Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m ihrer brutalen Art jede frohe Sekunde verbitterte, allein gegen den einsamen Mann da drüben kamen sie sich d,och noch reich vop, denn wenn Mutter und Tochter ihren Musik- und, wissenschaftlichen Unterricht ertheilt, der allerdings herzlich schlecht honorirt wurhe, dann brachte doch jeder Monat so diel, daß sie ihre sehr bescheideneLl Bedürfnisse befriedigen konnten; sie waren Zwei, die für einandersorgten, mit einander dachten, sich ergänzten. t- Die ältere Dame theilte ihre Zeit in wirtschaftliche Arbeiteil und Unterricht geben, während die Tochter ohne Rast und Ruh Schüler und Schülerinilen in die edle Kunst der Musik einweihte. - Kam. sie, oft bis zum Tode ermüdet nach Hause, dann fand sie den Tisch gedeckt, das einfache Mahl bereitet; die Mutter saß ihr gegenüber und lauschte gespannt den Worten der klugen und geistvollen Tochter, die ihr dies und Jenes berichtete. Es ertrug sich eben Alles leichter, weil die Beiden, die sich liebten Und schätzten, gemeinschaftlich arbeiteten.mit) strebten, gemeinschaftlich die Lasten eines ärmlichen Daseins zu. tragen hatten. Der. „drüben" aber war allein, immer allein. In seine Arbeit vertieft, sah und hörte er nicht, was um ihn her vorging. Selbst die keifenden Stimmen zänkischer Frauen, die oft genug aus b#t geöffneten Fenstern in die anderen Wohnungen drangen, störte ihn nicht. Die Mittagsstunde ging oft vorüber, ohne daß der „Doktor" Anstalten traf, zu speisen oder ein Gasthaus aufznsuchen, und fast nie erschien ein Mensch bei ihm, um sich nach seinem geistigen und körperlichen Befinden zu erkundigen.;; Seinen Lebensunterhalt, — wenn man bei ihm davon sprechen konnte, verdiente er sich auch durch Unterricht geben. -„r. All einzelnen Tagen schnellte er zu einer bestimmten Zeit von seinem Platze auf; legte mit fast zärtlicher Vorsicht die engbeschriebenen Seiten, die schon in stattlicher Anzahl aufgehäuft waren, zusammen; seine etwas fadenscheinige Toilette wurde im Sturmflug pollendet, und heidi ging's die zwei steilen Treppen hinunter, über den schmalen Hof zum Hause hinaus. Kam er zurück, dann sah das blasse, schmale Gesicht mit den dunkel umränderten, überwachten Augen, die träumerisch, als sahen sie mehr nach Innen wie nach Außen, unter der hohen, gedankenreichen Stirn .hervorblickten, noch bleicher aus; um den feinen bartlosen Mund zuckte ein nervöses abgespanntes Lächeln; die etwas eingesunkene Brust hob sich von schweren Athemzügen. Erst wenn er wieder vor dem Schreibtische saß, glätteten, sich die vergrämten Züge ein wenig; mit fliegender Hast, als müsse er die versäumte Zeit wieder einholen, flogen die Hände über das Papier. . Er hatte nur einen Gedanken, einen Wunsch.- Ihn ausführen ynd erfüllt sehen zu können, .war die Triebfeder, die ihn alles andere vergessen machte. Wofür er aber in seiner rastlosen Thätigkeit, in dem in ihm wohnenden Gelehrtenstolze keinen Sinn hatte, was er nicht sehen wollte, wofür er sich taub und blind machte, entging den, teilnehmenden Blicken, der ihm gegenüber wohnenden beiden Damen nicht, und besonders die Aeltere hatte für den Einsamen ein gewisses Faible, obwohl er bisher weder einen Gruß noch sonst etwas für die „Nachbarinnen" übrig hatte. Sie hatte noch scharfe Augen, die gute Frau Milde, und wenn sie in ihrer Küche hantirte, dann streiften ihre Blicke von Zeit zu Zeit das vi8-ü-vis.;. Dabei bemerkte sic, daß der fleißige junge Maun feinen Arbeitstisch immer näher und näher ans Fenster rückte und recht oft die Brille wechselte; ein Beweis, daß es mit dem Sehen schlechter gimz; die Wangen erschienen ihr schmaler. — die Brust eingesunkener,■; lauter Merkzeichen überhasteter Arbeit bei mangelhafter Ernährung. — So konnte es .doch nicht bleiben, wiederholte, sie täglich sich wie ihrer Tochter, „denn der unpraktische Mensch da drüben gehtbei der Arbeit zu Grunde.und kann nicht ernten, was er gesäet, wenn.sich nicht gute Menschen seiner annehmen. - Sophie Milde stand der Angelegenheit bei Weitem nüchterner gegenüber. — Sie selbst hatte so schwer zu kämpfen; die eigene Kraft drohte so oft zu erlahmen, daß sie für das Schicksal des ganz fremden Menschen nur ein sehr, flüchtiges Interesse hatte; dennoch aber hätte sie nichts gegen eine kleine Hilfsleistung ihrer Mutter dem jungen Gelehrten gegenüber einzuwenden gehabt, und die Bemerkung der Mutter in Betreff des Geredes der Leute erschien ihr kleinlich. Darüber war Sophie Milde längst hinweg. Sie that, soweit es in ihrer Macht stand, stets das Rechte. Sie hatte die mit der Jugend so verwachsenen schüchternen, zaghaften und sentimentalen Empfindungen tapfer niedergezwungen. Sie mußte, sollte sie und die alternde Mutter nicht der bittersten Noth anheimfallen, auf eigenen Füßen stehen; Tag für Tag durch Sturm und Regen, in Hitze und Kälte allein durch die Straßen der Residenz irren, und so manches, was sonst jungen Mädchen verschwiegen bleibt, lernte stein ihrer Jagd nach Schülern und Schülerinnen kennen. Sie durfte darin nicht wählerisch sein, und ihre Erfahrung lehrte ihr, daß sehr oft die Menschen bei Weitem besser sind als ihr Ruf. und wiederum der Ruf tausendmal besser als-ist als die vom Glorienschein der Tugend und des Wohlthuns umstrahlteil Frauen und Männer, denen sie auf ihrer dornenvollen Laufbahn begegnete. Sophie war überhaupt ein eigenartiges Geschöpf. Körperlich nicht groß,- durchaus nicht das, was die Männer schön nennen, — verstand sie es dennoch, sich Geltung zu verschaffen. Von bienenhaftem Fleiße. talentvoll und klug, überragte sie geistig die meisten ihrer Altersgenossinnen, und da sie eine aufopfernde Freuildin war, so unterwarf man sich gern ihrer geistigen Snperioritüt. Auch ihre Mutter that es, ungern, sich dagegen sträubend, — die mütterliiche Autorität wollte es nicht zugesteheu,— es half aber nichts, — Sophie behielt die entscheidende Stimme, und da sie das Meiste zur Erhaltung des kleinen, aber sehr geordneten Hausstandes beitrug, so mußte eben Frau Milde gute Miene zum bösen Spiele machen, was ihr bei der herzlichen Liebe zu ihrer von ihr überaus hoch geschätzten Tochter auch nicht allzu schwer wurde. (Forts, folgt) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Einunddreißigstes Kapitel. Des Vaters Mahnung. )wrvln hatte sich den Wagen des Fabrikdirektors zil einem Seiteneingang des Rathhauses bestellt und war mit klopfeiidem Herzen über den Hof, in welchem die .städtischen Wagen und Feuerwehrgeräthschaften ihren Platz hatten, unbemerkt an seinen Wagen gelaugt, in welcheii er sich tief zurücklehnte, und aus dem er keinen Blick hinauswarf, bis er in dem Hof der Fabrik vor dem Direktionsgeväude hielt. Mit ängstlicher' Raschheit öffnete er den Schlag, stürmte die Treppen zum ersten Stockwerk hinan und warf, sich in den vor dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl; den-Diener, der ihm meldete, daß das Dienstmädchen dagewesen sei und gefragt habe, ob sie das Mittagbrod nach der Fabrik.bringen solle,tnie§wortlos mit unwirscher Handbewegung ab. Jetzt, da er allein war, schloß er die Augen, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seufzte tief auf.