Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Inzwischen hotte sich auf bem Marktplatz eine für diese Tageszeit an einem Arbeitstag ungewöhnliche Menschenmenge angesammelt. Die abenteuerlichsten Gerüchte durchschwirrten die Luft. Die Millionen wuchsen tm Handumdrehen. Ein weiser Schuster wollte wissen, daß die Engländer alles Unheil angerichtet hätten, weil sie nicht dulden wollten, daß außerhalb Englands noch eine Fabrik bestehen solle. Ein frommes Mütterchen sah die Ursache des Unglücks in dem gottlosen Unternehmen, aus einer heiligen Klosterruine eine profane Zuckerfabrik zu machen. Ein alter Invalide rechnete mit einem gleichgesinnten Freunde aus, welche Nummern man in die Lotterie zu setzen habe, um die Katastrophe finanziell zu verwerthen. Ein junger Mann, der mehrere Jahre in den Kneipen „studirt" hatte und endlich von seinem Vater, einem wohlhabenden Weinbauer, nach Hause genommen war, wo er die angefangenen Studien mit uu-' ermüdlichem Eifer fortsetzte, war der Erste, der von den verderblichen Einflüssen der Jndenherrschaft zu reden begann.. „Sie sind ein Nomadenvolk, das immer auf die eine oder die andere Weise Raubwirthschaft getrieben hat; im Alterthum haben sie die ägyptischen Juwelen mitgeheu heißen; im Mittelalter haben sie das christliche Volk bewuchert, und jetzt gründen sie Fabriken, damit sie, die Drohnen der Gesellschaft, von dem Schweiße des ehrlichen christlichen Arbeiters leben können." Dann forderte der eifrige Anwalt der ehrlichen Arbeit einige Freunde auf, mit ihm zum „blauen Löwen" zu gehen, um im dortigen Biergarten das Wohl des arbeitenden Volkes weiter berathen zu können. Bedentlichcr war die Ansammlung der Bauern aus der Umgegend, die kleine Aktieiibestände besaßen, und beiiett man eingeredet hatte, daß sie für den Fehlbetrag der Fabrik mit ihrer ganzen Habe würden anfkommen müssen. Man sah geballte Fäuste und hörte ernste Drohungen gegen alle Diejenigen, welche für dieses Unglück und für das Fabrikuuternehmen überhaupt verantwortlich waren oder dafür galten. Am lautesten waren die Gruppen von Arbeitern, meistens zugewandertes Volk, welchen Niemand recht geneigt war, am wenigsten die Bauern, welche in ihnen die Vertheuerer der londwirthschaftlichen Arbeit sahen. Diese, und noch mehr ihre Weiber, ergingen sich in lauten Verwünschungen und derben Flüchen, ihr Gespräch durch gelegentliche Züge ans mitgebrachten Branntweiuflaschen unterbrechend. Vaclav Horacek, ein hagerer Geselle mit unheimlich leuchtenden Augen, das Gesicht von einem langen, dunkelbraunen Vollbart umsäumt, war der lauteste von Allen. „Achtzig Kreuzer Taglohu für zwölf Stunden Arbeit in den heißen Räumen bezahlen, daß man in ein paar Jahren elend zu Grunde gehen muß," rief er, „das können sie. Und wenn Einer, wie letzthin der Klimsche. sich ln ausströmendem Dampf verbrüht, bcutu soll das arme Weib noch die Hand küssen dafür, wenn man sie mit fünf Gulden in ihre Heimath schickt, und die großen Herren trinken Wein, von dem jede Flasche so viel kostet. Das sage ich Euch: Ehe ich mich von hier fortschicken lasse, zünde ich die Bude an." Murrende Zurufe wurden laut, die bewiesen, daß solche Reden warmen Widerhall fanden, und der Bürgermeister wäre nicht mit der gewohnten Unterwürfigkeit begrüßt worden, hätte er es gewagt, in diesem Augenblick sich der Menge zu zeigen. Inzwischen lag dieser immer noch in derselben Stellung in seinem Lehnstuhl, trotz der warmen Mailuft, die durch das geöffnete Fenster drang, gelegentlich zusammenschauernd, bald rieb er sich die Stirn, als wollte er seine Deukthätigkeit anspornen, bald bedeckte er seine Augen, als wollte er mit sich allein sein, bald sah er verloren in die frisch grünenden Felder, die sich jenseits des Teiches in Unabsehbare Ferne erstreckten, bald rieb er fröstelnd seine Hände, bald blies er den Athem aus gewaltsam erhobener Brust, als wollte er Kühle um sich erzeugen. Wie lange er so gelegen haben mochte, wußte er nicht. Eine lange, lange Zeit mußte es gewesen sein, als ein rasches Klöpfen an der Thür ihn aus seinen Träumereien schreckte, und auf sein ganz instinktiv ausgestoßeues „Herein" die Thür sich öffnete und sein Vater, von einem Arbeiter geführt, eintrat. Es war das erste Mal, daß Mordche die Fabrik betrat. „Boruch habbe*), Vater," rief Awrom überrascht, indem er mit voller Selbstbeherrschung heiter zu erscheinen trachtete. „Das ist ein seltener Gast. Setz'Dich doch vor allem, und dann erzähle mir, was Dich hierher gebracht hat, nachdem ich mich in acht Jahren vergeblich bemüht babe, Dich hierher zu bringen." Dann zwang er seinen Vater in den Lehnstuhl, während er sich einen Strohseffel heranschob, auf dem er Platz nahm. „Du weißt, mein Kind," begann der Alte, „daß ich nichts sehe, leider, und von der Fabrik verstehe ich nichts. Ich bin nur gekommen, zu hören, was Neues ist. Ist cs wahr, was man erzählt?" - „Was erzählt man denn?" erwiederte Awrom mit mühsam behaupteter Ruhe. „Daß der Kreishauptmann mit dem Justitiär gekommen ist, um Dich wegzuführen," sagte Mordche mit bebender Stimme. „Hat mich Gott lassen so alt werden, daß ich das erleben muß?" Mordche, der noch immer die vörmärzlichen Amtsbezeichnungen beibehalten hatte, sah in einer Verhaftung nichts Unehrenhaftes, solidem nur den Schrecken. Er glaubte sich immer noch in jenen Zeiten, als man den Juden verhaftete, weil er der Flucht vor dem Militärdienst verdächtig war oder eine Gans hatte schlachten lassen, ohne die jüdische Accise zu bezahlen, oder blos unter einem nichtigen Vorwände, um eine Erpressung an ihm zu verüben, eine Auszeichnung, die einem Vorsteher besonders häufig ertheilt wurde. Von solchen Gedanken gequält, zog der arme Mordche sein großes blaues Taschentuch hervor, das mit zu seiner Sabbathtoilette gehörte, die er bereits vollendet hatte, und wischte sich die halbblinden Augen. „Wer hat das gesagt?" rief Awrom heftig, indem er von seinem Stuhle aufstand. „Thu' Dich nur nicht so sachten 2)," sagte Mordche, „Reb Bär ist gekommen, mir zu erzählen, daß — wie heißt er, na— Cheskel Bele Chajims Sohn —" „Ignaz Rosenthal?" sagte Awrom ergänzend. „Ja, Cheskel Bele Chajims. Sohn — ich kann mich auf die deutschen Namen nicht besinnen — hat überall in den Gewölben und auf dem Platz erzählt, daß heute Nacht der Justitiär wird herauskommen." „Nun, tröste Dich, Vater," sagte Awrom ganz ruhig. „Ich habe gar kein Gericht zu fürchten, und den miserabeln Kerl, den Rosenthal, werde ich mir ausborgen, bis ich nur einen freien Kopf habe. Der nichtswürdige Mensch! Das ist der Dank für das Gute, das ich ihm gethan habe." „Awromleben, mein Kind," sagte der Alte, dem die vormärzliche Zeit immer vorschwebte, erschreckt, „fang' Dir nur nichts an. So Einer geht zum Kreishauptmann oder zum Gabrinör und macht eine Messire^)." „Hab' Du keinen Kummer, Vater," erwiederte Awrom mit aufrichtiger Heiterkeit. „Du weißt doch, daß der Gouverneur erst' vor vier Wochen hier war, und daß ich bei ihm mehr gelte als Ignaz Rosenthal." ' „Daran Hab' ich in meinem Schrecken vergessen," sagte Mordche schmunzelnd, „sonst hätt' ich das Reb Bär gleich gesagt. Ein feiner Gesegnet sei dein Eintritt. ») ärgern. Denunziation.