Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 erkennender alle Bekenntnisse gleichmäßig behandelt. Ich schließe mit dem.Wunsche:, Erhalten wir uns einen kräftigen und gerechten Staat, der sich der.Wurzeln seiner Kraft bewußt bleibt!" (Lebhafter Beifall.) Anläßlich der Jubelfeier der Straßburger Universität erschien in der wissenschaftlichen Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 91 vorn 24. April d. I. ein Artikel „Die Kaiser Wilhelms- Universität in Straßburg" von Pros. Adolf Michaelis, der gelegentlich der Jubelfeier einen Rückblick über diesen Zeitraum austellt. Dieser enthält u. A. folgende in unserer Zeit doppelt interessante Sätze: „Endlich hat sich die Universität Straßburg frei gehalten von dem hie und da sich geltend machenden Antisemitismus.' Eine beträchtliche Anzahl ihrer Lehrer sind Israeliten; sie betreiben und lehren ihre Wissenschaft mit gleichem Eifer,' gleicher Tüchtigkeit, gleichem Erfolge wie ihre christlichen Kollegen und stehen in demselben Ansehen, genießen der gleichen Ehren wie diese. Auch unter den Studenten hat der - Antisemitismus trotz wiederholter Bemühung keine festere Wurzel geschlagen; wenigstens zeigt sich nichts von den auswärts vorkommenden Auswüchsen und von der, wie es scheint, vom Antisemitismus unzertrennlichen Verrohung der Sitten, des Benehmens, der Ausdrucksweise." * Durch den griechi sch - türkischen Krieg sind unsere Glaubensgenossen in beiden Ländern stark in Mitleidenschaft gezogen. In beiden Armeen kämpfen jüdische Soldaten, in Athen wie in Konstantinopel haben Juden große Opfer gebracht und an der Pflege der Verwundeten sich eifrig betheiligt. Besonders die jüdischen Bankiers in Aegypten haben für die türkische Nationalsubskription große Opfer gebracht. Und unter den Freiwilligen, die aus Aegypten zur türkischen Armee gegangen, sind gleichfalls viele Juden. Ebenso sind aus Salonichi allein 200 spagnolische Juden als Freiwillige in die türkische Armee eiugetreten. Gerade zur rechten Zeit bringt die Zeitung „La Epoca" vonSalonichi Auszüge aus offiziellen Aktenstücken, die vor Kurzem statistische Einzelheiten über die jüdische Bevölkerung von Kleinasien erhielten. Es geht, daraus hervor, daß von den 18 Vilayets und 2 Mutessarifs, aus denen Kleinasien besteht, nur 15 Juden aufzuweisen haben, das sind : Das Vilayet von Smyrna, mit 22 516 Juden, des Archipellagos 1897. Juden, das Vilayet von Brussa 3225 Juden, das Vilayet von Angora 478 Juden, das Vilayet von Konia 600 Juden, das Vilayet. von Aleppo 20000 Inden, das Vilayet von Trebizont 400 Juden, das Vilayet von Erzerum 6 Juden, das Vilayet von Diarbekir 1269 Juden, das Vilayet von Van 5000 Juden, das Vilayet von Mofful 6000 Juden, das Vilayet von Bagdad 53 000 Juden, das Vilayet von Bassorah 4500 Juden, Muteffarifat von Biga 2062 Juden, Muteffarifat von Jsmit 2500 Juden, zusammen 123 944 Juden. Da die Bevölkerung von Kleinasien 14 866 7 t8 Seelen umfaßt, sind die Juden daselbst im Verhältniß von 1 zu 120. Ihre Betheiligung am Kriege weist aber einen viel höheren Prozentsatz auf. Aber auch in der griechischen Armee zeichnen sich die jüdischen Soldaten durch Tapferkeit, aus^ Die Griechen sind zwar von jeher als Judenfeinde bekannt, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich die Sache doch einigermaßen geändert. Die griechische Nationalliga in Athen, Ethnike Hetairia, hat den Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, Carl Rothschild, einen eingewanderten Deutschen, selbst zu ihrem Mitglied ernannt; sie zählt auch viele andere jüdische Mitglieder. Die Zahl der in Athen lebenden Israeliten beträgt zur Zeit 350 Seelen, worunter einige Aschkenasim. Die Sefardim stammen aus Konstantinopel, Smyrna, Salonichi, Janina oder den jonischen Inseln. Die Niederlassung der Juden in der griechischen Hauptstadt hat vor ungefähr 50 Jahren stattgefunden. Ihre politische Lage ist eine vorzügliche. Die griechische Konstitution, ebenso tolerant wie liberal, macht nicht den mindesten konfessionellen Unterschied. Die Toleranz ist auch in die Sitten übergegangen, denn obgleich die meisten Israeliten von ottomanischer Herkunft sind, leben sie .in vollkommener Harmonie mit den Griechen und können sich ohne irgendwelche Störung ihren Geschäften widmen. Auch im Peloponnes giebt es mehrere jüdische Gemeinden, von denen die bedeutendste diejenige von Theben ist, wo sich heute noch — wie es heißt — hebräische Inschriften befinden sollen. Diese Gemeinden haben unter dem zerstörenden Einfluß früherer Kriege gelitten, und ihre Ueberreste wurden nach allen Seiten zerstreut. Die Gemeinden voll Janina, Arta, T.yruavos, Trikalla, Korfu, Zante, Kanea, Volo, Larissa zählen zusammen über 9000 Mitglieder. Die größten Gemeinden, sind Janina und Larissa, das in diesem Kriege den Mittelpunkt bildete; es hat zwei Synagogen, einen Oberrabbiner und zwei Chachamim, mehrere kleine Bethäuser, eine Schule, in welcher alle Gegenstände seit der Okkupation griechisch gelehrt werden. Es ist sehr interessant — und die orthodoxen Stürmer bei uns mögen sich das besonders merken —, daß in vielen Gemeinden Thessaliens auch in der synagogalen Liturgie, besonders bei der Thoravorlesung, die griechische Sprache in Gebrauch ist! Am schlimmsten ist es während der ganzen Zeit wohl den Juden in Kreta ergangen. So schreibt der Oberrabbiuer von Kreta, Elbagon, nach London: Ich bin kaum im Stande, alle die Verluste aufzuzählen, welche der Aufstand auf unserer Insel unseren Glaubensgenossen, arm wie reich, zugefügt hat Die armen hiesigen Juden, die von der Hand in den Mund lebten, verloren ihre Verdienste, als der Aufstand ausbrach, und waren genöthigt, sich ihr Brod anderswo zu suchen. Die meisten gingen nach Smyrna, und ihre Einschiffung ging nur mit Mühe und unter Lebensgefahr durch die Kugeln der Insurgenten von Statten, und die Elendesten unter ihnen, welche in Kreta Zurückbleiben mußten, leben nur von den Wohlthaten unserer westlichen Brüder, denn hier stockt jedes Geschäft. Haben doch selbst die Reichen ihr ganzes Vermögen in den fortwährenden Bränden und Zerstörungen eingebüßt. Namentlich die Gemeinden Korfu und Smyrna wurden durch die Flüchtlinge vom griechisch-türkischen Kriegsschauplatz sehr stark in Anspruch genommen. Entgegenkommenderweise überließ der Bürgermeister Psorulla in Korfu denselben das alte englische Fort zur Wohnung. Es handelt sich um 250 Seelen, meist aus Arta, welche hierher geflüchtet sind, während jeder Mann aus der jüdischen Gemeinde Korsu, der waffenfähig ist, mit den griechischen Soldaten in den Krieg gezogen ist. Ueber die Ankunft der Israeliten Kretas in Smyrna und über die Maßregeln, welche getroffen wurden, um ihnen zu Hilfe zu kommen, haben wir schon früher berichtet. Dank den von der Alliance gesandteil Unterstützungeil konnten ihnen Kleidungsstücke, ein Unterkomnlen und Vorräthe beschafft werden. Da die Lösung der kretensischen Angelegenheit auf sich warten ließ, mußte für die kcetensischen Flüchtlinge weitere Hilfe beschafft werden. Die Gemeinde von Smyrna thut ihr Möglichstes, um dieses große Elend zli unterstützen, jedoch ist sie selbst sehr arm. Die israelitischen Gemeindeil von Solonichi und von Alexandrien haben einige Beiträge gesandt, die Alliance hat ihrerseits, allein während des Monats März, etwa 3000 Francs geschickt. Weitere Gaben werden folgen müffen, um dem großen Elend zu steuern. * Wiederum bringt der Telegraph die Nachricht, daß in Marokko zwei Juden ermordet worden und die Thäter spurlos verschwuilden seien. Gegenüber den feindseligen Schilderungen, welche europäische Reisende so oft voll diesen Unglücklichen entworfen, bürften gerade jetzt die