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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-30 · Heft 18 (30.4.1897) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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desselben, der berühmte Jurist Herr Justizrath Makower". so bezeichnet ihn unser damaliger Recheuschafts - Bericht, die Mittheilung, daß er Pfingsten (1883) zur Prüfung der Sachlage und zu mündlichen Verhandlungen mit unserem hiesigen Komitee nach Memel kommen wolle. Am 13. Mai Abends traf : derselbe, begleitet von seinem Sohne Felix, der damals noch ein blutjunger Student war, hier ein, am Bahnhofe empfangen von : dem Schreiber dieser Zeilen sowie vom ersten Vorsteher derSynagogengemeinde, Herrn Dr. med. Fürst, gegenwärtig Arzt in Berlin; i am Morgen des 16. Mai verließ Makower unseren Ort wieder. Nach eingehenden Prüfungen und Makower verstand zu prüfen — welche sich auf Schule, Krankenhaus, Auswanderungsangelegenheit,! Geschäftsführung, Unterstützungsempfänger u. s. w. bezogen, wurden in einer gemeinsamen, am 15. Mai Vormittags von 9 bis 12 Uhrdauernden Sitzung in einem Schlußprotokolle die Grundzüge festgestellt, welche der künftigen Organisation des hiesigen Komitees zur Richtschnur dienen sollten. Herr Justizrath Makower glaubte, nicht unerhebliche Kapitalzuschüsse von Seiten des deutschen Ceutralkomitees zur Erhaltung, und Unterhaltung unserer Anstalten in Aussicht stellen zu können, besonders zur Unterhaltung der Schule. Makower hatte diese Schule sehr gründlich in Besichtigung genommen. Volle drei Stunden verweilte er in derselben und prüfte die Schüler, Schulordnungen und Einrichtungen trotz des besten Schulinspektors. Eine Rüge des Justizraths ist mir im Gedächtnisse haften geblichen. Die Schule hatte bedeutend mehr Mädchen als Knaben, aufzuweisen; dagegen freilich hatte er nichts einzüwenden. Allein die > Mädchen in ihrem Feststaate, der freilich die Aermlichkeit erst recht hervortreteu ließ, hatten sich, das eine mit diesem, das andere mit jenem Flitter geschmückt — eine Blume, eine Broche, eine Schleife, ein Bändchen, eine Halskette —, das wollte ihm nicht zu Sinne. „Die Mädchen," sagte er.zu mir, „müssen einfach, rein und schmucklos gekleidet sein. Alles muß vermieden werden, was die Eitelkeit weckt. Was wir brauchen, sind nicht Damen, sondern Dienstmädchen. Und wenn Sie mir versprechen können, aus beu Schülerinnen dieser Schule lauter Dienstmädchen zu erziehen, so stelle ich Ihnen hierzu ein Kapital von 100 000 Mark zur Verfügung." Das konnte ich freilich nicht versprechen; ebenso wenig, wie ich verhindern konnte, daß diese Mädchen fernerhin ihren kleinen Eitelkeiten., bestehend in den Zehnpfeunig- oder gar kostenlosen Schmucksachen, entsagen würden. Gegen die Mädchennatur, die sich schon im Kinde regt, so arm und so klein es auch sein mag. ist schwer anzukämpfen. Auch Dienstmädchen möchten sie nicht gern werden. Nach der bezeichneten Schlußsitzung fand eine Festmahlzeit zu Ehreir unseres ausgezeichneten Gastes statt, woran sich außer dem Vorstand auch sehr viele Mitglieder .unserer Gemeinde betheiligt - hatten. Auch einige Ausflüge zur Besichtigung der schönen Umgebung Memels wurden gemacht. Herr Rechtsanwalt Felix Makower erinnert sich gewiß noch der vergnüglichen Fahrt nach Seebad Försterei und an den Seestrand. Bei allen diesen Veranlassungen hatte ich Gelegenheit, den Hingeschiedenen kennen zu lernen und zu bewundern. Was ihn in Rede und Benehmen ganz besonders auszeichnete, war Einfachheit, ganz ausgesuchte Einfachheit, das wahre Kennzeichen echten Geistesadels. Makower war ein? Mann voll tiefen .Gefühls, der. aber einen jeden Gefühlsnusdruck auf das strengste überwachte und durch kaltblütigste Ueberlegung zügelte. Aeußeres und inneres Wesen und Leben waren bei ihm zu voller Uebereinstimmung abgeklärt und zur vornehmsten Gestaltungsweise ausgebitdet. . > Am^ Donnerstag, den 16'. Mai 1883, verließ Herr Justizrath Makower wieder unseren Ort. Bald darauf war ein ausführliches Schreiben desselben bei dem hiesigen Komitee eingelaufen, welches uns von dem erfreulichen Ergebnisse der hiesigen Verhandlungen Mittheilungen machte. Auf Antrag Makowers hatte das Berliner Eentral-Komitee dem hiesigen Grenzkomitee folgende Zuwendungen zutheil werden lasten. Zunächst hatte das Berliner Komitee übernommen, die rückständige Besoldung der Lehrerin, Fräulein Scharffetter, auf 240 Mark sich belaufend, auszuzahlen. — Für eine mittellose Familie, welche nach Amerika auszuwandern gezwungen war, hatte das Eentral-Komitee 600 Mark bewilligt und hatte gleichermaßen beschlosten, für solche auswandernde russische Juden, welche nachweislich von ihren Verwandten ins Ausland gerufen wurden. 5000 Mark dergestalt zur Verfügung zu halten, daß diese Summe nach Bedarf in Raten bezogen werden könne. Dazu war vermerkt worden, falls dieser Fonds als nützlich sich erweisen sollte, seine Vergrößerung bei Bedarf zu erzielen sein werde. , Endlich und hauptsächlich wurde uns mitgetheilt, daß für das Krankenharrs ein Kapital von 5000 Mark und für die Schule ein Kapital von 50 000 Mark festgelegt worden sei. Um die Kosten der Schule bis zum Ende des laufenden Jahres decken zu können, hatte das Deutsche Central - Komitee später (26. Juni) nochmalige 1000 Mark als außerordentlichen Zuschuß bewilligt. Von dem Zinserträge dieser damals vexwilligten 50 000 Mark, welche bei Auflösungdes damaligen Deutschen C. C. der hiesigen .Synagogen-Gemeiude zur Verwaltung übergeben wurden, lebt und zehrt die Schule noch heute in gesichertem Bestände auch für alle späteren Zeiten. Die danials für das Krankenhaus verwilligten 5000 Mark sind auch erst in neuester Zeit zur Verwendung gekommen. Unser damaliges Krankenhaus für arme russische Kranke war ja nur ein einfaches, einem kleinen Handwerker abgekauftes Haus, welches eine kraickenhausühnliche Einrichtung empfangen hatte. -Als nun dieses Haus derart in Verfall gerathen war, daß es polizeilich geschlossen werden sollte, da 'unternahm es das bekannte Komitee, ein neues, mit allen Einrichtungen neuzeitlicher Hygiene ausgestattetes Krankenhaus aufzubauen. Das Vorhaben ist in vortrefflichster Weise gelungen. Seit Oktober vorigen Jahres ist das Haus bereits seiner Bestimmung übergeben. Zu diesem Neubau sind nun auch die erwähnten 5000 Mark verwendet worden. Die Schule hat schon ein bewegtes Leben hinter sich. Zuerst die Kämpfe um die Ko'nzessionirung, welche nur durch besondere Vergünstigung des damaligen Regierungspräsidenten von Ostpreußen, jetzigen Oberpräsidenten von Westfalen. Herrn Studt, der die Schule persönlich sich anzuschauen und zu prüfen gekommen war, erlangt wurde. Dann kamen die Ausweisungen des Jahres 1885, welche uns von den mehr als 90 Schülern nur 23 übrig ließ. In den folgenden Jahren war die Schule schon wieder von über 60 Kindern beiderlei Geschlechts besucht. Gegenwärtig hätte gewiß die Schule schon wieder die ehemalige Schnlerzahl wiedergewonnen, wenn nur die beschränkten Schulräume so viele Schüler zu fasten im Stande wären. Woran es mangelt, das sind zwei ordentliche und eigne Schulzimmer. Mit 12 000 bis 15 000 Mark wären diese zu erlangen; allein, wer will uns die bescheeren? Aber auch schon ohnedies wird die Schule bestehen und wie bisher segensreich weiter wirken und des edlen Mannes eingedenk bleiben, welcher ihr zu dauerndem Fortbestände verholfen hat.

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