Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-07 · Heft 19 (7.5.1897) · p. Seite 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228222--53682-3267619
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

AN^WWWW^NUNWWEZMHKWW Hunderts viel nothwendiger brauchen, als alles Andere, dos uns in der Jugend verlockend, erscheint. Sie geben auch Unterricht, nicht wahr? Und machen dabei wohldieselben Erfahrungen wie ich. Sind die Schüler halbe Idioten und begreifen absolut nichts, dann ist der Lehrer und die falsche Lehrmethode daran schuld; machen sie aber Fortschritte- — ja, du lieber-Gott, dann ist es das Genie der .Puder, und die Eltern liebäugeln mit sich und ihren oft unausstehlichen Sprößlingen, die sie als einen Theil von sich betrachten und nur deshalb größtentheils so zärtlich lieben." Sitz Hatte das Alles schlankweg gesprochen, ohne sich an das etwas verhutzte Gesicht des Gastes, der ganz mechanisch an dem Tische Platz genommen, der einfach, aber äußerst sauber gedecktem, zu kehren. Der freundlichen Art der beiden Wirthiunen konnte der junge Mann nicht widerstehen. Sie behandelten ihn wie einen alten Bekannten, und nachdem er die ersten Bissen des schmackhaft zubereiteten Fleischgerichts heruntergewürgt; nachdem er sich mehrmals geräuspert, fand er das erlösende Wort. , - „Ich weiß wirklich nicht, wodurch ich diese freundliche Fürsorge verdient habe und wie ich es Ihnen danken soll, daß —" ■ Sophie ließ ihn nicht ausreden. „Verzeihung, Herr Doktor,- wenn ich die Tafel," sie lachte munter dabei auf, „aushebe. Die Pflicht ruft, — ich muß fort, aber bitte, lassen Sie sich .dadurch nicht stören. Mama hat noch ein Stündchen Zeit zum Plaudern, — notabene wenn Sie dazu Lust haben und durchaus Ihrem gepreßten Herzen Lust Machen wollen, dann finden . Sie in Mama eine dankbare Zuhörerin." Nach zwei Minuten stand sie zum Ausgehen bereit da. Sie reichte der Mutter die Haud; machte vor dem Gaste, der sich erhoben hatte, eine kurze Verbeugung und, die Notenmappe an den Arm hängend, meinte sie flüchtig: „Auf Wiedersehen." Dann verließ sie das Zimmer, in dem Dr. Klein allein zurückblieb, da Frau Milde ihrer Tochter bis auf den Korridor das Geleit gab. Erst jetzt fand er Zeit, über feine eigenthümliche Situation nachzudenken. Entschieden hatte ihm das so freundlich gebotene Mahl gut gethan; er empfand es mit Wohlbehagen. Das Blut floßetwas rascher durch die Adern; die körperliche Schwäche, die ihn vorher überinäNnt, wirkte insofern nach, das; er zu keiner Reflexion gelangte; aber es war hier in dem sonnendnrchflutheten Zimmer, in dem blühende Hyazinthen einen so süßen Duft verbreiteten, sehr gemüthlich. . Die Einrichtung des mittelgroßen Gemaches war mehr als einfach; außer einen! schönen, jir kostbaren Pianino befand sich auch nicht ein elegantes Möbel darin, — aber das Sopha, auf dem Platz zu nehmen -Frau Milde ihm gerathen, war sehr bequem; es that seinen Gliedern so gut, darauf zu ruhen. Die Gardinen an den beiden, nach der schmalen Straße mündenden Fenstern waren blendend weiß; die Blumen, welche auf dem Fensterbrette standen, verriethen eine sorgende Hand; das Bücherregal zeigte die Erzeugnisse der klassischen Litteratur wie der besten modernen Dichter und Schriftsteller; die wenigen, aber gut erhaltenen Möbel blitzten vor Sauberkeit, und die kleinen, zierlichen Nippes, die ans dem unmodernen Schreibtisch anfgespeichert waren, die guten Stahlstiche an den Wänden verriethen dem Beobachter den auf das Schöne gerichteten Sinn der Bewohnerinnen dieses kleinen, bescheidenen Heims. Frau Milde hatte dem Gaste, absichtlich Zeit gelassen, sich zu orientiren und zu fassen. Als sie jetzt wieder hereiutrat, begegneten ihre lebhaften, noch recht jugendlich dreinschanenden Augen denen des jungen Mannes, die sich mit einem warmen Ausdruck ans sie hefteten, während er sich schnell von seinem Platze erhebend, meinte: „Darf ich noch ein Viertelstündchen von Ihrer mich geradezu verwirrenden Gastfreundschaft Gebrauch machen? Es ist mir lange nicht so gut geworden," fuhr er etwas erregt fort, indem er sich, auf eine einladende Bewegung der Dame, wieder auf den innegehabten Platz niederließ, „und Sie müssen mir schon gestatten, daß ich Ihnen danke, tausendmal dafür danke, daß -Sie sich meiner angenommen. Wie gut Sie sind und wie hübsch es bei Ihnen ist," setzte er. leuchtenden Blickes hinzu. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Resignation. <§^!>^it vollkommener Fassung setzte sich Awrom an seinen Schreibtisch und sortirte rasch die Korrespondenz. Zuerst öffnete er die Depeschen. Sie enthielten, was er erwartet hatte, Nachrichten von der Deroute an der Börse. Zucker war um zwei Gulden zurückgegangen und fand keinen Käufer, Belehnungen von Waareulageru vollzogen sich äußerst schwierig und zu hohen Prozentsätzen. Mechanisch faltete er die. Depeschen zusammen und machte sich an die Briefe. Das gewöhnliche Routinegeschäft! Ein Agent offerirte emeu Preis, den er heute gewiß nicht mehr anznnehmen in der Lage war; eine Maschinenfabrik machte eine Offerte für einen neuen Dampfkessel; eine Kassenfabrik zeigte an. daß ihr Reisender sich die Ehre geben werde, demnächst vorzusprechen; eine französische Firma offerirte Rübensamen; ein Bezirksverein wünschte für die nächste Ernte die Rübenpreise abzuschließen. Endlich eine Unterbrechung in der Oede. Dr. Max Kohn schrieb gegen seine Gewohnheit einen langen Brief und legte einen Zeitungsausschnitt aus dein Bonifazius-Boten bei. Derselbe enthielt eine Korrespondenz, welche mit Dank gegen Gott die erfreuliche Thatsache hervorhob, daß aus jedem Uebel etwas Gutes erwachse. Die Fabrik habe sich als ein Danaergeschenk erwiesen, und ihr unzweifelhafter- Ruin sei eine schwere Krisis für die ganze Gegend, aber schon erwache der gesunde christliche Sinn der Bevölkerung, welche sich gegen die jüdisch-liberalen Volksbeglücker empöre, ihren Judaskuß sich verbitte und mit ihnen strenge Abrechnung halten werde. Der König der Juden zittere auf seinen! kurulischen Stuhle, denn er wisse, daß die nächsten Wahlen dem betäubten christlichen Gewissen zum Siege verhelfen und der christlichen Arbeit ihre Selbständigkeit znrückgeben würde. Der Doktor stellte seinen Beistand in Aussicht und war bereit, alles zu thun, um die Jntrigne im Keiine zu ersticken. „Es ist ein Vermögen werth," schrieb er, „daß der adelige Herr nichtin meine Verwandtschaft gekommen ist. Seine „Verjndung" können sie uns nicht aufbürden." „Das Vergnügen wollen wir ihnen nicht gönnen," sagte Awroin zu sich selbst. Hastig warf er einige Zeilen zu Papier, in welchen er dem Freunde mittheilte, daß er sein Vermögen an ihn übertrage, damit dieser für den Fall der Zwangsversteigerung der Fabrik dieselbe erstehen könne und für unvorhergesehene Fälle für seine Verluste gedeckt sei. Dafür solle sich der Freund verpflichten, dem alten Mordche im Nothfalle die Suurme von zehn Gulden wöchentlich bis an sein Lebensende zu bezahlen; der Originalvertrag werde mit der nächsten Post zur Unterschrift Eintreffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.