Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herstellung betreiben und es durchsetzen würden, daß/nns. Palästina von den Mächten wiedergegeben würde. Ja, wir würden damit die Ansicht Jener bekräftigen, welche unsere zweitausendjährige Diasporaals ein Zeichen der Verwerfung Israels durch Gott anzuführen, geneigt sind, Zion , galt den Juden immer als ein Symbol ihrer eigenen, silier; auch der Zukunft der ganzen Menschheit. Nur in'/ diesem Sinne ist in den alten Gebeten die Bitte um Rückkehr nach. Zion zu verstehen. Die Laufbahn des Judenthums, das sich als. den Verkünder prophetischer, die ganze Menschheit umfassender Ver-, Heißungen betrachten darf, kann nicht in einer kleinen, eng begrenzten nationalen Neugründung ausmünden. Um zu jenem Ziele zu. gelangen. müßte es, wie Güdemann sehr richtig bemerkt, von seiner weltgeschichtlichen Höhe heruntersteigen. Es müßte erst alles vergessen, was ihm heilig und theuer war: seine Thora, seine Propheten, feine Psalmen, seine Geschichte, die ihm eine ganz andere Zukunft ausmalen, als seine nationale Rehabilitation ihm bieten könnten, „eine/ Zukunft, die vielleicht die Zukunft der ganzen Menschheit ist, denn der wahre Zionismus ist. von der Zukunft der Menschheit nicht zu, trennen." « Mit diesem Satze schließt Dr. Güdemann .seine trefflichen, Ausführungen gegen den modernen Zionismus, der besonders in Oesterreich an Ausdehnung gewonnen hat. Wir. können uns mit diesen Ausführungen nur einverstanden erklären,'auch wenn wir nicht alle Prämissen seiner Schrift billigen. Während Denker und Dichter aller Völker dem Jüdenthum die Rolle einer Weltreligion zugewiesen haben, wollen unsere Zionisten Israel, den Träger unserer Weltreligion, zu einem kleinen orientalischen Natiönchen cherubdrücken, das mit den Bulgaren, Rumänen und Griechen zusammen von der Gunst der Mächte sein armseliges Dasein fristen würde. Thatsächlich hat auch niemals innerhalb des.Judenthums eine solche Anschauung bestanden, Wohl hat es nie an Männern gefehlt, welche die Sehnsucht nach Zion in ihren Herzen hegten und deshalb auch den Wanderstab ergriffen, um unter den Ruinen der einstigen Heimath ihr Leben zu beschließen. Aber niemals ist von irgend einer Seite an die Gesammtheit der Juden der Aufruf ergangen, das Banner der nationalen Selbständigkeit wieder zu erheben und,' den Versuch zur Erreichung dieses Zieles zu machen. 'Erst unserer Zeit, in der die nationale Idee wie ein Eris-Apfel unter die Völker geworfen wurde, war es Vorbehalten, innerhalb des Juden-' thums eine solche Richtung auszubilden. Aber es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die entschiedenen Vorkämpfer der Orthodoxie auch in unseren Tagen sich dieser Idee gegenüber ablehnend.verhalten. Sie sehen mit Recht in dem Zionismus einen Eingriff in die Führung Gottes, in dessen weisen Plänen auch die Diaspora so gut, wie die Ankunft des Messias ihre vörbestimmte Stelle einnimmt. (i Die Wiederbelebung des jüdischen Nationalitätsbewußtseins ging Hand in Hand mit den Bestrebungen, Palästina zu kolonisiren., Heute aber sind diese Bestrebungen voll jenen vollständig"zu trennen. Es ist eine nicht wegzuleugnende Thatsache, daß der Zionismus die Kolonisations-Idee erheblich schädigt. Für die Kolonisation Palästinas können wir uns alle interessire'n und erwärmen, den. Zionismus müssen wir bekämpfen, und wenn er sich mit jenen Bestrebungen identisizirt, so müssen diese nothwendig darunter.leiden.>; Gegen das Phantom des nationalen Judenthums, wollen wir . uns aber gerade darum mit aller Entschiedenheit wehren. Wir, halten es mit dem . deutschen Dichter, dessen trefflliches Wort Güdemann am Schluffe der Schrift citirt, mit dem Worte Grillparzers: „Von Humanität — durch Nationalität — zur Bestialität." Unbeirrt von allen diesen Strömungen und Bestrebungen, welche^ mit dem Tage kommen und mit dem Tage wieder vergehen, harren wir auf die Erfüllung des Prophetenwortes, das unsere Aufgabe über, alle nationalen. Schranken hinaus zu einer weltgeschichtlichen erhebt-: „Es wird der Ewige König sein über die ganze Erde; ün jenem Mage wird der Ewige einzig und sein Name einzig sein." V. . "■■■ , Die Woche. Berlin, 5. Mai. ^Allgemeines Interesse erregten in dieser Woche hüben wie förjsjß drüben die Erklärungen, die Freiherr v. Mirbach, der Obersthosmeister der Kaiserin, im Jahresbericht des evangelischen Kirchenbauvereins über die Betheiligung der Juden an Berliner Kirchenbanten veröffentlicht hat. Wir entnehmen daraus Folgendes: „Auch im vergangenen Jahre sind von extremer Seite unsere Arbeiten wieder zum Gegenstände heftiger Angriffe und Verleumdungen gemacht worden. Da man in frivolster Weise sogar unsere hohe Protektorin und den Kaiser hineinzog, schritt ich gerichtlich ein. Die Einzelheiten sind Ihnen aus meinen Zeugenaussagen und der strengen Sühne, welche das Vergehen erfuhr, bekannt. Ich möchte nur einen Punkt, welcher Jahre hindurch gegen uns als wirksames Kampfmittel gebraucht wurde, heroorheben, die Redensart: Die meisten Kirchen sind mit Judengeld gebaut und ihnen dafür allerhand Konzessionen gemacht! Die genauen ^Abrechnungen in meinem Buche ergeben, daß in acht Jahren 25 Millionen für Kirchenbauten in und um Berlin verwendet wurden, daß dabei sich etwa 19 000 Mark von patriotischen Juden befinden, welche für die fast vier. Millionen kostende Kaiser Wilhelm - Gedächtnißkirche gespendet wurden! Es sieht gewiß manches in der Welt sehr ernst und traurig aus, sowohl bei Juden als bei Christen, und muß bekämpft und geändert werden. Aber glaubt man, einen Menschen oder gar einen ganzen Kreis von Menschen durch fortwährende Angriffe, Kränkungen und Verdächtigungen zu bessern? — und wieviel Unschuldige werden mit verletzt und zurückgestoßen, besonders wenn ein solcher Kampf von kirchlicher Seite geführt wird. Ich möchte absichtlich erwähnen, daß wiederholt hier jüdische Fabrikherren Gaben für Kirchenbauten, welche'im Bereich ihrer Fabriken und für ihre Arbeiter ausgeführt wurden, spenden wollten. Sie wurden wegen der gehässigen Stimmung in Berlin abgelehnt; aber mir ist auch von ernsten, gläubigen Pastoren in den Provinzen erzählt, daß sie solche Gaben mit herzlichem Danke angenommen haben, und man kann es wahrlich ohne Bedenken gutheißen, wenn ein jüdischer Fabrik-' Herr seinen christlichen Arbeitern, eine Kirche bauen hilft; unter Umständen, z. B. als Großgrundbesitzer, ist er ja sogar dazu verpflichtet. Ein treuer Förderer unserer kirchlichen Angelegenheiten seit vielen Jahren ist im Magistrat ein bescheidener, frommer, jüdischer Stadtrath. Vor Kurzem spendete ein Jude eine sehr große Gabe, welche zum Besten für Kranken-, Waisenhäuser aller Konfessionen, für die Armenkrankenpflege, für arme Wöchnerinnen verwendet wurde und// viele Sorge und Elend lindern wird. Solche Dinge sind der Ausdruck des Dankes und der Anerkennung der versöhnlichem Arbeit unserer Vereine, und es ist meine Pflicht, sie dankend zu erwähnen." Was werden unsere lieben Antisemiten nun aushecken? * Bei der Berathun'g des Kultusetats im Ab geordneten Hause ist diesmal von nationalliberaler Seite ein Wort gefallen, das nicht mehr verloren gehen darf. Während der Abgeordnete v. Eynern, der derselben Partei / angehört, noch vom „christlichen Staate" sprach, erklärte Professor Friedberg, der bekanntlich eine staatsrechtliche Autorität und eine Säule der Partei ist, .mit Entschiedenheit: „Wir wollen keinen christlich-konfessionellen Staat. Es ist staatsrechtlich überhaupt nicht richtig, von einem christlichen Staat zu reden; wir können nur einen konfessionslosen, einen paritätischen Staat an-