setzte. „Ich habe einen wichtigen Auftrag für Sie, der zuerst erledigt werden muß." „Bitte, bitte, Herr Bürgermeister," sagte der Sekretär, „es hat Zeit." Des Bürgermeisters Feder flog rasch über das Papier, während der Sekretär immer lioch über seine Aktentasche gebeugt dastaud. „Hier, Herr Schrenzel, nehmen Sie," sagte der Bürgermeister. „Das Eine besorgen Sie auf das Telegrapheuauit; das Andere übergeben Sie dem Herrn Gemeinderath Köhler, aber noch heute Abend." „Gewiß, Herr Bürgermeister!" betheuerte der Herr Sekretär, indem er die Papiere in einer leeren Abtheilung der Tasche unterzubringen suchte. „Lesen Sie doch zuerst, Herr Schrenzel, es geht Sie auch an," meinte der Bürgermeister. Der Sekretär putzte seine Brillengläser mit einem Lederlappen, den er zu diesem Zwecke in der Westentasche trug, und begann halblaut zu lesen: „In Rücksicht auf geschäftliche Schwierigkeiten, die meine ganze Zeit in Anspruch nehmen, sehe ich mich genöthigt, auf das Amt eines Bürgermeisters zu verzichten, da ich den kommunalen Interessen nicht mehr die nöthige Zeit widmen kann und auch sonst fürchten muß, das Vertrauen meiner Mitbürger nicht mehr zu besitzen. Indem ich der hohen Behörde meine Resignation ergebenst zur Anzeige bringe, beehre ich mich, unter einem zu melden, daß ich die Geschäfte des Bürgermeisteramtes interimistisch an den Gemeinderath Friedrich Köhler abgetreten habe. A. M. Schwarz mann. Bgnistr." Der Sekretär hatte mit langsamer, stockender Stimme gelesen und hielt mehrere Minuten laug das Papier rathlos in seiner Hand. „Aber, Herr Bürgermeister, das kann doch nicht Ihr eudgiltiger Entschluß sein," brachte er endlich hervor. „Gewiß ist er es. Herr Schrenzel." ' „Herr Bürgermeister wollten doch die Regelung des Becnntenstatuts mit Alterszulagen und Pensiousbezügen durchführen," sagte der Sekretär in flehentlichem Tone „und der Herr Rath Köhler, der ein Gegner der ganzen Angelegenheit ist, wird sie gewiß nicht: auf die Tagesordnung setzen." . ,-Das hätte ich bei der jetzigen Geschäftslage auch nicht vermocht," meinte der Bürgermeister beruhigend. „Und die Wasserleitung, Herr Bürgermeister? Der Agent der Unternehmung war heute hier und wollte den Herrn Bürgermeister wegen des Weißbachprojektes sprechen. Ich gab ihm die Versicherung, daß Sie die Angelegenheit in diesem Sommer durchführen wollten." „Das wird kaum gehen," erwiederte der Bürgermeister achselznckend. „Die städtischen Finanzen werden in Mitleidenschaft gezogen, denn die Insolvenz der Fabrik löst den günstigen Pachtvertrag auf die städtischen Güter auf und wird auch einen beträchtlichen Entgang an Gemeiudeumlagen bringen. Zudem wird auch die Sparkaffe nicht in der Lage sein, die erwartete-Schenkung zu machen. Unter meiner Verwaltung wäre das Werk am wenigsten durchführbar," setzte er mit finsterem Stirnrunzeln hinzu. „Dafür sorgt schon die Maulwurfsarbeit gewisser Agitatoren. Hier lesen Sie," sagte er, indem er dem Sekretär.den Zeitungsausschnitt überreichte. „Schändlich, niederträchtig!" rief dieser aus, nachdem er das Blatt gegen seine Gewohnheit rasch durchgeflogen hatte. „Doch das kommt nur von einem Manne," setzte er hinzu, indem er sich vorsichtig nuich der Thüre umsah, als fürchtete er dort einen Lauscher. „Dessen Verdächtigungen aber unter den obwaltenden Umständen nur allzu willige Ohren finden werden," ergänzte der Bürgermeister. „Und ich hatte auf die Kommissiousgebühreu bei der Wasserleitungsanlage gerechnet," jammerte der Sekretär. „Mein Anton ist in das Kadeitenhans aufgenommen worden,- und ich habe auf mein nächstes Gehalt fünfzig Gulden Vorschuß „Die müssen Sie sich diesmal abziehen lassen." sagte der Bürgermeister, indem er seine Brieftasche öffnete und eine Note hervorzog. „Nehmen Sie die Summe als ein Darlehen von mir." „Ach, Herr Bürgermeister, ich weiß wirklich nicht—" stammelte der Sekretär. „Lasten Sie gut sein, Herr Schrenzel-, so schlimm steht es nicht mit mir, daß ich einem Freunde nicht mit einer Kleinigkeit allshelfen könnte. Also bitte, besorgen Sie das sofort!" Während der Sekretär noch uilschlüssig dastaud, wurde die Thüre nach hastigem Klopfen aufgeriffen, und der Buchhalter trat mit einem raschen Schritte ein, indem er dem Bürgermeister ein eben angelangtes Telegramm überbrachte imb, ehe derselbe es noch öffnen konnte, sagte: „Verzeihen Sie, Herr Bürgermeister, die Arbeitsglocke wird gleich zum Feierabend läuten, und ich möchte wissen, ob wir nicht einzelne Arbeiter zum Nachtdieilst behalten sollen. Wir brauchen Wachen auf alle Fälle," setzte er im Flüstertöne hinzu. „Es ist gut, daß Sie nlich darall erinnern, Walter," erwiederte der Allgeredete, „lassen Sie volle Nachtschicht autreten. Wir müssen Jnveutararbeit machen." „Franz," ries der Buchhalter, ohne weitere Befehle abzuwarten, zur Thüre hinaus. „Läuten Sie Feierabend und lassen Sie alle Arbeiter im Hofe antreten. Sie sollen eine halbe Stunde Pause haben und dann zur Nachtschicht wiederkonunen. Wer nicht will, ist entlassen und soll morgen zur Ablohnung in der Kanzlei er- , scheinen." Inzwischen halte Awrom das Telegramm geöffnet. Es mußte böse Nachrichten enthalten, denn der Empfänger sah starr mit weitgeöffneten Augen vor sich hin und hielt sich ruit allere Anstrengung an dem Schreibtisch fest..

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