Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61, Jahrgang. Nr. 17. Berlin, 23. April 1897. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 'Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition inVerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr> Ludwig Philippson-Konn Verlags-Vrpeüitüm: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der I .Allgem. Zeitung deS Judenthums*, Berlin I 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Vertag von Rudolf Masse, Berlin.! Inhalt. Leitartikel: Religiöse Freudigkeit. — Die Woche. — Die Stellung der Rabbiner. — Die Ehre in der Bibel. Von Dr. Josef Stier. — Ueber Rassenunterschiede. III. Von Dr. med. Leopold Treitel. — Feuilleton: Andere Zeiten. Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.).— Sprechsaal. Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Bromberg, Kattoivitz, Wreschen, Hannover, Seesen a. H., Hamburg, Altona, Leipzig, Dortmund, Frankfurt ci. M., Mülhausen, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fern. Ueligiöse Freudigkeit. Zum Schluß des Passah. Berlin, 21. April. nsere alten Meister lehren: Wer beim festlichen Mahle über ein volles Glas seinen Segen spricht, dem giebt Gott ein Erbe ohne Enge; ein Anderer meint, dem giebt Gott beide Welten^ irdisches Glück und ewige Seligkeit. Das wäre nun freilich ein wohlfeiles Rezept, um so hohe Güter zu gewinnen; nicht zu kargen beim Weine, über den wir den Segen sprechen, bei diesem Anlaß das Glas bis an den Rand zu füllen, das scheint doch eine erstaunlich geringe Leistung, als daß so hoher Lohn für sie gewährt werden sollte.!! Wollten wir den Satz der Weisen so mißverstehen, wir glichen einer Klasse von Leuten, die unter den Gegnern von Thora und Talmud nicht selten sind.. Zuerst werden die Worte der heiligen Schriften verrenkt, verzerrt, mißdeutet, entstellt, bis etwas recht Thörichtes Md Abscheuliches zu Stande gebracht ist, dann aber heißt es mit lautem ^Hohn: . Sehet, das steht in Euren heiligen Büchern. Unsere altert5 Meister haben ein Recht darauf, daß wir mit einem günstigen Vovurtheil an ihre Aussprüche Herangehen, und nur, wenn diese vorgefaßte Meinung nach längerem Prüfen bei einem bestimmten Satze sich nicht bestätigt, haben wir die Freiheit, diesen Satz preiszngeben. Wem also verheißt der Talmud ein Erbe ohne Enge, wem beide Welten, das Jenseits und das Diesseits? Demjenigen, der den.Segen beim vollen Glas spricht, d. h. Dem, der beim guten Werke.nicht knappt und nicht kargt, der mit vollen Händen und mit freudigem Herzen spendet. Das gilt zuerst von der Wohlthätigkeit. Da giebt es freilich eine kleine Schaar, die das Prinzip haben, mit geschlossenen Händen dazustehen bei der Roth des Nächsten, bei denen der Geiz so mächtig ist, daß ihnen sogar die Verachtung der Menschen , gleichgiltig. ist, wenn nur ihr Blick sich am Golde sättigt. Von diesen wollen wir nicht weiter reden. Aber bei Weitem die Meisten fühlen die Pflicht, wenn Gott ihnen den Segen spendet, von dieser reichen Fülle etwas an die Darbenden zu geben. Nur können sie sich von dem Besitze so schwer trennen, sie verschieben die Wohlthat von Tag zu Tag, sie warten auch, bis sie gerufen werden, und zuletzt versuchen sie es noch, an den Armen etwas zu profitiren und die Gabe um eine Kleinigkeit zu verringern. Um wie viel glücklicher sind Diejenigen, die beim Segen das Glas bis zum Rande füllen, deren Hand nicht halb sich öffnet : und halb sich schließt, sondern freudig darreicht. - In der Höhe der Gabe ist der Unterschied gewöhnlich nicht gar groß. Wer ängstlich mit den Händen zittert, daß er nur ja nicht zu viel des Weins in den Becher gießt, wird nicht viel ersparen gegenüber Dem, der mit fester Hand das Glas füllt. Aber der Unterschied ist doch ein ganz gewaltiger. Die Gabe wird verbittert, verliert ihren Duft nicht selten für den Geber wie für den Empfänger. Der Karge kann den Schmerz nicht verwinden, daß seine Habe kleiner geworden ist, der Freigebige wird in solchen Stunden des Segens, mit dem ihn Gott begnadet, erst recht froh und genießt! beide Welten, weil er das Glas bis zum Rande füllt, weil er sich und den Dürftigen ganz anders beglückt durch die Gabe eines frohen Gemüthes. Nicht anders ist es, um noch ein Beispiel herauszugreifen, bei dem Unterricht in der Religion, den die Eltern die Kinder genießen lassen. Hier, wo ein rein Geistiges in Frage kommt, offenbart sich erst recht der Segen der Freudigkeit. Nicht viele Eltern giebt es. welche glauben, ein Kind könne die Religion entbehren, könne gedeihen, wenn diese Keime des Göttlichen nicht in der jungen Seele ^gepflegt werden. Die meisten Eltern führen ihre Kinder zu diesem Quell lebendigen Wassers; aber die Einen thun es lässig und widerwillig wie ein Erzwungenes, das nun einmal nicht zu umgehen ist; in dem Dünkel, mit dem so oft Erwachsene das Gefühls¬ und Geistesleben der Unmündigen beurtheilen, meinen sie, daß die 'Kinder davon gar nichts merken; aber die Jugend ist oft scharfsichtiger wie die Alten; sie merkt, welcher Unterrichtsgegenstand den Eltern am Herzen liegt und welcher ihnen gleichgiltig ist, und sie richtet sich danach. Andere wiederum achten ernst und eifrig darauf, daß ihre Sprossen während der ganzen Schulzeit auch an den Früchten sich laben, die am Baume religiöser Kenritniß prangen. Der Unterschied an Zeit, den die Einen und die Anderen an diesen Unterricht wenden, ist gering, aber der Unterschied im Erfolge ist erstaunlich; weil die / Schüler, durch die Ermahnungen des Hauses angefeuert, mit Eifer sich dem jüdischen Wissen zuwenden, finden sie Freude am Lernen und Befriedigung, indem ihr Wissen sich mehrt; die Anderen empfinden das Lernen als eine Last, und da bekanntlich bei jeder Aneignung von Wissen der Wille ungleich wichtiger ist als der - Verstand, bleibt der Erfolg auch bei'sonst begabten Kindern geringfügig. Der Becher zum Segen war da, aber er war nicht bis zum