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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-30 · Heft 18 (30.4.1897) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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i! - — W — mehrere Jahre länger, ehe der eigentliche typische Bau des Menschen erreicht ist, daß nämlich das Bein sowohl den Rumpf als den Arm an Länge überragt. Der kindlichen Form nähert sich, wie inanderer körperlicher Beziehung, der Körperbau der Frau aus der^ nicht arbeitenden Bevölkerung. Zwar sind die typischen menschlichen Verhältnisse an demselben ausgesprochen, aber Arme und Beine, sind nur wenig länger als der Rumpf, der dazu durch das Korset. noch verunstaltet wird. Eine gleichzeitige Folge davon ist wohl auch,, daß bei ihr Brust und Becken stärker als nothwendig hervortreten. ,? Je mehr der Mensch körperlich arbeitetdesto mehr nähert sich^ seine Gestalt der ideal menschlicheil, und daher kommt es, daß. einerseits die arbeitende Bevölkerung im Allgemeinen schöner gebaut ist, als die Klasie der sog Gebildeten, und daß andererseits die unkultivirten - Bölker, die ja geistige Arbeit nicht kennen, die kultivirten an Schönheit der: Körpergestalt vielfach übertreffen. Dem berühmten Forschungsreisenden Nordenskjöld imponirte unter anderen die Gestalt der Kulis, der, chinesischen Lastträger, so sehr, das; er von ihnen schreibt: „So mancher, von ihnen, besonders von den jüngeren Männern, hat einen fo herrlich gebauten Körper, das; der Bildhauer, welchem es gelänge,,, denselben treu in Marmor wiederzugeben, sich augenblicklich einen , berühmten Namen machen würde." Indessen besteht zwischen dem Bau unknltivirter Völker und dem kultivirter kein grundsätzlicher Unterschied; derselbe ist nicht! größer als bei demselben Volke zwischen der arbeitenden und nichts arbeitenden Bevölkerung. So interessant daher auch die Ergebnisse; dieser Betrachtungsweise sind, sie konnten doch nicht die Aufstellung.: eines: Rasseumerkmals sichern. Andere Besonderheiten, die sich bei.; unkultivirten Völkern finden, sind mehr nebensächlicher Natur unb sind meistens durch ihre Lebensweise bedingt. So tragen dieselben in der Regel kein Schuhwerk; ihre Zehen sind deswegen besser ausgebildet und freier beweglich als bei den Kultivirten, deren Füße in oft sehr beengendes Schuhwerk eingezwängt sind. Andererseits hat ihre Fußsohle nicht die schöne Wölbung, wie bei kultivirten Völkern, da sie mit derselben direkt austreten. Es sind aber meistens keine wirklichen Plattfüße, sondern es sind nur die Weichtheile an . der Fußsohle verdickt. Ebenso verhält es sich damit, daß z. B. die ■ Zulu-Kaffern auffallend dünne Waden haben; das liegt an ihrer , Ernährung. Wenn man sie unter günstigere Lebensbedingungen versetzt, werden auch jene stärker. Eins aber unterscheidet ihren Körper auffallend von dem der Europäer: ihre Knochen sind schlanker. und graciler, aber darum doch nicht weniger fest als die der kultivirten Völker. „Der Knochenbau der Kaffern," sagt eine Autorität auf. diesem Gebiete, „verhält sich ebenso zu den; der Europäer, wie der eines wilden Thieres zu dem eines gezähinten derselben Gattung?" Mehr als der Unterschied in den Verhältnissen der einzelnen, Körperthcile, dürste im Allgemeinen dem nichtgelehrten Beobachter derjenige der Körper grüße, verschiedener Nationen auffallen. Es„ sind auch in der That nicht geringe Unterschiede in der durchschnittlichen Körpergröße vorhanden, wem; man die Völker in dieser. Beziehung mit einander vergleicht. Die kultivirten Völker Europas , unterscheiden sich allerdings nur wenig darin. Die Mitte haben etwa die Deutschen inne mit einem Durchschnittsmaß von 168 Centimetern kleiner sind die Südfranzosen und Italiener mit 162 bis 165 Centimetern, während die Schotten und Skandinavier der größte Menschenschlag Europas sind und eine Durchschnittsgröße von 172 Een- . timetern und darüber haben. Unter den kultivirten Völkerschaften ist die Größe der Nordamerikaner besonders bemerkenswerth. Obgleich; sie sich fast ausschließlich aus Auswanderern europäischer Völker zusammensetzen oder ans Nachkommen derselben, so übertreffen sie , dieselben doch n», zwei vis drei Ceiuinieler an Glöße. Dennoch ist die Körpergröße kein Rassenmerkmal. Denn die größten Menschen sind unter den unkultivirten zu finden; es sind die Patagonierin Südamerika, welche durchschnittlich 180 Centimeter und darüber groß werden, allerdings nicht so riesenhaft groß, wie man ehedem sie schätzte, ehe man sie genaller kannte. Die Indianer Nordamerikas stehen den Weißen an Größe nicht nach, und auch die Neger übertreffen noch an Größe die Deutschen. Dagegen giebt es unter den unkultivirten Völkeril auch extrem Kleine, welche uns wie Zwerge erscheinen. Es sind meist Völker, welche in sehr schlechteil Verhältnissen leben, weswegell sie Virchow auch „Kümnlerformeil" des menschlichen Geschlechtes nennt. Am bekanntesten von ihnen silid die Lappländer, welche selten größer als 150 Ceilt'nneter werden. Noch um 10 Centimeter kleiirer sind die Akkazwerge an den Quellell des Nil, voll denen vor einigen Jahren zwei Repräsentantinnen durch Herrn Dr. Stuhlmanu nach Europa gebracht wurden. Die kleinsten Völker sind wohl die ebenfalls in Afrika lebenden Buschmäililer und die Abongo, deren durchschnittliche Geöße nur 137 Centimeter betragen soll. Natürlich muß man, um die Dnrchschnittsgröße eines Volkes zu ermitteln, eine große Anzahl gleichaltriger Menschen, womöglich desselben Berufes wühlen. Man niißt gewöhnlich, wenigstens bei den kultivirtell Völkern, die militärpflichtigen jungen Leute, welche sich ja im Filter von 21 bis 23 Jahren befinden. Der Wahl dieses Alters liegt die Voraussetzung zu Grunde, daß bis dahin das Wachsthum des Körpers abgeschlossen ist, aber sie trifft ilicht für alle Völker^zu. Die Nordamerikaner werden nicht nur größer als in ihren; ursprünglichen Heiiuathlande, sondern sie erreichen auch-erst später die Grenze des- Wachsthums; sie können bis zum Anfang der Dreißiger wachsen. Aehnlich ist auch bei den Inden das Wachsthum mit dem dreinndzwanzigsten Jahre häufig nicht abgeschlossen, sondern ist noch uni einige Jahre hinausgeschoben. Diese Verhältnisse muß man berücksichtigen, wenn ma;; die wahre Größe der Angehörigen verschiedener Völkerstälnme vergleichen will. Was aber die Ursache der ungleichell Größe der Menschen ist, ist bis jetzt ebenso wenig aufgeklärt als diejenige der verschiedenen Hautfärbung. Man erging sich in mannigfachen Vermnthuugen, die sich bei näherem Zusehen nicht beweisen ließen. Sosollten die Menschen au Größe abnehmen, je iläher sie dem Aequator wohilen, aber in Europa wohnen z. B. nördlich voi; den großeil Norwegern die viel kleineren Lappländer, und ähnlich ist es in anderen Erdtheilen. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist jedoch ein uns,noch unbekannter Einfluß des Landes, in dem;nan wohnt; beim wir haben gesehen, wie sich die Wachsthumsverhültnisse der Einwailderer in Anierika älldern. und in Deutschland giebt es z. B. Gegenden, besonders Gelnrgsthäler, wo einerseits die Menschen nicht groß werden, aildererseits viele Cretius, jene Mischlinge von geistiger unb körperlicher Mißgestaltung, vorhanden sind. Mai; sieht auch, daß die Jllden nach den verschiedenen Lällder sich in ihrer Größe etwas linterscheiden. Worin allerdings der. Einfluß des Laildes besteht, entzieht sich bis jetzt unserer Beurtheilung. Ebenso ist es unzweifelhaft, das; die Erblichkeit bei dem Körperwachsthuni eine große Rolle spielt, deren Bedingungen wir nicht näher kennen. Im Allgemeine;; haben ja große Eltern auch große Kinder, aber nicht selten haben auch kleine Eltern große Kinder und große Eltern kleine — wie ja auch in geistiger Beziehung Kinder nicht immer den Eltern gleichen. Im Allgemeinen geräth der Sohn in seiner Größe nach der Mlitter, die Tochter nach dem Vater. Ausnahmen von dieser Regel sind aber sehr häufig, wie das berühmte Beispiel an Goethe zeigt, der von sich erzählt: Vom Vater Hab' ich die Statur, Vom Mütterchen die Frohnatur.

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