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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-30 · Heft 18 (30.4.1897) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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216 Mann, der GaLrinör, er hat doch mir gewünscht, ich soll hundert Jahr alt werden, ein feiner Mann —" „Das muß ich doch sagen, Vater," warf Awrom ein, „daß es mich von Reb Bär wundert, daß gerade er solche GeschichtHi herumträgt." _ Versündig' Dich nicht, Awromleben, mein Kind," sagte Mordche, indem er die Hände wie beschwörend emporhob. „Reb Bär ist em Zaddik^) und sein' Thora und seine gute Jüdischkeit soll Jedem beistehen. Er hält auf Dich Gold. Du hätt'st sollen hören, was er auf Dich gesagt hat nächten bei der Chewra-Sude. Er ist^ gleich zu mir gekommen und hat gesagt, daß das mit dem Justitiar nicht wahr ist. Nur das Eine, hat er gesagt, fürchte er sich, Du hast Dein Vermögen verloren, und jetzt, sagt er, ist eine andere Welt, wie früher gewesen ist. Tefitlin und Ziziß bewahren den Menschen vor böse Gedanken, abdr die heutige Welt ist leicht. Awromleben, mein Kind" — fügte er mit gefalteten Händen hinzu — „Awromleben, mein Kind', versprech' nur nur das Eine, Du wirft Dich hüten vor böse Gedanken." „Laß' Dir keine Sorgen nahe gehen, Vater," sagte Awrom mit weicher Stimme, „selbst wenn die Fabrik ganz zu Grunde gehen soüte, was durchaus nicht der Fall sein muß, bleibt mir, GM sei Dank, noch immer genug, daß Du und ich keine Noth leiden müssen. Das Ganze kommt nur von dem Dechant her, der gegen mich arbeitet, besonders seit ich den Orden vom Kaiser bekommen habe." „Um mich habe ich keinen Kummer," erwiederte Mordche ruhig. „Gott hat mich so lange dagelassen und wird mich für die kurze Zeit, die mir bleibt, auch nicht vergessen. Und Du, ein paar Volk, gesunde junge Leute, — über Awroms Gesicht fuhr ein schinerzliches Zucken,.— werdet immer noch verdienen, was Ihr braucht. Nur das mit dem Gallech2) will mir nicht aus dem Kopf. Der ist ein Dam-NewelehS. Das Reb Bär auch gesagt. Er kann das nicht überleben, daß Du sollst Bürgermeister von die Christen sein, und darum habe sch Augst, Dil könntest cholileh4) vergessen, daß Du ein jüdisches Kind bist, und auf böse Gedanken kommen. Ich Hab' imlner Angst gehabt, wenn Du hast mit die Gewehren gehandelt." Mordche fuhr sich wieder mit dem großen blauen Taschentuch, das 7er in der Hand hielt, über das Gesicht und bemühte sich, mit seinen fast erloschenen Augen in Awroms Zügen eine Antwort zu lesen. „Mach' Dir keine unnöthigen Sorgen, Vater," sagte dieser mit tiefer Rührung. „Ich werde Dir auf Deine alten Tage keinen Kummer bereiten." Mordche alhmete erleichtert auf. „Eine Sache noch!" sagte er, indem er sich erhob. . „Ich muß noch zu Hause meinen Schabbes zusammenrichten. Thu' mir den Gefallen und komme heute Abends in Schul. Wenn man betet zu Gott, schwinden einem die bösen Gedanken." „Das kann ich Dir leider nicht versprechen," bemerkte Awrom heiter, indem er auf die Briefe wies, die auf dem Schreibtisch lagen. „Das muß ich alles noch lesen und beantworten, und dann muß ich in der Fabrik nach dem Rechten sehen, sonst könnte wirklich der Justitiar kommen, und, aufrichtig gesagt, ich fühle mich nicht gestimmt, beute unter Menschen zu gehen." „Nu, mein Kind, wenn Du nicht kannst," antwortete Mordche in etwas gebrüllter Stimmung, „dann muß Dir Gott es verzeihen. Halt' Dir nur Gott im Herzen. Ja," fügte er seufzend hinzu, ,sin meinen Zeiten haben wir nicht so viel Vermögen gehabt, aber weniger Sorgen; nicht so viel Kowed^), aber dafür weniger Feinde, ustd gelebt.haben wir glücklicher. Nu, mein Kind. Gott sott Dich stärken." *) Frommer Mann. 2j Katholischer Priester. 8) Ein blutiger Judenhasfer. 4) Gott behüte. s) Ehre. - Damit wandte sich der Alte zum Gehen-, und Awrom erhob sich, um ihn zur Einfahrt zu begleiten. „Ich leid's nicht, mein Kind, oßer*), sagte der Alte abwehrend, „Du hast Dein Geschäft zu versehen. Ich werde schon meinen Weg finden, wenn mich nur Jemand bis zur Straße führt." So blieb denn Awrom nichts übrig, als einen Arbeiter herauszuwinken, dem er den Auftrag gab, den alten Herrn an den gewünschten Platz zu bringen, und er selbst trat neu gestärkt in sein Bürean, um sich, nachdem er sich durch einen Schluck Wein gekräftigt hatte, au die unangenehme Arbeit zu wachen, die seiner harrte. (Fortsetzung folgt.) Sprertzscrat. Sehr geehrte Redaktion! Sn Ihrer Nr. 14 vom 2. April veröffentlicht Herr Jsmar Freund aus Breslau einen Artikel „Antisemitismus an deutschen Universitäten", der dazu angethan ist, die im Kartell-Convent (X. 0.) vereinigten jüdischen Verbindungen in falscher Beleuchtung erscheinen zu lassen, und der deshalb nicht unwidersprochen bleiben darf. Der Herr Verfasser kennt offenbar die K. 6.-Verbindungen und deren Tendenzen nicht; denn gleich der erste Satz des diesbezüglichen Abschnittes, auf den sich die übrigen Schlußfolgerungen aufbauen, entbehrt jeder Begründung. Es heißt da: „Auch für sie (nämlich diese Verbindungen) ist das praktische Judenthum ein überwundener Standpunkt." Diese Behauptung beruht offensichtlich auf einer falschen Orientirung des Verfassers. Allerdings lassen diese Verbindungen die religiösen Fragen völlig aus dem Spiel, wie es jede Vereinigung thun muß, die gegen den Antisemitismus geschloffen in die Schranken treten will. Aber wenn Herr Jsmar Freund, der für die „Akademische Gesellschaft für jüdische Geschichte und Litteratur" Propaganda zu machen sucht, unter dem „praktischen Judenthum" das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur versteht, so sei hier konstatirt, daß die Verbindungen des X. 6. gerade diese Forderung schon seit ihrem Bestehen auf das Entschiedenste betont haben, genau in derselben Erwägung, nämlich „daß die Bekanntschaft mit der Geschichte des jüdischen Volkes'das beste Mittel fti, dem jüdischen Studenten zunächst das Bewußtsein seines Werthes gerade als Jude, seine Selbstachtung ihm wiederzugeben". Aber die X. 6.-Verbindungen begnügen sich damit nicht. Sie wollen nicht nur, daß der jüdische Student innerlich das Bewußtsein seines Werthes habe, sie fordern auch, daß er dieses Bewußtsein 'nach außen hin zum Ausdruck bringen soll. Und da muß leider zugestanden werden, daß in dieser Beziehung sehr viel gesündigt wird. Bei manchem jüdischen Studenten hat die systematische Zurücksetzung und Nichtachtung das Selbstgefühl derart znrückgedrängt, daß er sich Beleidigungen und Schmähungen ruhig gefallen läßt, als ob dies so sein müßte. Wir sind anderer Ansicht: wir glauben, daß es antisemitischen Beleidigungen gegenüber nicht genügt, von seinem Werthe überzeugt zu sein, sondern daß es Pflicht jedes Einzelnen ist, dieser Ueberzeugung entsprechend aufzutreten und dieselbe auch Änderen gegenüber auf jede Werse zu verfechten. Und von dieser Erwägung aus wollen die Verbindungen des X. 6. allerdings „zeigen, daß der jüdische Student seiner Standesehre sich voll und ganz bewußt ist, und daß er sich nicht ungestraft sixiren läßt"; ebenso wenig, wie es der christliche Kommilitone thut. Wenn der Einzelne vielleicht hier und da zu weit geht, so ist das recht bedauerlich, aber immerhin noch besser, als wenn er „im Bewußtsein seines Werthes" Beleidigungen ruhig einsteckt. Der Jude soll davon durchdrungen sein, daß er genau dasselbe ist und dieselbe Achtung zu beanspruchen hat wie sein christlicher Kommilitone. Thut er das nicht, dann möge er sich auch nicht über das Verhalten der Gegner beklagen. Denn schließlich verdient Jeder die Behandlung, die er sich gefallen läßt. Ulm a. D. I F. Strauß, cand. jur. x) Durchaus nicht. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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