Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1897)
- Date
- 1897-04-30
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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m, o Brief aus Oesterreich. / .,' April 1897. as Osterfest sollte - nicht vorübergehen, ohne daß die Regierung der. allergetreuesten Bevölkerung der Reichshaupt- und Re-! sidenzstadt Wien ein Geschenk verlieh; sie hat ihr zum Oberhaupte Den gegeben,'-der sich selbst den Liebling des christlichen > Volkes von Wien. nannte, der Statthalter und Minister zittern; machte, der erklärte,. auf seinen Wink würden die Wiener, welche, j wie sonst bekannt, Liebhaber von „Backhendeln und Gurkensalat"; sind, selbst Barrierestöcke zu Reichsrathsabgeordneten wählen, kurz, sie hat ihr zum Oberhaupte den . Dr. Carl Lueger gegeben, Advokat ' oder wie. man bei Ihnen sagt, Rechtsanwalt a. D.. bisherigen Bürgermeister-Stellvertreter und Erlöser des armen christlichen Volkes < vom Drucke der unerträglichen jüdischen Tyrannei. So ist es ein : wahres Erlösungsfest, das nun die „Backhendl-Wiener" feiern, und merkwürdig, die Pharaonen sind jetzt wir, die Nachkommen Derer, die einst Sklaven gewesen im Lande Aegypten. Und da zweifle noch Jemand daran, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist. Auch so etwas wie die zehn Plagen kamen über die Wiener Inden. Natürlich alles in landesüblicher Weise. Nachdem nämlich bei den? letzten Wahlen im zweiten Wiener Gemeindebezirke, in welchem die jüdischen Tyrannen in großer Zahl Hausen und sehr viele Geschäfte, Cafös und andere Besitzthümer ihr Eigen nennen, der Freund des' Lieblings des christlichen Volkes, — auch einer von den berühmten Barrierestöcken, er ist sonst seines Zeichens Diener des Herrn, — , durchgefallen war, zogen die von Dr. Lueger hier nicht Erlösten 4 durch die Straßen, schlugen Fenster ein in Cafös, welche den jüdischen; Pharaonen gehören und bereicherten sich mit dem Gute ihrer Pei-? Niger, thaten also etwas ähnliches, wie einst unsere Vorfahren wei-; land, da sie aus Aegypten zogen. . Man sicht also: Luegers Verdienste sind bedeutend, er trägt wesentlich zur Hebung von Handwerk und-Gewerbe bei, und wenn! es auch vorläufig nur das Glasergewerbe ist, aber besser etwas wie gar nichts. ' . ] Weil wir gerade von den verflossenen Wahlen sprechen, so müssen wir doch etwas verbessern, was wir in unserem letzten Briefe bemerkten; wir sagten voraus, es werde alles in altösterreichischer, Gemächlichkeit ansgehen. Nun, „ich dementire mir", wie Ihr alter Wrangel zu sagen pflegte; so ganz gemächlich ging es nicht; es' herrschte viel Aufregung, viel Lärm und, woran, man hier nie zu denken gewagt hätte, in Galizien, das doch so hart an Rußland - grenzt, floß auch Blut. In diesem Galizien, es liegt nicht fern von Asien, geht es wirklich bunt zu, und die ersten Sozialdemokraten, die aus der Pollakei ihren Einzug hielten in unser Parlamentsgebäude;• mit den griechischen Säulen und den Quadrigen, erzählten geradezu haarsträubende Geschichten, wie es in dem Lände .aussieht, das i Oesterreich seine Minister liefert. Dem Grafen Badeni wurde e§ auf; seinem Ministerstuhl etwas heiß, eine schwüle Atmosphäre verbreitete 1 sich in den prächtigen Räumen, in welchen die Reichsboten tagen, als der große Daszynsky sich erhob und ein langes Sündenregister entrollte, den Schlachzizen, diesen Allmächtigen in unserem Vaterlande, ihre : ganze Schuld vor Augen haltend, die sie an dem Volke begangen. Ja, es ist lebhaft geworden in unserem Oesterreich, und man schlägt nicht mehr allein die Juden todt, hier und da fährt ein Hieb daneben und trifft auch manchmal sogar einen Minister. Und doch waren die Juden bisher so vortreffliche Sündenböcke! — .Sie haben sich freilich auch selbst dazu gemacht. Sollte man es glauben, daß es noch immer bei uns, und es sollen sogar sehr hervorragendes Juden sein, solche giebt, welche aus allen Erscheinungen der letzten Tage keine Lehre gezogen haben, welche sich den Gegnern an die Rockschöße hängen und schaudern, wenn' sie den Ruf vernehmen : Juden, schließt euch eng zusammen. Da schreiben sie gelehrt sein sollende Broschüren und weisen aus dem Gesetz,, den Propheten, hl. Schriften, dem Talmud und unserem ganzen Schrifttbum nach, daß es kein jüdisches Volk mehr gebe, daß der Jude ganz aufgehen soll unter den Völkern, in deren Mitte er wohnt. Gewiß, dies alles wäre sehr schön, und es wäre die erhabenste Sendung des JudeNthums, gleichsam ein Bindeglied zwischen den Völkern zu bilden — wenn nur die Völker wollten. Wenn aber Erscheinungen zu Tage treten, wie wir sie hier erlebten, daß fanatische Tschechen und Teutomanen sich verbünden, nur um die Juden zu bekämpfen, dann hat es mit der erhabenen Mission noch seine guten Wege, dann wird es doch nothwendig sein, das zu thun, was wir von den Anderen sehen, uns zusammenzuschließen, dann werden unsere uralten Ueberlieferungen, die gemeinsamen Kämpfe und Leiden das Band bilden müssen, welches uns zusammenhält, sonst geht der Rest von jüdischem Gefühl, das man so sanft in den Schlaf gelullt hat, verloren, und „du wirst danach suchen und es nicht finden". . Es ist freilich leicht .zu sagen, man verspüre den Pulverdampf nicht, wenn man erst weit vom Schlachtfelde ist; so ist es auch unseren sogenannten Großen leicht, von Assimilation und dergl. zu sprechen, da sie recht weit vom Schüsse tu prächtigen Häusern und kühlen Villegiaturen weilen. Wie können es aber diese Wohlhabenden besonders unserer intelligenten, nicht mit Glücksgütern gesegneten Jugend übel nehmen, wenn sie, mit Muth und Thatkraft ihr Judenthum betonend, eintritt für ihre-heiligsten Güter? Seien. wir froh, daß das Judenthum eitlen solche,! unversieglichen Born von unverwüstlicher Kraft besitzt, daß es, wie der Phönix aus der Asche, sich erhebt, sich verjüngt und neu belebt. Wir denken doch, diese moderne Betonung des Judenthums ist besser . wie der charakterlose Abfall. Das Licht konnte verdunkelt, aber nicht verlöscht'werden; es leuchtet wieder auf; und das Judenthum, dem man auf die eine Wange einen Schlag versetzt hat, ist nicht gewillt, die andere herzugeben, so leid dies auch sein mag den Feinden draußen. - Dieser Trost kräftigt uns in den Tagen, in welchen es immer finsterer wird um uns. Die Zukunft wird es lehren, wer aus dem schweren Kampfe als Sieger hervorgehen wird; ob Diejenigen, welche . im irrigen Verständnisse der modernen Bewegungen im sanften Gesäusel das Heil erblicken und dabei Zweig auf Zweig herniederfallen sehen vom morschen Stamme, oder Diejenigen, welche muthig in die Schranken treten, kräftiglich abwehren. Iwri. Iudrnthum und Sozialismus. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. i^^^erschämte und unverschämte Antisemiten machen den Juden zum Vorwurf, daß sie Anhänger oder doch Begünstiger Js.ZS der Sozialdemokratie seien. Eine Begründung dieses Vorwurfs, einen Beweis ihrer Anklagen bleiben sie gleich den Antisemiten aller Zeiten, von ihrem Ahnherrn Haman an, schuldig, nicht weil sie ihn nicht bringen wollen, sondern weil sie es nicht können. Die mittelalterliche Anschuldigung. der Brunnenvergiftung, die noch heutzutage gut- und bösgläubig aufgewärmte Anklage der Christen- - blutabzapfung zur Osterkuchenbereitung — zu beweisen hat sie Keiner ^Mrmocht, nur abgcschrieben und nachgesprochen werden sie von den Judenfeinden unstrer Tage ihren Unbildungsgcnossen der Verih L .01 o sc ß v tl <s Q l. d k r l h t ( i .] \