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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-30 · Heft 18 (30.4.1897) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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>2M gangen heit. So ist es auch mit dem. angeblichen Bande und Bunde zwischen Judenthum und Sozialdemokratie. Daß der eine.oder andere ihrer Führer geborener Jude, ist richtig. Aber noch.viel mehr ihrer Leiter sind katholisch, evangelisch getauft. Ob jene noch Juden sind oder nicht längst Dissidenten, ist nicht bekannt, auch für die Sache ohne Belang. So viel steht fest, daß noch. Niemand aus der Thatsache, daß Christen Sozialdemokraten sind, eine Verbindung zwischen Christenthum und Sozialdemokratie gefolgert, Jenes um Dieser willen verdächtigt hat. Aber mit gleichem Maß zu messen, gerecht zu urtheilen, hat man den Inden gegenüber in Deutschland seit zwei Jahrzehnten verlernt. Man könnte ja — und mehr oder minder offene Anhänger der Sozialdemokratie haben es gethan — aus den Quellenschriften des Christenthums sozialdemokratische, selbst kommunistische Anklänge herleiten. Der Satz: daß eher ein Kameel (richtiger ein Schiffstau) durch ein Nadelöhr gehe, als ein Reicher ins Himmelreich komme, könnte, buchstäblich aufgefaßt, zu solcher Annahme verführen. Festzustellen ist vor allen Dingen das Eine : das Judenthum darf, auf seine Queller: und auf seinen Schriftschatz mit gerechtfertigter Anerkennung und Verehrung auch hinsichtlich der sozialen Frage sich berufen. Im alten Testament findet sich kein Wort der Bevorzugung, keines der Zurücksetzung Reicher oder Armer. Im Gegentheil: an zwei Stellen spricht die mosaische Urkunde den scheinbaren Gegensatz aus: Einmal: Es soll keine Armen geben im Volke. Ein andermal: Die Armrith wird nicht aufhören. Zwei Sätze, scheinbare Widersprüche, in Wahrheit der Inbegriff sozialpolitischer Weisheit und Erfahrung. Das Streben soll auf Verminderung und Be-; seitigung der Armuth gerichtet bleiben. Jndeß — so lange Menschen Menschen sind, so lange es Sparsame und Leichtsinnige, Arbeitsame itnb Faule, Begabte und Dumme, Starke und Schwache, Gesunde und Kranke. Nüchterne und Trunkenbolde, Mäßige und Ausschweifende giebt — wird jenes ideale Ziel nicht erreicht. Aufgabe der Bildung, der werkthätigen Menschenliebe, der Erziehung, der Staatseinrichtungen ist es, jene Gegensätze auf ihr geringstes Maß zu beschränken und insoweit der Armuth die Nährwurzeln ab-, zuschneiden. Welch ein mustergiltiges Vorbild einer auf Gerechtigkeit und wahrhafter — nicht blos scheinbarer, nicht blos formaler — Rechtsgleichheit Aller beruhenden Staatsverfassung bieten die staats- und privatrechtlichen Grundsätze des mosaischen Rechtes dar. Das war eine Agrargesetzgebung, die Keinen ohne Ar und Halm ließ, aber' auch keinerlei Sondergelüste, keine .Vorrechte, keine Liebesgaben kannte und zuließ. Gleichmäßig war das Land unter die Familien vertheilt, gleichmäßig vererbt. Und gegen die unvermeidlichen Störungen und Wandlungen infolge von Mißernte, Mißwirjhschaft rc. sollte das 7. Erlaß- und das 50. Jubeljahr Schutz und Riegel sein, um alles wieder in den vorigen Stand zu setzen. Selbst die - anfängliche Minderberechtigung der Frauen — eine Klage,, die. anderwärts noch heute zum Theil mit Recht geführt wird — hat in den mosaischen Quellen in dem bekannten Präjudiz der Tochter Zelafchads ihre Lösung im Sinne der Rechtsgleichheit gefunden. Es wäre thöricht, wollte man die mosaische Agrargesetzgebung auf unsere Zeiten und Zustände für anwendbar erklären. Wohl aber darf der Geist, den diese einzig irr der alten Welt dastehende Musteravirthschaft des alten Testaments athmet, darauf Anspruch erheben: Ehrerbietung einzuflößen vor ihr, Nacheiferung zu erwecken zum Ziel, der Gerechtigkeit und menschenwürdigen Rechtsgleichheit, und die Frage zu beantworten: ob in .den seit Aufstellung jener Vorschriften verflossenen Jahrtausenden solcher Rechtssinn zugenommen hat und Verwirklicht worden ist. Vorbild, nicht Richtschnur sollen jene Bestimmungen sein. Richtschnur aber muffen andere sozialpolitische Vorschrifteir der mosaischen Quellen sein. Das zehnte Gebot lautet: Dn sollst nicht gelüsten! Die Sozialdemokratie hat ideale und. reale Lehren, Anschauungen, Wünsche und Forderungen. Die idealen der Gerechtigkeit und Rechtsgleichheit finden allerdings in den urosaischeu Quellen ihre Begründung, die realen des Neides, des Haffes — die übrigens die Sozialdemokraten mit den Antisemiten kheilen — finden in ihnen ihre stärkste Zurückweisung. Du sollst nicht gelüsten! Auch^'was sonst Sozialdemokraten — aus Mißverstand der idealen Forderungen^— Kulturwidriges verlangen: Aufhebung der Ehe, staatliche Kindererziehung u. s. w. erhält inden zehn Geboten entschiedenste Ablehnung: Du sollst nicht ehebrechen, ehre Vater und Mutter u. s. w. Die mosaische Gesetzgebung enthält goldene Lehren zu Gunsten der Armen und Schwachen. Das Zehngebot: Du sollst nicht stehlen, ist schon in ältester talmudischer Zeit dahin erklärt worden, daß unter dieses Verbot jede Art der Ausbeutung falle. Das mosaische Gesetz stellt den'Satz auf, daß der Richter das Recht nicht beugen soll, weder zu Gunsten des Reichen, noch zu denen des Armen, daß dem Arbeiter sein Lohn nicht vorenthalten - werden dürfe, es beschränkte die Pfändung, verbot die Wegnahme des Unentbehrlichen, gab für die — damals noch allgemein übliche — Sklaverei erleichternde Aufhebungsgesetze und gebot, während Griechenland und Roru noch die Sklaven, wie Sachen als rechtlos behandelte, die Sklaven menschlich zu behandeln, ihnen Erholung zu gönnen. Von der Ernte mußte ein Resttheil den Armen belasten werden, an jeden Feiertag knüpfte das mosaische Gesetz die Mahnung: die Armen, die Wittwen, die Waisen und den Fremden zu bedenken! Hätte marr in den seitdem verflossenen Jahrtausenden im Sinne und Geiste dieser echt humanen Vorschriften weiter gearbeitet, wären nicht die entsetzlichen Rückschritte vieler Jahrhunderte eingetreten — dann drohte heutzutage nicht die Sozialdemokratie mit ihrem Gemisch von Wahrheiten, welche die Liberalen längst erfanut und betont haben, rurd Jrrthümern, unsere Krrltur. In der hebräischen Sprache und in' der tausendjährigen Uebung der Juden giebt es ein Wort für Gerechtigkeit und Mildthätigkeit: Zedokoh. Das ist bezeichnend für die jüdische Auffaffung. Gerechtigkeit der Sache nach ist Ausgleichung der Gegensätze, ist Liebe, Milde, Erbarmen. Würde Gerechtigkeit in diesem Sinne: geübt, der Sozialdemokratie wäre der Lebensfaden längst abgeschnitten, sie hätte nicht entstehen, nicht solchen Anhang finden können. Für Jeden aber, der als Jude seiner staatsbürgerlichen, seiner jüdisch-religiösen Verpflichtung sich bewußt ist und gerecht werderr will, erwächst aus alledem die Aufgabe: im Sinne und Geiste der jüdischen Religion arrsgleichende Gerechtigkeit, Zedokoh zu üben, aber auch die Warnung: lo sachmaud: „Dir sollst nicht gelüsten", sich gesagt sein zu lassen. — Ein Jude muß werkthätig den Armen und Schwachen helfen, aber — er darf " nicht Sozialdemokrat sein! . . IV-; ur beim Kinde sind die Körperverhältnisse am meisten beiten der.menschenähnlichen Affen entsprechend. In seinen ersten Lebensjahren beansprucht sein Rumpf eine, größere Länge im Verhältniß zu Arm und Bein als später und verleiht dadurch dem -Körper des ganz jungen Kindes etwas Plumpes. Es dauert drei bis sechs Jahre, ehe der Arm die Länge des Rumpfes erreicht, und noch Neber Uassenunterschrede. Von Dr. med. Leopold Treitel.

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