Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 „Ich glaube", mc'mte Rosenbaum, „daß wir uns nicht übereilen dürfen. Das von uns verlangte Opfer ist doch zu groß, als daß wir' ohne reifliche Erwägung es acceptiren fömtten. Ich stelle den Antrag, daß wir von unseren Gläubigern ein vierwöchentliches Moratorium verlangen >spllen und daß Herr Direktor Zimmermann seine Offerte uns für so lange Zeit offen halten möge. Haben wir dann die Ueberzeugung erlangt, daß das Opfer gebracht werden muß, dann können wir an die Aktionäre herantreten, um ihnen diese Zumuthung zuzustellen." „Das meine ich auch", so wollen wir es halten," rief Haffek. „Ich muß doch bitten, meine Herren," fiel der Direktor ein, jedes seiner Worte nachdrücklich betonend, „meine Worte ernst zu nehmen. Ich bin kein Handelst..., kein, kein Trödler, der einen möglichst hohen Preis verlangt, weil er voraussieht, man werde ihm etwas abdrücken. Auf vier Wochen kann ich mich nicht binden, am allerwenigsten bei den jetzigen kritischen Zeiten. Es ist. nicht meines Amtes, Ihnen einen Rath zu geben, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie es unmöglich finden dürften, von irgend einem Bankinstitut eine solche Zusage zu erhalten." „Meine Herren," rief der Major, jeden einzelnen Laut so dehnend, als kommandirte er sein Bataillon auf dem Paradefelde, während er. seinen langen Schnurrbart in horizontaler Richtung streckte, bis er die Ohrlappen erreichte. „Meine Herren, das sieht ja wie ein Komplott aus, um uns glauben zu machen, daß wir nur die Wahl zwischen Konkurs und augenblicklicher Annahme des Antrages der Kommerzialbank haben. Wir lasten uns nicht überrumpeln," setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, indem er seine rechte Hand mit dem Bleistift wie zum Schwure in die Höhe hob. „Unser lieber Freund Hassek," bemerkte der Doktor, verbindlich lächelnd, „ist sehr schnell umzustimmen. Haben Sie vielleicht schon früher eingesehen, Herr Haffek, daß man nur durch Annahme des Antrages der Kommerzialbank die Fabrik retten kann?" „Herr Doktor, wenn Sie von Verständigung reden," rief Buchmaier entrüstet, „lasten Sie doch gefälligst den Herrn Major erzählen, welche Rathschläge der Herr Dechant gestern im blauen Löwen ertheilt hat. Ich zweifle, ob es sich dabei um Wallfahrten gehandelt hat." „Gar keinen Rath hat er gegeben, der hochwürdige Herr," platzte Haffek heraus. „Er hat nur gesagt: Die Juden arbeiten nur für ihre eigene Tasche, und wenn es so weiter geht, wird der Christ bald sein Bündel schnüren müssen und auswandern." „Was das alles?" fragte Buchmaier mit finsterem Stirnrunzeln. „Das war alles!" erwiederte der Angeredete treuherzig. Rosenbaum schaute verlegen auf den Boden, und der Major machte so eifrig Notizen, daß die Bleistiftspitze brach und er gezwungen war? sein Messer herauszunehmen, um eine neue Spitze zu machen. Awroms Gesicht überzog eine tiefe Blässe, als er mit vor innerer Erregung zitternder Stimme antwortete. „Wenn es gilt, verdächtigende Vermuthungen aufzustellen," sagte er, „könnte ich mit dem gleichen Rechte behaupten, daß Jemand, der sich mit der Hoffnung schmeichelt, Konkursmaffaverwalter zu werden, die Absicht hat, die Fabrik in den Konkurs zu drängen. Ich könnte auch die Bermuthung aufstellen — nicht, daß ich es thue, aber ich hätte das logische Recht dazu —, daß die Gutsverwaltung die Absicht hat, die Fabrik um einen billigen Preis zu erwerben und ihren Verlust an Aktienkapital dadurch gutzumachen, daß sie die Rübenpreise und damit die Preise aller landwirthschaftlichen Produkte kontrolirt. Ich sage nicht," fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, „daß ich diese Bermuthung wirklich hege, sondern daß man sie logischer Weise hegen könnte." „Und ich glaube cs wirklich!" rief Buchmaier. „Ja, ich besitze diese Kühnheit," sagte er mit einem festen Blicke, auf den Doktor, der eine Bewegung machte, als wollte er entrüstet vom Stuhle aufspringen. Diese Worte hatten einen entschiedenen Eindruck auf die Vertreter der Bauernpartei gemacht, die mit verdutzteil Gesichtern dasaßen und ilicht wußten, zll welcher Seite sie sich schlagen sollten. „Wenil in der Fabrik nicht eine so schlechte Wirthschaft geherrscht hätte," rief der Major mit erkünstelter Erregung, „dann würde ein solches Projekt, auch wenn es bestünde, unausführbar sein." „Wenn Sie damit die Revisoren meinen, Herr Major," sagte Awrom mit scharfer Betonung, aber in völliger Ruhe, „muß ich Ihnen leider Recht geben, denn hätten die Revisoren eine bessere Wirthschaft" — er betonte diese Worte mit besonderem Nachdruck — „geführt, dann hätten Herrn von Aspernfelds Fälschungen nicht einen solchen Umfang annehmen können. Schließlich wird keiner der Anwesetldeil mir das Zeugniß versagen können, daß ich mich nach Kräften dagegen gesträubt habe, ein so verantwortliches Amt einem Menschen anzuvertrauen, der das Seinige niemals zu Rathe zu halten, wußte." „Das ist wahr!" rief Haffek. „Wenn es ein Unrecht ist," begann der Major in einem Tone gekränkter Uilschuld, „dem Sohne eines Freundes einen Dienst erwiesen zu haben, so bekenne ich mich schuldig, für Aspernfelds Anstellung gestimmt und agitirt zu haben. Aspernfeld ist der Sohn meines verstorbenen Generals, und nachdem er den Militärdienst quitttiren mußte, hielt'ich es für meine Pfiicht, ihn: zu einer Existenz zu verhelfen. Der General von Aspernfeld war ein Edelmann, und sein Sohn hatte sich niemals eine unehrenhafte Handlung zu Schulden kommen lasten. Alles, was man ihm vorwerfen konnte, ist, daß er leichtsinnig genug war, sich Wucherern in die Hände zu liefern." „Ein Ehrenmann," unterbrach Awrom, „fragt sich, ob er seinen Verpflichtungen Nachkommen kann, ehe er sie eingeht." „Ein Edelmann," bemerkte Buchmaier spöttisch, „hat andere Prinzipien. Das ist sein Standesvorrecht." „Und ich bleibe dabei," rief Burgheim mit ungekünstelter Heftigkeit, während er seine flache Hand wuchtig auf den Tisch fallen ließ, „daß Aspernfeld nur leichtsinnig und nicht schlecht war. Ich kann den Gedanken nicht los werden, daß er leichtsinnig und dumm genug war, sich für jemand Anderen zu opfern. Er hat ja hierin den besten Kreisen verkehrt," setzte er mit einer verbindlichen Handbewegung gegen den Vorsitzenden fort, der bei diesen Worten bleich wurde, was der Major nicht zu bemerken schien. „Sie haben ihn ja auch von früher gekannt, Herr Rosenbaum," fuhr er an diesen gewendet fort. „Halten Sie ihn einer schlechten That für fähig? Würden Sie einen Spitzbuben jahrelang mit Ihren Töchtern verkehren laffen?" „Ich, ich," —begannRosenbaum verwirrt— „ich habe nichts gesagt. Ich meine nur immer; wir sollen Zeit haben, die Sache zu untersuchen." „Das wollen wir auch," riefen die Bauern einstimmig. Awrom und Buchmaier sahen den Direktor stumm an, der mit einer Miene absoluter Gleichgiltigkeit dasaß. „Herr Direktor," begann der Pfarrer wieder. „Sie behaupten, daß Ihr Projekt die Fabrik retten könne." Der Angeredete nickte mit dem Kopfe. „Könnten Sie sich nicht entschließen, dasselbe uns eine Woche offenzuhalten, bis die Ansichten sich geklärt und die Leidenschaften sich gelegt haben? Es handelt sich ja um ein Unternehmen, dessen. Untergang das ganze Geschäft der Umgegend demoralisiren müßte."