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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-07 · Heft 19 (7.5.1897) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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Inzwischen hatten sich die Verhältnisse im.Herzschen Hause mit den Jahren sehr verändert. Die Vorlesungen über experimentelle Physik hatten viele Fremde ins'Haus gelockt,sogar die Kinder des Königs und seine Brüder, und unter Anderen auch den Staatsrath Kunth, den Erzieher der beiden Humboldts. Was sich aus diesen Beziehungen entwickelte, ist bekannt und gehört nicht mehr hierher. Henriette Herz beschließt ihre Erinnerungen, mit dem Danke an Gott, daß er ihr Leben durch den Umgang mit ausgezeichneten Menschen geschmückt habe. Die Jugenderinnerungen endigen eigentlich mit.dem Anfang ihrer Größe, mit dem Prolog zu dem littcrarischen Salon, durch den Henriette Herz in der Geschichte Berlins und in der deutschen Liiteraturgeschichte zu einer ansehnlichen Bedeutung gelangt ist. 6. K. ^---! 1-—1 I-=---———I 1-1 mmm m M | FEUILLETON | 1 ESJifmüBrnT I-1 1-1 WüÖlWmiES h——^ Weder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) ophie war, nachdem sie einen flüchtigen Blick zu dem emsig schreibenden Manne hinübergeworfen, wieder vom Fenster weggetreten, allein ein halb, unterdrückter Ausruf des Schreckens zog sie wieder zurück. Nachdem Dr. Klein sich mehrere Male flüchtig, über die Stirn gefahren, tastete er nach dem Glase Wasser, welches auf dem Tische stand, doch noch eher davon getrunken, schwankte er. hin und her, der Kopf fiel schwer auf die Kante des Tisches. In demselben Augenblicke aber hatte auch Frau Milde den Teller mit Bouillon, den sie soeben für Sophie, gefüllt, ergriffen, — ohne sich die bereits ein wenig ins Graue spielenden Haare glatt zu streichen, — war sie aus der Thür, die Treppe hinab gestürzt, und mit einem halb humoristischen, halb, befriedigten Blicke beobachtete Sophie die kleine Szene, die sie, hinter den weißen Vorhängen verborgen, beobachten konnte. - Dr. Klein arbeitete stets bei offener Thür. >,Bei mir ist nichts zu rauben," hatte er in bitterem Humor seinen wenigen Bekannten erwiedert, die diese Gewohnheit in einer so.großen Stadt, wie Berlin ist, leichtsinnig nannten. . . „Und wenn einmal die Glücksgöttin sich verirrte und bei mir, anstatt bei einem ^beliebigen anderen Sterblichen eintreten wollte, dann hat ,sie wenigstens nicht die Ausrede, verschlossene Thüren gefunden zu haben," setzte er lachend hinzu. Dieser Umstand war heute Frau Milde günstig. Ohne von den unfreuildlichen Wirthsleuten des jungen Mannes bemerkt zu werden, überschritt sie die Schwelle des mehr als einfach möblirten Stübchens. Die Ohnmacht-war noch nicht ganz vorüber, aber den Anstrengungen der gütigen Frau, welche die chlasse Stirn Kleins mit frischem Wasser netzte, gelang es doch bald, ihn ins Leben zurückzurufen. . Erstaunt schlug er die Augen auf; seine schmalen weißen Hände tasteten nach der Stirn, von. der langsam ein paar- Blutstropfen herabrieselten, — die Tischkante war härter .als sein.Kopf, —. dann flogen die sehr schön geformten, dunkelbraunen Augen zu dex fremden Frau hin, und ganz mechanisch -ließ er es sich von ihr gefallen, daß sie ihm. die Suppe löffelweise einflößte, die er langsam schlürfte, ohne.darüber nachzudenken, was. eigentlich das Alles bedeute. Zum ersten MaleJ standen sich die Beiden gegenüben, — als aber Frau Milde mit einem liebreichen, herzlichen Lächeln meinte: „So mein werther Herr Doktor, nun aber bitte,-packen.Sie gefälligst Ihre Schreiberei zusammen und essen Sie bei uns drüben einen Bissen Fleisch mit uns. Sie vergessen ja über den Geist den Körper, und das, mein Herr Doktor, rächt sich ebenso sehr an dem ersteren wie an dem letzteren," — , x Da sah er mit einem zerstreuten, abweisenden. Blick in das ältliche,, freundliche Gesicht, und die Hand gegen sie. gestreckt, sagte er durchaus nicht liebenswürdig: „Na, das fehlte noch! Wo ist denn das Drüben und — eigentlich, wie kommen Sie denn hierher und wer sind Sie denn?" : Seine Äugen fielen. dabei auf den geleerten Teller,: wobei ein rasches Roth die sonst so blassen Wangen färbte. In die braunen Augen trat ein feuchter Glanz;- unwillkürlich richteten sie sich mit einem, wärmeren Ausdruck auf die Dame, welche ohne jede Empfindlichkeit den Teller, und Löffel. zusammenraffend, freundlich eutgegnete: „Kommen Sie nur mit zu mir. Dort werde iH Ihnen das Räthsel lösen. Aber bitte, ein bischen , rasch. Das ' Essen wird kalt; meine Tochter muß wieder fort, — die Schüler warten nicht gern und dann", setzte sie. mit einem humoristischen Geufzer hinzu, „gehört die Geduld nicht gerade zu ihren Kardinaltngenden." Sie stand dem jungen Mann wie ein.Feldherr gegenüber. Als gäbe es. bei ihrem Kommando gar. keinen Widerspruch, drückte sie ihm den weichen Hut. der an einem Riegel hing-, in die. Hand, und als. er zögernd meinte: „Ja, aber das geht doch nicht; ich weiß: ja gar nicht" — da rief sie etwas ungeduldig: „Aber ich weiß, daß Sie. ohnmächtig gewesen, und wenn ich nicht zufällig zu Ihnen hinübergeguckt, jetzt noch da, mit dem armen Kopfe auf der Tlschkante liegen würden, und ebenso gut weiß ich, daß' Sie wahrscheinlich, heute noch nichts Ordentliches genoffen, haben, und darum, — bitte, ich gehe schon voran, — müssen Sie mir heute Ordre parken, als. wäre ich Ihre Mutter, und nicht eher sragen, was mich das angeht n. s. iü„ bis Sie sich erholt und einen warmen Bissen im Magen haben. Seien Sie so gut und gehen Sie^ jetzt voran, — da, die Vordertreppe hinauf. Die Klatschbasen brauchen es nicht zu wissen, daß ich Sie zu uns herüber geholt habe. Bitte, nur herein. Wir sind unter uns. Hier, meine. Tochter Sophie, Dr. Klein, unser allzufleißiges vis-ä-vis", stellte sie die beiden jungen Leute vor.. ... Der junge Mann machte ein sehr verlegenes Gesicht, Sophie hingegen schien auch nicht ein bischen verwundert, ihn in ihrer Wohnuiig-begrüßen zu können. .Mit einem kurzen, freundlichen Sinke!! des klugen Kopfes meinte sie leichthin: „Sie müssen eben mit uns vorlieb nehmen, Herr Doktor. Bei uns geht es nicht luxuriös zu. Wir armen Proletarier des Geistes — nach, meiner Meinung die unglücklichsten — müssen versuchen, , durch andere Genüsse die materiellen zu ersetzen, die uns mangeln. Bitte,, nehmen Sie Platz", setzte sie einladend hinzu. „Unfern Namen kennen Sie wohl kaum. Wir heißen Milde und sind Beide, Mutter wie Tochter, Lehrerinnen. Der edlen Frau Musika habe, ich mich geweiht; meine Mutter, gelehrter als. ich, giebt wissenschaftlichen Unterricht. Sie sind, wie ich glaube, gehört zu hoben, Doktor der Philosophie und spinnen.unaufhörlich den Faden, der Sie mit dein Ruhme verknüpfen soll. . . Hoffentlich.werden Sie nicht.nur Lorbeeren,^ sondern auch goldene Früchte ernten, die wir Menschen'des neunzehnten Jahr-

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