Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rande gefüllt, er war mit kargem Widerstreben kredenzt; wer ihn übervoll seinem Gotte weiht, der genießt den vollen Lohn an der Freude seiner Kinder, an dem Erfolge ihres Fleißes. Es ist kaum wegzustreiten, daß die Religion nicht mehr so mit vollem Strahl die Häuser Israels erwärmt und erleuchtet, als es vordem der Fall war; vordem gab man ihr mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft; man wog nicht so sorgfältig ab, ob sie auch soviel zu verlangen habe. Wer dies zugiebt, braucht darum noch kein Lobredner der vergangenen Zeiten zu sein, braucht darum. vergangene Tage noch nicht zurückzuwünschen. In einem ■ Jahrhundert wie dem unsrigen, das so durchgreifende Umwälzungen zu verzeichnen hat, werden auch die Bauten ein wenig erschüttert, die auf den festesten Säulen ruhen, darum wanken sie noch nicht, darum fallen sie noch nicht. Es ist vielleicht gut, den Forderungen des Zeitgeistes in weniger wichtigen Dingen ein Zugeständniß zu machen, um ihn zu versöhnen, um ihn zum Verbündeten zu haben. Es giebt' einen Satz in den Psalmen, Zeit ist es, für Gott zu wirken: Deine Lehre haben sie zerstört. Den Vers haben unsere Alten mit großer Kühnheit wie folgt umgedentet: Wenn es Zeit ist, für Gott zu wirken, haben sie sogar deine Lehre zerstört; wie wohl ein Feldherr ein Bollwerk preisgiebt, um die Feste dann desto besser zu verteidigen, so müssen Diejenigen, .die die Religion in besonderer Obhut haben, zuweilen selbst Wichtiges aufgeben, um das Ganze zu halten. Wer so denkt und thut, tritt damit aus dem Rahmen des Talmud noch nicht heraus. Aber immerhin sind es keine normalen Zeiten, für die der Talmud solche Maßregeln empfiehlt. Der Frühling, der den Schnee und das Eis wegfegt, bringt auch mannigfache Gefahr; so hat auch der Frühling, der über Israel in diesem Jahrhundert gekommen ist, manchen Schaden zugesügt; darum wird trotzdem Keiner den Winter zurückwüuschen. Aber unsere Väter waren Gott in trüben Zeiten mni^r vertraut, als wir es in helleren und freieren Zeiten sind. Ja, man kann sagen, unsere Vorfahren sind häufig für Gott freudiger in den Tod gegangen, als wir für ihn ins Leben gehen. Der Talmud sagt: R. Akiba lehrt: Du sollst lieben deinen Gott mit deiner ganzen Seele, auch dann, wenn es dir deine Seele nimmt. Und was R. Akiba lehrte, das hat er auch geübt. Einstmals verbot der Römer den Israeliten, sich . mit der Lehre zu beschäftigen. R. Akiba, eine revolutionäre Natur in der Religion wie im Staate, kümmerte sich um dies Gebot nicht, sondern versanunelte das SSolt um sich und sprach von der Thora. Da mahnte ein Aengstlicher Namens Papus: Fürchtest du dich nicht vor der Gewalt? N. Akiba erwiederte mit einem Gleichniß: Einstmals stand der Fuchs am User und sah, wie die Fische sich ängstlich zusammendrängten; da fragte der Fuchs, warum seid ihr so bang und verzagt? Die Fische antworteten: Wir fürchten die Netze, die die Menschen uns.ausgebreitet haben. Nun rieth der Fuchs: Wie wäre es, wenn ihr ans Land kämet, dann wäret ihr den Netzen entronnen. Aber die Fische erwiederten: Wenn wir schon im Wasser, unserem naturgemäßen Aufenthalte, gefährdet sind, um wie viel gefährlicher müßte das Land uns sein, das unserer Natur nicht gemäß ist. So, sprach R. Akiba, ist die Thora mein Lebenselement und das meiner Jünger, sind wir ans.ihrem Boden von Gefahr umdroht, um wie viel schlimmer mußte es uns ergehen, wenn wir diesen Boden verließen. Kurz darauf wurde N. Akiba ins Gefängniß geworfen, aber siehe da, die Schergen schleppten auch den Papus, den ängstlichen Warner, in die dunklen Mauern. Papus konnte bei aller Klugheit und Vorsicht das; Verhängniß so wenig abwehren, als R. Akiba mit seinem kühnen Wagemuth. R. Akiba schritt ruhig zum Tode, freudig, daß er Gott; dienen konnte mit seiner ganzen Seele, mit seinem Leben. Zur Erinnerung an den Tod R. Akibas und seiner Jünger ist bekanntlich in den Tagen zwischen Passah und Schebuot jede lautere Freude in Israel durch das Herkommen verboten. Hat solch ein Märtyrer, dem der Kelch des. Leides bis zum Rande gefüllt war, nicht im Grunde mehr Freude als Einer, der es in Trägheit zu hohen Jahren bringt? Er schritt als ein Sieger in den Tod, den Feind überwindend, den Triumph seines Glaubens mit seinem Blute besiegelnd, der Wermuthkelch des Todes verwandelte sich ihm in den süßen Kelch des ewigen Lebens. R. Akiba wußte," daß ein Glaube lebt, für den seine Bekenner ihr Leben lassen, daß eine Religion nicht stirbt, so lange ihre Gläubigen für sie sterben. Unser menschlicheres Zeitalter verlangt von uns nicht solche Opfer; aber Opfer müssen auch wir bringen auf dem Altar der Religion. Das Leben wird uns vergällt, wenn wir sie. widerwillig bringen, wenn wir unser Herz zu der Spende zwingen müssen, die zu leisten uns obliegt, wenn wir gleichsam mit der Religion feilschen über das Maß, das sie unbedingt von uns zu fordern hat. Nicht nur die Pflicht, sondern auch die Rücksicht auf die eigene Wohlfahrt heischt es, keine halben Juden zu sein, das Banner unseres Glaubens hoch zu halten, sich mit ganzer Seele zu ihm zu bekennen, gleichsam ein volles Glas unserem Gotte zu weihen. Dann haben wir nach dem Worte des Talmud beide Welten, das Gebot ist uns keine Last, sondern eine Lust und eine Freude; dem Engherzigen ist auch das eigene Leben eng, und Der wird seines Daseins erst froh, der wenig für sich begehrt und für fremdes Wohl freudig schafft. Die Woche. Berlin, M. April. m 23. d. Mts. werden es hundert Jahre sein, daß in Breslau Salomon Plessner geboren ward. Er war der erste deutsche Prediger im streng orthodoxen Sinne. Mit inniger Frömmigkeit verband er ein tiefes Gemüth und eine glühende Begeisterung für das Judenthum. Einen Fortschritt, und zwar einen wesentlichen, hatte innerhalb dieses Jahrhunderts die Reform im Judenthum erkämpft, nämlich die Predigt in der Landessprache. Zu der Zeit, da Salomon Plessner auftrat, hatte aber der Kampf kaum noch begonnen, und es gehörte ein großer Muth dazu, diese Neuerung anzunehmen. Und ebenso gehörte eine große geistige Kraft dazu, sie der eigenen Richtung entsprechend zu gestalten. Das hat aber Pleffner wie kein Anderer verstanden. Er hat die alte Derascha mit neuem Inhalt erfüllt. Seine Kanzelreden waren so reich an geistvollen exegetischen Auslegungen und so voll von religiöser Begeisterung, daß sie ihren tiefen Eindruck auf die Gemüther nicht verfehlen konnten. Daneben enthielten sie ein so reiches Material von Citaten aus der alten und neueren Litteratur, daß sie auch in der Lektüre zu einem willkommenen Bildungselement wurden. Es galt als eine feststehende Thatsache, daß man aus einer Plessner'schen mehr als' zehn moderne Predigten schöpfen könne. Zehn Bände Plessner'scher Predigten sind seit 1836 im Druck erschienen. Er nannte sie: „Belehrungen und Erbauungen", daneben aber auch: „Materialien für tiefere Eindrücke in das alte Testament und die rabbinischen Schriften". Pleffner hatte aber auch ein reiches Wissen und einen tiefen, poetischen Sinn. Er übersetzte die Apokryphen ins Hebräische und viele Verse seines Lieblingsdichters N. H. Wessely ins Deutsche. Er dichtete selbst in deutscher und hebräischer Sprache. Daß er als