Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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schiedener Völker, das ja den Inhalt des Schädels bildet. Die Unterschiede in der Größe des Gehirnes sind innerhalb desselben Volkes nicht geringer als im Vergleich zu Mitgliedern eines anderen. Jedes Volk zählt große und kleine Köpfe. Während bei zahlreichen Wägungen von Gehirnen von Europäern die leichtesten nur wenig mehr als 1000 Gramm wogen, hatten die schwersten das doppelte Gewicht; das gleiche Verhältniß zeigte sich an den Gehirnen unkultivirter Völker. Der Durchschnitt liegt natürlich in der Mitte, so daß das Gehirn eines Deutschen z. B. 14 bis 1500 Gramm wiegt. Das Gehirn der Frauen pflegt aber bei allen Völkern 150 bis 200 Gramin leichter als das der Männer zu sein. Die Resultate dieser, Wägungen schlugen eigentlich dem sich höher dünkenden Europäer sehr ins Gesicht; er mußte es sonderbar finden, daß ein „Wilder" ihn an Größe des Gehirnes vielleicht noch übertrifft. Aber diese Ansicht beruht nur auf der falschen Voraussetzung, daß einem großen Geiste auch ein großes Gehirn entsprechen muffe. Richtig ist ja, daß im Allgemeinen das Gehirn eines bedeutenden Gelehrten das eines nur mechanisch arbeitenden Tagelöhners übertrifft; aber es kommt auch das Gegentheil vor. Zur Erklärung führte man an, das es ein Jrrthum sei, zu glauben, daß nur die reine Gedankenarbeit das Gehirn wachsen mache; auch die Sorge um das tägliche Brod, der Kampf ums Dasein, strenge es an und mache es größer. Wenigstens suchte man auf diese Weise das Räthsel zu erklären, das das stolze Bewußtsein des Kulturmenschen, andere zu überragen, in Frage stellte. Diese Selbsttäuschung bestand so lange, bjs der Schlüffe! für das Räthsel gefunden wurde. Nicht die Geistes-, sondern die Körpergröße ist für die Größe des Gehirns im Allgemeinen bestimmend. Da aber die größten Menschen nicht immer die klügsten sind, so ist ein großes Gehirn durchaus nicht ein Maßstab für die Begabung. Es ist bisher der Wiffenschaft nach nicht gelungen, mit einiger Sicherheit festzustellen, wie sich die geistigen Fähigkeiten in den Formen des Gehirns wiederspiegeln und ob letztere einen Rückschluß auf erstere gestatten. Uebrigens findet das Gesetz, daß die Größe des Gehirns der Körpergröße entspricht, keine Anwendung für außergewöhnliche Größenverhältniffe, wie wir sie bei den Riesen und den Zwergen antreffen: im Allgemeinen haben Riesen ein verhältnißmäßig kleines, Zwerge ein verhältnißmäßig großes Gehirn. Erschwert wird die Unterscheidung der Schädel noch durch die großen Differenzen, die bei demselben Stamme der männliche gegenüber dem weiblichen zeigt. Namentlich bei den unvermischten Kulturvölkern ist der-Unterschied bisweilen so bedeutend, daß man daran zweifeln kann, ob man Schädel desselben Völkerstammes vor sich habe. Der weibliche Schädel ist nämlich im Allgemeinen flacher, schmaler und niedriger als der des Mannes; er hatauch eine abgerundetere Form, die das weibliche Geschlecht im Ganzen gegenüber dem männlichen mit seinen roheren und eckigen Formen auszeichnet. Allerdings steht diesem Kompliment eine weniger schmeichelhafte Thatsache gegenüber. Der weibliche Schädel erinnert nämlich andererseits sehr an den kindlichen. Vielleicht ist das aber auch ein Vorzug, wenigstens, was die Schönheit anbetrisft; vielleicht deutet die Verwandtschaft der Schädelformen mehr auf das Gemüth als auf den Geist hin. Diese kleine Abweichung illustrirt jedenfalls die Schwierigkeiten, welche sich unter anderen bei der Beurtheilung von Schädeln dem Forscher bieten. Aber trotz der Fruchtlosigkeit dieser Untersuchungen gaben die Forscher ihre Bemühungen, ein zuverlässiges Rassenmerkmal zu finden, nicht auf. Es war ja denkbar, daß wenn auch nicht der Kopf allein, so doch das gesammte Knochengerüst des Menschen charakteristische Formen zur Unterscheidung bot. Es ist daher begreiflich, daß man seine Aufmerksamkeit weiter den anderen Theilen des Körpers, dem Rumpf und den Gliedmaßen zuwandte und es ist erstaunlich, was der Forscherfleiß auf diesem Gebiete geleistet hat. Wenn er auch nicht die Hoffnung, ein Raffenmerkmal zu entdecken, erfüllt hat, so hat er doch eine ganze Reihe sehr bemerkenswerther Thatsachen zu Tage gefördert. Die bedeutendste ist entschieden die, daß sich der Mensch von den menschenähnlichen Affen in seinem Rumpfe und seinen Gliedmaßen ebenso bedeutend unterscheidet wie in seiner Kopfbildung, und daß sie allein schon hinreicht, das Märchen von der Affenäh'nlichkeit mancher Menschen und besonders mancher „Wilden" illusorisch zu machen. Es giebt weder „Wilde" noch Zwischenglieder zwischen Menschen und Affen, welche die Phantasie einst ersann, um die Kette stetiger Entwickelung in der Thierreihe zu vervollständigen. Im Gegentheil, der, unkultivirte Mensch zeigt die dem Menschen eigentyümlichen Körperverhältniffe viel ausgesprochener und entfernt sich viel weiter von denen der menschenähnlichen Affen als der kultivirte. Denn bei diesen ist der Rumpf länger als der Arm und der Arm länger als das Bein, beim Menschen aber ist das Bein länger als der Arur, und dieser wieder übertrifft den Rumpf an Länge. (Schluß folgt.) m i ummnuaih MDEnSffi i 1 I - - > i i i 1 K l FEUILLETON | * 1 1 SßiüMEkllL ESlIlHnim 1 1 i—--—^-1 i—i i- Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) ravo," schrie jetzt Buchmaler, während die anderen Bauern verdutzt dreinschauten, „man will den Bauer wieder vor den Pflug spannen wie in den guten alten Tagen, und dazu ist es nothwendig, daß man ihm Mißtrauen gegen seine natürlichen Freunde einflößt, geradeso wie alle Quacksalber damit beginnen, die Aerzte als Beutelschneider zu verschreien." Awrom hatte seine Worte unter dem Eindruck sichtlicher Erregung gesprochen, er beobachtete, wie die Augen des Doktors lauernd wie die eines Raubthieres auf ihn gerichtet waren, wie der Major seine Blicke fest auf die Tischdecke gebannt hielt, um sich zu einer wirksamen Replik zu sammeln und wie der Pfarrer wiederholt leise den Kopf schüttelte, als wollte er sagen: „So kommen wir nicht zum Ziele." Das Verhalten des Pfarrers ließ ihn seine Hitze bedauern und, sich schnell fastend, unterbrach er Buchmaier, indem er in ruhigem geschäftsmäßigen Tone sagte: „Wir wollen zur Sache kommen, meine Herren. Es handelt sich nicht nur darum, unser Kapital zu retten, sondern auch der Bauernschaft der Umgegend eine Absatzquelle und dreihundert fleißigen Händen eine Arbeitsgelegenheit zu erhalten. Das ist das gemeinsame Jntereffe Aller, vom Großgrundbesitzer bis zu dem völlig besitzlosen Tagelöhner, der auf dem Rübenfelde oder in der Fabrik Arbeit findet." „Das war ein rechtes Wort zur rechten Zeit gesprochen," sagte Pfarrer Weber. „Ganz meine Ansicht," bemerkte Buchmaier. „Das wollen wir Alle," sagte Göber. „Gewiß, gewiß," riefen Nowak und Hasset. „Sie haben den Antrag des Herrn Direktors gehört", begann Awrom wieder, „wollen Sie sich darüber aussprechen."