Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 übernahm es Rose, Gröbzig, eine solche im nächsten Jahre zu liefern. Nach der Mittagspause reserirte Hörw itz, Dessau, über: „dieFrage im Unterricht." Nachdem er eingehend über die Vortragende Lehrweise berichtet^ ihre Vorzüge und Mängel geschildert, den Lehrern Fingerzeige zur Erreichung guter Vortragsweise gegeben und das Studium guter volksthümlicher Schriften empfohlen, wandte er sich der fragenden Lehrform zu. Er erwähnte, wie her Mlksmund gute und schlechte Frage kennzeichne, schied die. anderen Fragen (rhetorisch rc.) aus und legte das Hauptgewicht auf die Unterrichtssrag'e. Der psychologische Hergang wurde erläutert 'Und die Bedeutung der Frage für Schüler und Lehrer festgestellt, 'wie auch die an eine gute Lehrfrage zu stellenden Forderungen, r Folgende Leitsätze stellte er zur Besprechung: 1. Zur Erzielung eines fruchtbringenden Unterrichts ist die Unterrichtsfrage eines der besten Mittel. 2. Dem Lehrer beweist die Frage, ob die Schüler mit Berständniß seinem Unterricht gefolgt sind. 3. Dem Schüler dient sie zur Entwickelung geistiger Kräfte. 4. Der Fragende hat stets das Frageziel oder den Fragekern im Auge zu halten. 5. Die Frage muß allen pädagogischen Anforderungen entsprechen. Nachdem der Vorsitzende für das Referat im Namen der Versammlung gedankt, bemerkte er, daß es zweckentsprechender gewesen wäre, wenn Referent an Beispielen die gute und schlechte Frage erörtert hätte. Horwitz widerlegte dahin, es sei seine Absicht gewesen, Privatstudien in der Methodik und Didaktik zu veranlassen. Da im Referate die Antwort nicht behandelt, rekapitulirte Horwitz die richtige Beschaffenheit derselben und vervollständigte so sein Thema. — Die Leitsätze wurden angenommen. — Böhm, Bernburg, hielt nun seinen Vortrag über: „Wie muß der Unterricht in der biblischen Geschichte beschaffen sein, wenn er nach -jeder Richtung hin erfolgreich sein soll?" — Bei den verschiedenen Richtungen der Leiter von Religionsschulen wird diese Frage verschiedene Antwort erfahren. Während auf der einen Seite das Hauptgewicht auf das historische Moment gelegt wird, fordern die Anderen, bei möglichster Kürze die ethische Seite ganz besonders zu berücksichtigen; wiederum Andere verknüpfen damit die Glaubens- und Pflichtenlehre. Alle diese Forderungen seien berechtigt. Da aber den Religionsschulen nicht die gehörige Zeit zur Verfügung steht, muß man, um Allen gerecht zrl werden, die goldene Mittelstraße gehen und von dem Guten nur das Beste wählen. Referent zeigte es an vielen Beispielen, wie man auf der Mittelstufe den Unterricht zu ertheilen habe. Bei der Schöpfungsgeschichte erörtere er die Ewigkeit, Allmacht, Weisheit und Güte Gottes und behandle die Sabbathfeier. So lassen sich, wie gezeigt wurde, fast alle biblischen Geschichten erklären, und man erziele damit die besten Erfolge. — Böhms' Ausführungen, Wiedergabe praktischer Lehrthätigkeit, fanden allseitigen Beifall. Eine längere Debatte knüpfte sich nicht daran; dagegen gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die Versammlung dankt dem Referenten für seine Anregungen und erklärt sich mit seinen Ausführungen einverstanden." Auf der Tagesordnung der nächsten Versammlung, die am Sonntag nach Ostern 1898 an einem noch zu bestimmenden Orte Anhalts tagen soll, stehen folgende Gegenstände: 1. Lehrprobe über ein Thema der nachbiblischen Geschichte- oder systematischen Religionslehre. 2 Allgemeine Besprechungen. 3. Stoffvertheilung der nachbiblischen Geschichte für anhaltische Schulverhältnisse: Rose, Gröbzig. 4. „Alte und neue Methoden." Blitz, Dessau. 5. „Haus und Schule", Fuchs, Zerbst. — Zur Deckung der Unkosten wurde ein Jahresbeitrag von einer Mark für jedes Mitglied erforderlich, was angenommen wurde. Nachdem Blitz Namens der Teilnehmer Herrn Dr. Freudenthal für seine umsichtige und geschickte Leitung, der Gemeinde Bernburg für ihre Gastfreundschaft und den Referenten -für ihre Vorträge gedankt hatte, schloß der Vorsitzende die diesjährige Tagung mit dem Wunsche, die Lehrer möchten sich in der Zwischenzeit nach jeder Richtung vervollkommnen, dann werde die Schule sich bessern und die soziale Stellung der Beamten günstiger sein. — Die erste Sitzung hatte von 10 bis l‘/2 Uhr, die zweite von 3 bis 0^4 Uhr gedauert. Man trennte sich mit dem frohen Bewußtsein, einen arbeitsreichen, aber äußerst anregenden Tag verlebt zu haben. / . . I. A. Dess-aü, 26. April. L. Horwitz, Kantor und Lehrer. Jüdische Lietresihätigkeit in Uew-Uork. Von Prof. Dr. G. Deutsch in Cincinnati. m liebsten hätte ich diesem Aufsätze den Titel gegeben: Das New-Uorker Gemilus Chessed. Leider aber schwinden' mit dem modernen Bildungswesen, welches die geistige Einseitigkeit des alten Jndenthums verdrängt, auch jene typischen Ausdrücke, welche eine einfache Uebersetznng nicht vertragen, und die nun durch irgend ein schwächeres Surrogat ersitzt werden müssen. Gemilus Chessed ist, wie der Talmud lehrt, innerlich verschieden von Wohlthätigkeit, dadurch, daß es eine persönliche That voraussetzt; es ist verschieden von der rein ethischen Verpflichtung, insofern, als es den Verpflichtungsgrnnd in Gottes Gebot anerkennt, und es ist doch auch verschieden von den äußerlich als opus operatum aufgefaßten guten Werken, indem es nicht auf den subjektiven Lohn, sondern auf das objektive Bedürfnis sein Augenmerk wendet. In dieser Beziehung hat die bekannte praktische Lebens-, anschannng der Amerikaner sich auch im Jndenthum manifestirt und eine institutionelle Wohlthätigkeit geschaffen, die nirgendwo innerhalb des Jndenthums erreicht ist. Während in Europa noch vielfach Jahrzeitsstiftungen angelegt werden, die den Benefizianten die Verpflichtung anferlegen, eine Oellampe durch vierundzwanzig Stunden brennen* zu lassen oder Psalmen zu beten, hat man in Amerika hauptsächlich das Problem der Wohlthätigkeit von dem Standpunkt der Institution aus aufgefaßt.. ' Das Problem der Bekämpfung des Nothftandes hat in New- Nork größere Dimensionen angenommen als irgendwo in der jüdischen Welt. Schon die große Zahl der jüdischen Bewohner der amerikanischen Metropole — der letzte Bericht der jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschaft schätzt sie auf 800000 — müßte auch bei einem normalen Prozentsatz eine Zahl von Armen in sich schließen, die alles hinter sich läßt, was jelnals im Judenthum vorhanden war. Die Verhältnisse in New-Nork sind aber, seitdem der große Strom der russischen Einwanderer sich dahin zu ergießen begann, ganz abnormale. Im letzten Etatsjahre landete^ in New-Nork 27 0ü5 jüdische Einwanderer, davon waren 17898 ans Rußland gekommen, und 19518 blieben in New-Nork. Man wird also kaum fehl gehen, wenn man annimmt, daß seit fünfzehn Jahren alljährlich 20000 völlig mittellose Einwanderer in New-Nork sich niederlassen, zumeist Menschen ohne Kenntniß eines Handwerks und nicht kräftig genug, um als Tagelöhner auf der Straße zu arbeiten, und endlich ohne Kenntniß der Landessprache und somit von einem besseren Ertuerbe ausgeschlossen. Die Ueberfüllnng gewisser, den Einwanderern hauptsächlich zugänglicher Bernfszweige, wie der des Schneidergewerbes, drückt die Arbeitslöhne derart, daß als naturgemäße Folge Kränklichkeit und früher Tod sich einstellen und dadurch wieder Hospitäler, Kranken- und Siechenhänser überfüllt werden. Die Aufgabe, für die Einwanderer zu sorgen, fällt der centralen Wohlthätigkeitsbehörde, der United Hebrew Charities, zu, die zu diesem Zwecke einen Repräsentanten auf Ellis Island unterhält, welcher den Angekommenen mit dem nölhigen Rathe an die Hand geht. Das erschöpft aber bei Weitem nicht die Aufgabe dieser. Organisation. Bor allem sind es die Armen, die infolge von Erwerbslosigkeit an^die Hilfe ihrer Glaubensgenossen appelliren, dann sind es die Kranken und Wöchnerinnen, welche ausgiebigerer Hilfe bedürfen, endlich die Beerdigung der Todten und schließlich rechts- 'frenndlicher Beistand stellen Anforderungen an die Oeffentlichkeit. Bon dem Umfange der Geschäftsgebahrung kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß im Jahre 1895 7500