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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-30 · Heft 18 (30.4.1897) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 18 (30.4.1897)
Date
1897-04-30
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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Abgeordnetenhanse bei den Berathungen des Kultusetats, die Regierung angegriffen. Dabei wurde vom Minister, der sich-.: auf prinzipielle Gründe stützte, die Würdigkeit und ' Tüchtigkeit des Dr. Jutrosinski durchaus anerkannt. - In eine dieser Debatten?; die sich' zu Kämpfen um dievolle Gleichberechtigung der Juden gestalteten, hatte nun auch der Abgeordnete Leonor Reichenheim,. ein Bruder Moritz Reichenheims, mit einem energischen und erfolgreichen Angriff auf den Minister von. Bethmailn-Hollweg eingegriffen. So war die Persönlichkeit des Dr. Jutrosinski dem Stifter des Waisenhauses bekannt geworden, und obwohl Jutrosinski erst in letzter Stunde, von Berlin aus dazu veranlaßt, seine Meldung eingereicht hatte, wurde er zum Direktor gewählt. - Nicht leicht entschloß sich Jutrosinski, den unter harten Kämpfen errungenen Posten zu verlassen und eine Stellung anfzngeben, welche ihm durch amtliche und persönliche Beziehungen lieb geworden war. Auch sonst waren mancherlei Bedenken zu überwinden. Wenn er Anfangs befürchtete, daß seine Erziehungsgrundsätze nicht den' Intentionen des Stifters und der Gemeindebehörden entsprechen möchten, so konnte er allerdings darüber bald beruhigt sein. Ein reger Briefwechsel mit Moritz Reichenheim ergab bald eine volle Uebereinstimmung in allen grundsätzlichen Fragen. Auch dem ($fr~ meindevorstande trug Jutrosinski in seiner freimütigen Art seine Grundsätze und besonders seine religiösen Ansichten Vormund er entnahm aus diesen Verhandlungen die Gewähr, daß er ohne innere-und äußere Konflikte sein Amt würde fuhren können. Den .Ausschlag für die Annahme der Wahl gab schließlich die Rücksicht auf seine Gattin. Eine Frau von ungewöhnlicher Klugheit und regem Geiste, verlangte sie nach einem größeren Wirkungskreise.' Wirtschaftlich sehr tüchtig, gutmüthig und liebenswürdig von Natur, war sie besonders geeignet für die Aufgaben, welche ihr als Gattin eines Waisenhausdirektors zufielen. . Am 2. April 1872 zog Dr. Jutrosinski. mit seiner Familie in die weiten, aber noch unwirtlichen Räume des Waisenhauses ein. Die Aufnahme der Zöglinge war auf den 8. Mai, den Geburtstag der Frau Sara Reichenheim, festgesetzt, und die nächsten Wochen waren mit Vorbereitungen und Einrichtungen ausgefüllt. Aber noch vor ihrer' Eröffnung wurde die Anstalt von einem schmerzlichen Schicksal betroffen. Am 16. April starb Moritz Reichenheim nach längerer'Krankheit. An seiner Bahre mußte Dr. Jutrosinski ihm den Dank der Waisen aussprechen. Der Wittwe des Stifters war es ein Trost, in dem Sinne ihres Gatten der jungen Anstalt reiche und liebevolle Fürsorge zuznwenden. Am 8. Mai wurden^ die ersten 34 Zöglinge ausgenommen: 21 Knaben und 13 Mädchen. Die Schwierigkeit der erst zu schaffenden Organisation waren nicht gering. Aber sie wurden leicht und mit Freudigkeit überwunden, zumal dem Direktor außer seiner Gattin zwei tüchtige Hilfskräfte zur Seite standen: Als Erzieherin der Mädchen die regsame und intelligente Frau Pariser, als Erzieher der Knaben der frische, soldatisch stramme Lehrer Hermann Rosenthal, welcher als Unteroffizier den Feldzug mitgemacht hatte und militärische Zucht mit gemüthlich familiärer Behandlung der Zöglinge wohl zu vereinigen wußte. Indessen war doch die ruhige Geduld des Direktors, sein klares, zielbewußtes Streben nöthig, um die Hindernisse zu beseitigen, welche einer selbständigen Durchführung seiner erziehlichen Absichten im Wege standen. Nur durch festes Auftreten konnten mancherlei Mißstände gleich im Keim beseitigt werden. Von verschiedenen Seiten mußten wohlgemeinte, aber übel angebrachte Freundlichkeiten abgewehrt werden. Besondere Schwierigkeiten bereiteten die Mütter der Zöglinge, und es war oft schwerer, die Mütter zu erziehen als die Kinder. Für alle Mühe entschädigte das frische, gemüthliche Leben im Hause, das im Anfang bei der geringen Zahl der Zöglinge sich noch durchaus in den Formen einer Familie bewegen konnte. Später, als die Zahl der Zöglinge auf 75 erhöht, und das 'Personal vermehrt wurde, mußte naturgemäß der Anftaltscharakter mehr .hervortreten. Allerdings waren bei der Auswahl der ersten Zöglinge auch arge Mißgriffe vorgekommeü. Während die Mehrzahl der Zöglinge wohlgeartet war, gab es einige unter ihnen, die für das Zusammenleben'mit den anderen Zöglingen ungeeignet waren und ans der Anstalt entfernt werden mußten. Indessen, das ist ein nothwendiges Hebel, unter welchem ein Gemeinde-Waisenhaus naturgemäß leiden muß: Die Aufnahme der Zöglinge geschieht fast nur unter dem Gesichtspunkt der Bedürftigkeit. Zwar untersucht der Anstaltsarzt die aufzunehmenden Zöglinge, und der Direktor prüft ihre geistigen und, so gut es geht, auch ihre moralischen Qualitäten. Aber wenn die Noth sehr groß ist, muß oft auch ein .abmahnendes Gutachten unberücksichtigt bleiben. Es werden nicht selten Kinder ausgenommen, die in körperlicher, geistiger oder moralischer Hinsicht mit erblichen liebeln belastet sind. Das muß in Betracht gezogen werden, wenn man die Erfolge der Waisenhauserziehung beurteilt. Für die Gesundheit der Zöglinge sind die Lebensbedingungen im Waisenhause so günstig wie niöglich. Das ist erst kürzlich auf Veranlassung des Professor Lewin festgestellt worden durch eine Enquetekommission, welche aus sachverständigen Aerzten zusammengesetzt war. Aber auch die beste Ernährung, und die günstigsten hygienischen Verhältnisse im Waisenhause können nicht hindern, daß eine phthisische Veranlagung in späteren Jahren unter schlechteren Lebensverhältnissen bedrohlich hervortritt. Das wird durch einen statistischen Nachweis recht deutlich. Von den 204 männlichen Zöglingen, welche in das Reichenheimsche Waisenhaus bisher ausgenommen wurden, ist in diesen 25 Jahren nur einer als Zögling der Anstalt gestorben. Dagegen sind mehrere Jahre nach ihrer Entlassung sieben frühere Zöglinge ein Opfer der Schwindsucht geworden; in fast allen Fällen ließ sich die Erblichkeit Nachweisen. Die meisten der so früh Verstorbenen sahen als Zöglinge der Anstalt gesund und kräftig aus. Die meisten Zöglinge kehren nach beendeter Erziehung zu ihren Müttern zurück. Sie werden zwar während ihrer Lehrzeit aus besonderen Stiftuttgsfonds des Waisenhauses unterstützt, aber sie leben doch unter vielfach ungünstigeren Verhältnissen als bisher. Das. wirkt natürlich auch auf ihre moralische Entwickelung. Je längere Zeit die Anstalt bestand, umsomehr mußte sich der Schwerpunkt in der Thätigkeit des Direktors verschieben. Eine immer größere Arbeit wurde durch die Fürsorge für die früheren Zöglinge in Anspruch genommen. Die Berufswahl ist die erste und wichtigste Aufgabe. Die Grundsätze, welche ihn dabei leiten, hat der Direktor in dem Bericht des Waisenhauses vom Jahre 1890 ausgesprochen. Er bevorzugt für die Mehrzahl der Zöglinge den Handwerksberuf, aber ohne der Eigenart der jungen Leute und ihren Neigungen. Zwang anzuthun. - Mehr als 200 männliche und weibliche Zöglinge sind nach beendeter Erziehung und Lehrzeit in die Lage gesetzt worden, sich selbständige zu ernähren. Viele von ihnen befinden sich in sorgenfreier, geachteter Lebensstellung, manche haben es schon zu einigem Wohlstände gebracht. Von 83 weiblichen Zöglingen, welche das Waisenhaus entlassen hat, sind 20 verheirathet, die übrigen sind als Lehrerinnen. Buchhalterinnen, Verkäuferinnen u. s. w. tätig. Nicht alle Zöglinge haben natürlich der Anstaltsleitung durch ihre Entwickelung Genugtuung und Befriedigung gewährt. Enttäuschungen sind nicht ausgeblieben, ja selbst der Schmerz, daß einige Zöglinge

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