Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
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213" Indessen ist es sogar gelungen', durch Experimente an Thieren die Gesetzmäßigkeit dieserVerhältnisse festzustellen. Man kreuzte z. B. eine kleine Seideuhündm mit einem großen Neufoundländer, und man erhielt ein männliches Thier, das nach der Seidenhündin, und ein weibliches Thier, das nach dem Neufoundländer schlug. Letzteres überragte z. B. nach vier Monaten bereits um das Doppelte seine Mutter. Es ist nach alledem zweifellos, daß das Klima und die Erblichkeit die Körpergröße eines Menschen mit bedingen. Es ist and) bekannt, daß Ernährung und Beschäftigung die Entwickelung der Kinder in hohem Grade beeinflussen, aber dennoch ist man nicht im Stande, der Nasse einen bestimmenden Einfluß auf die Körpergröße zuzuschreiben oder vielmehr in der Körpergröße ein Nassenmerkmal zu finden. So sind bisher alle Bemühungen trotz unendlichen Fleißes vergeblich gewesen, ganz gesetzmäßige körperliche Rassennnterschiede festzustellcn. Geistige Merkmale oder moralische Fähigkeiten als Raflenmerkmale zu verwerthen, ist bisher noch keinem Forscher ernsthaft in den Sinn gekommen. Bisweilen werden Eigenschaften als Rasseueigenthümlichkeiten gedeutet, welche nur durch äußere Verhältnisse gezeitigt worden sind. Ein schlagendes Beispiel hierfür lieferte unter anderem die Befreiung der Schwarzen im amerikanischen Sklavenkriege; denn diese Nasse zeigte sich in der Folge nicht weniger kultnrfähig als die weiße, welche sie vorher in körperlicher und geistiger Knechtschaft gehalten lind daruni ihre Eutwickeluilg gehemmt hatte. Nicht minder lehrt uns die Geschichte seit dem grauen Alterthum, daß Niemand das Recht hat, die geistigen oder moralischen Errungenschaften der Menschheit als Eigenthum einer Nationalität oder einer Rasse in Anspruch zu nehmen. So haben Aegypter, Asshrer und ihnen stammverwandte Völker die Fundamente der Wissenschaft gelegt, von denen uns ihre Denkmäler noch Kunde geben; und von ihnen haben die Griechen und Römer die Anfänge der Wissenschaft erst Überkommen. Die Chinesen haben schon vor Jahrtausenden Erfindungen gemacht, welche in Deutschland im Mittelalter entstanden sind, wie die des Schießpulvers und der Bnchdruckerkunst. Wer wollte daher behaupten, daß die Chinesen, wenn sie auch gegenwärtig in der Kultur zurück sind, an Intelligenz der weißen Bevölkerung der Erde nachständen. Zeigen nicht gerade die ihnen stammverwandten Japaner in der neuesten Zeit, wie kultnrfähig sie sind? Kein . Volk befindet sich im ausschließlichen Besitz der Intelligenz, und keine Rasse darf eine andere für geistig minderwerthig halten, auch wenn sie in der Kultur noch nachsteht. Noch weniger als die Intelligenz kann und darf die Moral als Eigenthum einer Raste gelten. Will mau den Monotheismus als Maßstab nehmen, so lehrt die Geschichte, d.aß dieser Gottesidee alle Völker der Erde zugänglich waren und noch sind, daß also alle Völker fähig sind, dieselbe sich anzueignen. Gewiß ist der Monotheismus in seiner reinsten und klarsten Form zuerst von den Inden erfaßt worden, von benen die Christen und Mohamedaner ihn empfangen haben, aber auch bei den Chinesen und Indern sowie bei den Persern tauchte er in etwas'anderer Form auf. Jedenfalls zählen zu seinen Bekennern jetzt Anhänger jeder Rasse. In anderer Beziehung giebt es keinen festen Maßstab für den Begriff der Moral; fast jedes Volk hat seine eigene. Ob die der kultivirten Völker immer eine bessere ist, ist eine offene Frage. Manchesmal dürfte noch zutreffen, was Säume seinem Kanadier in den Mund legt: „Seht, ihr klugen weißen Leute, Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen." Aber vielfach werden die jeweiligen Sitten eines Volkes als Moral angesehen und dabei übersehen, daß sie mir die Formen, aber nicht den Kern der Gesinnung bedeuten. So haben die Juden zweifellos eine Anzahl Sitten und Lebensgewohuheiten, welche ihren Mitbürgern auffallen und unter Umständen mißfallen müssen. Aber diese Differenz der Lebensgewohuheiten, der Sitten gleicht sich mit der Zeit'aus und hat mit Rassenunterschieden nichts zu thun. So sehen wir. daß trotz der Unterschiede, welche oft bedeutend erscheinen, es nicht möglich ist, verschiedene Menschengruppen als verschiedene Lebewesen von einander zu sondern. Trotz, der Unterschiede, die sich im Einzelnen ergeben, bleiben doch so viele gemeinsame Merkmale, daß man alle Menschen als gemeinsames Geschlecht und eine gemeinsame Art betrachten muß, welche durch eine weite Kluft von den Thieren gesondert ist. Man kann dem Gedanken über die Einheit des Menschengeschlechts nicht schöner und humaner Ausdruck verleihen, als es unser berühmter Virchow am Schluß seiner mühevollen Untersuchungen über den Schädelbau thut: „Wenn ich die gesammte Geschichte der Menschheit übersehe," sagt er, „kann ich mich der Vorstellung nicht enthalten, daß wir wirklich Brüder beziehentlich Schwestern sind. Ich finde keine so großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Nassen, daß ich mir getraute, die Vorstellung von einer ursprünglichen Differenz des Menschengeschlechts in so bestimmter Weise zu präzisiren." -II—li- - - - --II—-11- MkikMMMklWtWMkuMtWmWWVkMWWMItiiWnWWrkmWWMlkMMn^W rang N 1 FEUILLETON 1 1 1 MMM wP -1 I-1 I--:-—1 1-1 MIMMW MmMMlLLL s——i Meder Glück noch Ktern. Novelle von O. Vach. ^ieh, Sophie, soeben ist der Doktor, drüben nach Hause gekonnnen. Wie elend er wieder aussieht! Am liebsten schickte ich ihm eine Tasse Bouillon hinüber; aber Du lieber Gott, es schickt sich doch nicht, daß ich dem fremdell Manne entgegenkomme. Er könnte diese Freundlichkeit am Ende noch übel deuten und dann das Gerede der Leute." Ein leises, etwas spöttisches Lachen unterbrach den Redestrom der älteren Dame. Ein nicht schönes, aber noch junges, sehr klug aussehendes Mädchengesicht beugte sich über die Schultern der Mutter, und die dunklen Augen suchten dasselbe Ziel, welches die Blicke der Anderen angezogen und zu der Betrachtung veranlaßt hatte. Nur ein schmaler Hof trennte das Vorderhaus von dem Hintergebäude. Die nach hinten gelegenen Zimmer der Vorderwohnungen, gestatteten einen Einblick in die gegenüberliegenden Hofwohuungen, welche von ärmeren Leuten bewohnt und theilweise noch an Aftermiether oder spärlich zahlende Chambregarnisten abgetreten wurden. Zu den Letzteren gehörte der Dr. Phil. Joseph Klein, der sich in einem Hinterstübchen installirt hatte, um ungestört sein erstes größeres, philosophisches Werk zu vollenden und nun Tag für Tag, oft halbe Nächte lang, ohne sich eine Erholung zu gönnen, über den Schreibtisch gebeugt, den er, um besseres Licht zu haben, dicht an das einzige, schmale Fenster gerückt hatte, dasaß, weiße, eugbeschriebene Blätter vor sich, ebenso gewichtige Folianten, deren er zu seinem sfhwierigen Werke bedurfte. Der junge Gelehrte hatte das Interesse der beiden Damen, Mutter und Tochter, erregt. Auch sie mußten den schweren Kampf um das Dasein auschten, auch sie kannten die bleiche, blutleere Gestalt der „Frau Sorge", die U)ueu aus Schritt und Tritt begegnete und ihnen in