Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. 61. Jahrgang. Nr. 19, Berlin. 7. Mai 1897. Begründet von Rabbiner Br* Lrtdwig PHrlippson - Kann. VerlagL-DrpeLition: Gerlin, Jerusatemerftr. 48/49 .Diese Zeitung .erscheint -w-ö.ck en tli ch,. 'Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt voll der Erpedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.6 M. Neddete\ir: Gustav 11 arpeles. Alle Zusendungen fllr Redaktion -und Expedition sind an die Adresse-. Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums'!, Berlin 8^V., Jerusalemer. Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Gegen den Zionismus. — Die Woche. --- Konferenz anchältischer Keligiönslehrer. — Jüdische Liebesthätigkert in Nelv-York. Von Prof.. Dr. G. Deuts,ch. — Iugenderinnerungen von Henriette Herz. — Feuilleton: Weder Glück noch Stern. Novelle von Q. Vach (Forts.). —. Andere Zeiten. Erzählürig von' Gotthard Deutsch (Fortsetzung). — Sprechsaal.— Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Schneidemühl, Neustadt-Eberswalde, Sondershausen, Dessau, Köthen, Frank-, furt°a. M., Westfalen, Oelde, Wien, Budapest, Kiew. — Bon Ratz und Kern. Gegen den Zionismus. - Beilin, 5. Mai. zionistische Bewegung hat in, den -letzten Jahren unzweifel- ^2^-haft an Wesen und Bedeutung.gewonnen. So lange diese -, nur , in den Kreisen russischer Studenten existirte, war sie nichtgefährlich; auch-selbst als sie deutsche Stndentenkreise erfaßte, tönüte man immer noch an jugendliche Träumereien denken, die sich schließlich vor der Macht des praktischen Lebens verflüchtigen würden;. die Bewegung ist erst gefährlich geworden, seit sich ihr reife und erfahrene Männer angeschlossen haben. Handelte es sich blos darum, daß Männer, die so lange abseits öder außerhalb des Judenthums gestanden haben, sich wieder für Gegenwart und Zukunft ihres Bekenntnisses zu interessiren begännen, so wäre ja noch Sinn bei diesem Spiele. Die Sache greift aber viel weiter und wird zu einer drohenden Gefahr in den Lälldern, wo der Antisemitismus anl stärksten und, wo — in natürlicher Folgerung — der Zionismus auch : am kräftigsten sich entfaltet. Es ist' deshalb ein Wort zur rechten Zeit, das der Oberrabbiner von' Wien, Dr. M. Gü d e man n, ausgesprochen, indem er in einer kräftig geschriebenen Broschüre>) mit voller Entschiedenheit gegen die Utopien des Zionismus und des National-Jndenthums auftritt. Mit Recht fordert der gelehrte Wiener Oberrabbiner schon in der Einleitung, daß die nationale Idee vor allem vom Standpunkt der Religion und im Geiste der Geschichte behandelt werde und nicht nach den Bedürfnissen des Augenblicks unter den Eindrücken einer flüchtigen Zeitbewegung, wo es wohl geschehen könnte, daß „über der Absicht, den Juden zu helfen., -das Judenthum zu Grunde geht". Vom Standpunkt der Geschichte und/der jüdischen Religionsanschauung führt Dr. Güdemann aus, daß die nationale Idee in Israel .nicht von so hoher Bedeutung gewesen sei wie bei allen anderen Völkern, daß es im Gegensatz zu allen anderen Nationen des Alterthüms nur ausnahmsweise Eroberungskriege geführt und das Verdienst an den. Siegen Gott allein zugeschrieben-habe. Sein ' Natiönal-Judenthüm. Von Oberrabbrner Dr. M. Güdemann. Wien 1897. M. Breitenstein. Lebenszweck war. nicht mit der Scholle verknüpft; es sei sein Beruf überhaupt nicht, durch territoriale oder nationale Grenzen beschränkt, sondern sein Blick imb seine Sehnsucht war auf Höheres, Ewiges, Allgemeines gerichtet. Israel war eine Glaubensgemeinde, „ein Führer der Völker".. Darin lag seine Eigenthümlichkeit, seine Individualität. Als seine Aufgabe erschien ihm schon im Alterthum die Mahnung des Propheten, „ein Licht der Nationen zu werden und das Heil der Welt bis ans Ende der Erde gelangen zu lassen". Ja, noch mehr. Die geschichtliche Aufgabe des Judenthums bestand gerade darin, das ausschließliche Nationalitätsbewußtsein zu bekämpfen. Aus diesen Prämissen, ergiebt sich von selbst die logische' Schlußfolgerung: „Würde das Judenthum in allen seinen Anhängern das Bestreben erwecken, wieder eine Nation zu werden, so beginge es einen Selbstmord." Der Berns Israels nach der /Zerstörung besteht in der geistigen Wirkung auf die Menschheit und in der Aufgabe, das messianische, völkerversöhnende ' Zeitalter herbeizufnhren. Das Ideal des Judenthums im Mittelalter war auch das allen Menschen gemeinsame Naiebut Schomajim; um dieses beten sie an den heiligsten Festen des Jahres mit dem Wunsche, daß, alle Menschen Hier auf Erden sich zu einem Bunde vereinigen, um den Willen Gottes zu erfüllen. So ist die Diaspora in der That eine der ruhmreichsten Partien in der Geschichte des Judenthüms, insofern dieses während jenes' langen Zeitraumes seine Unzerstörbarkeit bewiesen und gezeigt hat, daß/es mehr ist als ein nationales Gebilde. Als die Hauptabschnitte dieser Diaspora bezeichnet Güdemann die Namen: Philo, Maimonides, Mendelssohn. Diese Männer waren aber nicht blos hervorragende Bannerträger des Judenthüms, sondern sie glänzen auch in der Kulturgeschichte ihrer Zeitalter. .Wenn die heutigen nationalen Juden über die Assimilationsbcstrebüngen den Stab brechen, so beweisen sie ein kurzes Gedächtniß. Obwohl die Juden den jeweiligen Zeitverhältniffen sich wohl anzupaffen wußten, ist das Judenthum immer sich selbst treu geblieben. Es hat sich überall assimilirt und akklimatisirt, es war unter den Griechen griechisch, in Persien Persisch, unter den Arabern arabisch. Ja, es mußte sich sogar überall assimiliren, um an der Ausführung seiner Aufgabe arbeiten zu können. „Warum sollte es heute anders sein, warum' sollten sich die deutschen Juden nicht wie bisher als Deutsche, die französischen Juden u. s. w. betrachten. Weil die Änderen sie nicht so betrachten? Wenn wir die Anderen gefragt hätten, wären wir längst keine Juden mehr. Jedermann muß wissen, was seine Pflicht und wäs sein Recht ist. . Wird ihm das letztere verwehrt,' so muß er es erstreiten. Dies gilt auch für die Juden." Wir würden den Geist unserer Religiondie Entwickelung unserer Geschichte verleugnen, wenn wir unsere nationale Wieder-