Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 nachfolgenden Mittheilungen des Dr. Herbert Ionsen im „Globus", der „nach eigener Anschaunng' berichtet, von besonderem Interesse sein: „Will man über den Charakter der marokkanischen Juden urtheilen,. so muß man sehr vorsichtig/ sein, mit nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es ist, wahr, manche der dortigen, besonders der ärmeren Juden haben in Bezug auf Wahrheit und Treue dem Europäer gegenüber, sowohl im Allgemeinen Äs auch im Dienstverhältniß und im Handel, vom Richtigen abweichende-Anschauungen; andererseits giebt es aber sehr viele (und dazu gehören unter den angeseheneren Geschäftsleuten fast alle), auf die man sich verlassen kann. Ja, man kann sagen: Die große Mehrzahl der. marokkanischen Juden ist im Handel und Wandel ebenso zuverlässig wie die christlichen Kaufleüte bei uns. Und wenn die qrmeren Juden, die aus dem Ghetto stammen, sich Verstöße gegen Wahrheit und Treue erlauben, so sollte man sie deshalb am allerwenigsten schelten, vielmehr an erster Stelle ihre Unterdrücker, die habsüchtigen und lügnerischen Mauren. Seit Jahrhunderten schmachten-die meisten Juden in Marokko (ausgenommen sind die unter der Protektion der Konsuln stehenden Juden) unter der ungerechten maurischen Regierung; in den Städten müssen sie in einem besonderen Viertel, dem Ghetto, zusammengepfercht wohnen; in den Städten und Dörfern des Innern ist ihnen die Kleidung vorgeschrieben, die sie außerhalb des Ghetto zu tragen haben (schwarzer Tarbusch - Fäs, statt des' rothen der Mauren), damit ihre Feinde und Verächter, die Mauren, sie sofort erkennen und entsprechend behandeln können. Nicht ohne Grund singen die maghribischen Juden in einem (von Professor Dr. A. Socin und Dr. H. Stumme neu herausgegebenen) arabischen Piüt: „Die Schmach haben wir mit unseren Augen gesehen; die Andersgläubigen verfluchen und schmähen uns, und wenn wir vorübergehen, vergewaltigen sie uns." Was Wunder, wenn unter Jahrhunderte langer Bedrückung der Charakter der Bedrückten entartete? Uebrigens liegt die Nutzanwendung auf Europa nahe genug, denn im Mittelalter, und bis in die neuere Zeit hinein, ging es hier den Juden um kein Haar besser als heute in Marokko. Um der Wahrheit die Ehre zu. geben, muß man gestehen, daß trotz aller dieser Bedrückungen die meisten marokkanischen Juden durchweg ehrenwerthe Menschen sind. Namentlich gilt das für die Wohlhabenderen in den Hafenstädten, unter denen es sogar Freimaurer giebt, die englischen Logen affiliirt sind. . Für die Europäer, namentlich für die des Arabischen unkundigen Neulinge im Lande, bilden die Juden das unschätzbare vermittelnde Element den Mauren und Arabern gegenüber. Denn die meisten wohlhabenderen Juden sprechen neben dem Arabischen auch das Spanische und eventuell das Englische; außerdem kommen sie dem Europäer stets mit großer Freundlichkeit entgegen." Konsercuz anhattischer Retigionslchrer. israelitischen Religionslehrer des Herzogthums Anhalt waren am 25. April zur ernsten Arbeit und Pflege amtsbrüderlichen' Sinnes in Bernburg versammelt; bot doch die Tagesordnung eine Reihe von Punkten, bei deren Behandlung so manche pädagogische Erfahrung und Belehrung'ausgetauscht wurde, deren Beherzigung den Religivnsschulen der engeren Heimath und dem Judenthum nur segensreich sein können. Erschienen waren die Herren: Landesrabbiner Dr. Freudenthal, Dessau; Dr. Flaschner, Bernburg; Dr. Seligkowitz,' Köthen; Rose, Gröbzig; Hnrwitz, Köthen; Böhm und Abelsohn, Bernburg; Kowalski, Ballenstedt; Fuchs, Zerbst; Beermann, Harzgerode; Sachnowitz, Sandersleben; Liebenfeld, Hoym; Blitz und Horwitz. Dessau. Außerdem beehrten die Vorsteher der Bernburger Gemeinde, dje Herren A. Bamberg und C. Wolff, die Konferenz mit ihrem Besuch und verfolgten den Gang der Verhandlungen mit sichtlichem Interesse. Es sei aber auch schon hier vermerkt, daß die Gemeindeverwaltung die Theilnehiner aufs Beste und Freundlichste bewirthen ließ. Da. ein Schulleben nur durch innige Verbindung von Theorie und Praxis gedeihen'kann, würde auch in diesem Jahre danach gehandelt. Böhm-Bernburg führte seine Mittelstufe vor und zeigte an der Wiederholungwön Adaun aulM^^B wie allseitig er den/Stoff behändelt hatte. -/Als-.nächMeLndigunMdieses Stückes noch die Durchnahme eines bisher' noch nicht geübten und vor-- /bereiteten Stoffes gewünscht wurde, erfüllte Böhm auch dieses, und zeigte sich auch hierbei als gewandter und geschickter Lehrer, wenn auch Einzelheiten bei der Besprechung modistzirt 'würden. Um 11 Uhr würde die eigentliche Tagesordnung durch den,Herrn Landesrabbiner eröffnet. Nach' alter Sitte, galt unserem erlauchten Landesherrn, dessen Bürger ohne Unterschied seiner Fürsorge sich, erfreuen, das erste. Hoch. Nachdem Herr Dr. Flaschner schon vorher die Versammlung bewillkommnet, begrüßte sie auch Herr Bamberg seitens der Gemeinde und wünschte den.Verhandlungen das beste Gelingen. Herr Dr. FreUdenthal gab darauf bekannt, baß es ihm durch das ' Entgegenkommen der Staatsbehörde / ermöglicht worden' sei, das Interesse der ' Saunten; bei und Kündigungen besser wahren zu können,.. wc^H^ttilHe'UretKe'hervör-' rief. Die Verlagsbuchhandlung^von/' W!T"'AaLöbDhn L Comp, hätte in liberaler Weise bin' Hpskpa'cket "guter Schulbücher zur Verfügung gestellt. '' Wie"-Hott ,erwÄhmk/'^entspänn sich über die Lehr probe eine längere Debatte; bs' 'würden dabei nochmals die leitenden Methodischen Normen sür'"den Üebersetzungsunterricht festgestellt und zur Beachtung empfohlen.- Darauf referirte Herr Dr. Flaschner über: „Nachbiblischen Geschichtsunterricht" in fesselnder Weise: Jahrhunderte lang habe sich der Unterricht in den jüdischen Schulen nur auf die verschiedenen hebräischen Fächer beschränkt; der systematische Religionsunterricht wurde verhältnißmäßig später eingeführt. Die alten Religionsbücher, wie Szefer hachimich und Menorass hammoaur, können auch zum Gebiet des' Hebräischen gezählt werden. Die ältesten Religionsbücher in deutscher' Sprache wurden in Oesterreich durch'Herz-Homberg und Peter Beer verfaßt und eingeführt. Sobald in unseren. Schulen der Religionsunterricht ertheilt wurde, mußte sich nothwendigerweise der Unterricht' in der biblischen Geschichte daran schließen. Aber auch schon ältere Schulbücher schließen nicht mit Esra, sondern mit der Zerstörung des 2. Tempels. Da mit dem Aufhören der nationalen Selbständigkeit nicht die' Geschichte der Juden endet, ist es seit der wissenschaftlichen Be- - Handlung der jüdischen Geschichte nicht! mehr.zweifelhaft, daß; auchgelehrt werden,-wüste, ..In .Oesterreich hefahl^es j-df^/Regsepung feit Jahr-. - zehnten für die.. OberklaMn ,her.--)Gyntnasien, und. Seminare. Auch in den mittleren Klassen unserer Schulen sei sie zu lehren. Für die Nothwendigkeit sprechen folgende Gründe: 1. Sie weist nach, wie aus dem biblischen Judenthum das talmudische entstanden, und sie ist auch in gewiss-m Sinne eine Geschichte der göttlichen Offenbarung. 2. Sie führt uns Zeiten und Verhältnisse vor, die den unsrigen näher liegen als die biblischen; wir erfahren, wie treu unsere Ahnen.den Glauben bewahrten, wie Glaubensgenossen hohe Stellungen bekleideten, ohne ihr Judenthum aufzugeben. Sie ist deshalb Sporn und Mahnung für uns. 3. Sie erfüllt die Jugend mit Begeisterung und lehrt das Martyrium ertragen. Da sie auch Geschichte des geistigen Schaffens ist, wird sie umsomehr begeistern, denn sie zeigt, unter welch schwierigen Bedingungen Männer groß wurden. Die Einführung des Lehrstoffes in den Religionsschulen des Landes sei von 12—14 Jahren zu empfehlen, obwohl es schwierig sei, denn den Kindern ist die allgemeine Geschichte noch wenig bekannt. Um doch etwas zu erreichen, sei die Königsgeschichte aufsNothwendigste zu beschränken. Noch schwieriger gestalte sich die Darstellung der geistigen Thätigkeit im Judenthum. Bei der Ausbildung der Lehret ist die gründliche Kenntniß der nachbiblischen Geschichte zu fordern. Autodidakten mögen sich aus den Werken von Braun, Bäck, Kayserling, Karpeles, Grätz (kleine Ausgabe) Belehrung schaffen. Für den Unterricht selbst muß der oberste Grundsatz sein: „Aus dem Wichtigen nur das Allerwichtigste". In der Beschränkung zeige sich , auch hierbei der Meister. Die biographische Form sei die beste, denn eine Anzahl Persönlichkeiten vereinigen in sich alle Strömungen der Zeit. Referent gab noch eine Stoffauswahl zur Kenntniß und schloß mit der Mahnung, stets die Wahrheit im Unterricht hochzuhalten. Nachdem der Vorsitzende für den übersichtlichen Vortrag den Dank der Versammlung ausgesprochen, trat/ man in die Debatte ein. Dr. Seligkowitz.erklärte sich aus physiologischen - Gründen gegen nachbiblischen Geschichtsunterricht auf der Mittelstufe; die, Kenntniß derselben sei erst in reiferen Jahren anzueignen. Dr. Freuden-' thal hielt die weitgehendste Einführung im Interesse unserer ganzen Zukunft für geboten. Es liege darin ein-fesselnder Ersatz für minderwichtige Stoffe. — Nachdem sich noch Bedenken gegen die Stoffauswahl zeigten,