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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-23 · Heft 17 (23.4.1897) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 17 (23.4.1897)
Date
1897-04-23
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 Vorkämpfer des rabbimschen Judenthums mit besonderem Eifer auftrat, ist selbstverständlich, aber ebenso groß und wahr wie seine strenge Religiosität war auch seine Toleranz gegen Andersdenkende. Und auch dieser Zug darf in dem Lebensbilde Plessners nicht vergessen werden: Er, der jedem Rabbinatssitz der Welt, auch dem größten, zur Zierde gereicht hätte, weigerte sich während seines ganzen Lebens, eine feste rabbinische Stellung anzunehmen, und lebte lieber in bescheidenen, ja kümmerlichen Verhältnissen, als daß er die Thora zur Axt gemacht hätte, um damit seinen Lebensunterhalt zu graben. Ehre dem Andenken des ausgezeichneten Mannes! * Der Tod des Staatssekretärs Stephan hat in der vorigen Woche die ganze gebildete Welt beschäftigt. Fast alle Nachrufe auf den Verstorbenen rühmten neben seinem außerordentlichen Organisationstalent und seiner großen schöpferischen Kraft auch seine volle Unparteilichkeit und die Rechtlichkeit seines Charakters. Davon haben auch wir während der antisemitischen Hetzperiode deutliche Beweise empfangen. Bekanntlich ist der Antisemitismus in den Kreisen der unteren Postbeamten besonders zu Hause — eine Thatsache, die noch ihrer sozial - psychologischen Erklärung harrt. Da hatte nun der Verewigte gar oft Veranlassung, energisch einzuschreiten. Wie er selbst anläßlich der Septenatswahlen den falschen Verdacht antisemitischer Neigungen mit Entschiedenheit zurückgewiesen, so hat er auch alle Ausschreitungen von Postbeamten nach dieser Richtung hin scharf gerügt. Dadurch hat er sich noch in letzter Zeit die Gegnerschaft der Antisemiten zugezogen, und es ist noch in aller Erinnerung, wie scharf und humoristisch er noch in dieser Reichstagssession alle Angriffe von dieser Seite abwehrte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß Stephan ein großer Kenner und eifriger Leser der Bibel war. Als in einer kleinen Stadt in Posen ein neues Telegraphenamt errichtet wurde, sandte man an ihn die folgende Depesche: „Exzellenz haben zur Verwirklichung der vom König David Psalm, 19, Vers 4 und 5 mit Bezug auf die Telegraphie gemachten Prophezeiung wesentlich beigetragen." Die Verse lauten: „Kein Sprechen und kein Reden, da man keine Stimme hört! Ueber alle Lande erstreckt sich ihr Seil, und ihre Worte dringen bis an das Ende der Welt." Umgehend traf folgende Antwort ein: „Meinen Dank für Ihren telegraphischen Gruß; ich verweise Sie auf Psalm 92, Vers 3 und 6. Dr. Stephan." Diese lauten: „Möge er verkünden am Morgen Deine Gnade und Deine Wahrhaftigkeit in den Nächten! Wie groß sind Deine Werke, Ewiger! Wie sehr tief Deine Gedanken!" Auch der Herausgeber dieses Blattes hatte einmal Gelegenheit, Stephans Bibelfestigkeit kennen zu lernen, da er, als Redakteur einer der ersten deutschen Monatsschriften, ihn zur Mitarbeit aufforderte. Stephan antwortete darauf mit folgendem Schreiben: Berlin, 27. 6. 80. Ew. Wohlgeboren muß ich auf Ihr freundliches Schreiben von heute leider ablehnend antworten. Die Gründe stehen Jesus Sirach 18, V. 6 und 37, B. 29. Mit vollkommenster Hochachtung Ihr ergebenster Stephan. Die beiden Verse lauten in der Cassel'schen Uebersetzung: „Wenn er vollendet hat, dann fängt er erst an; und wenn er aufhört, merkt er, daß er nichts weiß. — Kind, prüfe dein Leben lang deine Patur, sieh, was ihr schädlich ist, und gieb es ihr nicht." <4r Spät zwar, aber doch noch nicht zu spät, kommt auch den konservativen Kreisen die Erkenntniß, daß der Antisemitismus zur Sozialdemokratie führen müffe. So sagt die „Schlesische Zeitung", ein Blatt, welches seit zwanzig Jahren zur Förderung der antisemitischen Bewegung in Schlesien nach Möglichkeit beigetragen hat, u. a.: „Den Deutschsozialen wird man freilich wohl vergeblich Vernunft predigen; denn sie haben sich schon bei ihrem ersten Auftreten als ein „Element der Dekomposition" gezeigt... Im nationalen Sinne haben die Antisemiten bis jetzt nicht gewirkt, sie haben vielmehr zersplittert, wo ein Zusammenfassen die größte Nothwendigkeit gewesen wäre. Das Schlimmste in ihrem Wirken ist aber der Umstand, daß ihre agitatorischen Ausschreitungen der nachrückenden Sozialdemokratie den Boden geebnet haben, so daß zu befürchten steht, bei den nächsten Wahlen werden einzelne, jetzt noch antisemitisch vertretene Wahlkreise in die Hände der Umstürzler übergehen, wie dies ja mit dem sechsten sächsischen Wahlkreise (Dresden-Land) inzwischen bereits geschehen ist." Jndeß handelt es sich bei diesem Angriff wohl auch nur um die Trauben, die dem Fuchse zu hoch hängen. Ganz anders und viel wichtiger ist für uns das objektive Urtheil eines Staatsanwalts, das auf vorurtheilsloser Prüfung beruht, in öffentlicher Gerichtsverhandlung. So erklärte neulich in dem Anarchistenprozeß Koschemann Staatsanwalt Kanzow nach den übereinstimmenden Berichten der Tagesblätter: „Reif sein ist alles, sagt Shakespeare, und nun denke man, wie es in dem Kopfe eines solchen unreifen, phantastischen Menschen aussehen muß, wle da der Größenwahn und die Verleumdungssucht Platz nimmt und zum Massen-, Klassen- und Rassenhaß führt, wie ein solcher junger Mensch innerlich vergiftet werden muß." Das sind wahrhaft goldene Worte! & Die deutschen Antisemiten in Oesterreich sind unverbesserlich. Anstatt jetzt, wo es gilt, die slavische Hochfluth von der deutschen Ostmark abzuwehren, mit ihren liberalen Stammesbrüdern gemeinsam vorzugehen, treiben sie ihre lächerlichen antisemitischen Allotria ungestört weiter. Sie vermögen trotz aller Nackenschläge noch immer nicht zu erkennen, daß es für das Deutschthum in Oesterreich kein Heil giebt außer in dem engen Zusammenschluß aller Deutschen ohne Unterschied der besonderen Parteifärbung. Ihr Deutschnationalismus ist mit etlichen Tropfen Jesuitismus gesalbt, und so suchen sie denn den Schein zu wahren, als beabsichtigten sie, mit den fortschrittlichen Deutschen Schulter an Schulter zu fechten, indem sie diesen ein Waffenbündniß anbieten, aber sie knüpfen es an Bedingungen, von denen sie von vornherein wissen, daß die Deutschfortschrittler sie ablehnen müssen, um nicht mit ihren freiheitlichen Grundsätzen in Widerspruch zu gerathen. Wie sie das anfangen, lehrt die nachstehende Meldung: Prag, 15. April. Eine Versammlung der antisemitisch-deutschnationalen Abgeordneten beschloß die Einberufung eines allgemeinen Parteitages mit den Deutschliberalen unter der Bedingung, daß Juden grundsätzlich nicht beigezogen werden. Da der Führer der Deutschliberalen, Dr. Schlesinger, den Antrag auf Ausschluß der Juden vom Parteitag sofort ablehnte, ist das Zustandekommen des allgemeinen Parteitags gescheitert. Gegenüber den AusruftmgSzeichen, die ein hiesiges Antisemitenblatt hinter den Namen des Führers der Deutschen in Böhmen zu setzen für zweckmäßig befunden, bemerken wir ausdrücklich, daß Dr. Ludwig Schlesinger ein guter Christ ist. * Der „Börsen-Courier" bringt die folgende wichtige Nachricht, die, falls sie sich bestätigt, für die betreffenden Kreise sicher bedeutungsvoll sein würde. „In Sachen der Anstellung ausländischer Juden an deutschen Synagogengemeinden hat bisher gemäß den Bestimmungen des Gesetzes vom 23. Juli 1847 in allen Fällen die Genehmi-

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