Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Lahrgang. Nr. 16. 0t^* Berlin. 16. April 1897. /Weitage zur „Allgemeinen JeiLung öes IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 14. Aprll. Der fünfzehnte Bericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, erstattet vom Kuratorium derselben, ist eigentlich ein Jubiläumsbericht, da das Wintersemester 1896/97, mit dem dieser Bericht schließt, das fünfzigste der Hochschule ist, vie im Mai 1872 eröffnet wurde. Den Nachrichten über die Lehranstalt entnehmen wir folgende Einzelheiten: An Stelle des Heimgegangenen San.-Raths Kirstein hat das Kuratorium behufs seiner Ergänzung Prof. Dr. Marlin Philippsvn, Sohn des Mitbegründers und langjährigen Kurators der Lehranstalt, des sel. Dr. Ludwig Philippson, kooptirt. Dr. Eduard Ban eth, der während drei Semester die talmudischen Disziplinen im Provisorium gelehrt hat, ist nunmehr als Nachfolger des sel. Dr. Jotzl Müller in das Lehrerkollegium berufen worden. Die ordentliche Generalversammlung pro 1896 hat am 10. Mai 1896 stattgefünden. Die statutenmäßig ausscheidenden Mitglieder Dr. S. Neumann, Dr. Heinrich Meyer Cohn und Georg Meyer wurden wieder als Mitglieder des Kuratoriums gewählt. Die Zahl der Hörer hat betragen: Im Sommersemester 1896 32, und. zwar 17 Deutsche und 15 Reichsausländer (12 aus Oesterreich- Ungarn, 2 aus dem russischen Reiche und 1 aus Amerika). Im Wintersemester 1896/97 28, und zwar 14 Deutsche, 14 Reichsausländer (9 aus Oesterreich - Ungarn, 3 aus dem russischen Reiche und 2 aus Amerika). Sämmtliche Hörer waren Maturi. Außerdem wird die Anstalt von 9 Hospitanten (1 Deutscher und 8 Ausländer) besucht. Im Wintersemester 1896/97 haben das Rabbinatsexamen bestanden: Dr. O. Thon, Dr. S. Hochfeld, der nach Frankfurt «. O. berufen worden, und Dr. H. Vogel st ein, der seit mehr als einend Jahre in Oppeln das Rabbineramt verwaltet und nunmehr von dort nach Königsberg i. Pr. berufen worden ist. Außerdem sind berufen worden: Dr. L. Blumenthal von Frankfurt a. O. nach Danzig, Dr. S. Poznan skr nach Warschau, Dr. M. Ehrenpreis nach Diaeovar, Dr. D. Neumark nach Rakonitz bei Prag und Dr. N. Steinhart nach Kojetein. Die sabbathlichen Uebungspredigten der Hörer in den Berliner Gemeindesynagogen sind auch in diesem. Jahre unverändert fortgesetzt worden. — Desgleichen sind Hörer in gewohnter Weise mit dem Predigtamte für Festtagsgottesdienste betraut worden. Von der hiesigen jüdischen Gemeinde wurden 1896 zehn Hörer hierzu berufen. Der Preis aus der Moritz-Meyer-Stiftung ist am Todestage des sel. Stadtrath Moritz Meyer vom Lehrerkollegium dem Hörer Dr. M. Rachmu th zugesprochen worden. Die von Herrn Dr. M. Kirstein an der Lehranstalt begründete Preisstiftung hat im Oktober v. I. die landesherrliche Genehmigung erhalten. Ein gedrängter Rückblick auf die äußere und innere Geschichte der Lehranstalt während ihrer ersten 25 Jahre ist einein besonderen Berichte Vorbehalten, der in nächster Zeit veröffentlicht werden soll. Es ist deshalb , für dieses Jahr die wissenschaftliche Beilage ausgefallen. Die Einnahmen der Anstalt betrugen im Berichtsjahre 30 490,30 M., die Ausgaben 15 645,55 M., das Gesammt-Bermögen beläuft sich auf 173197,40 M., die Stipendienkasse hat an Einnahmen 6960,25 M„ an Ausgaben 3160 M. zu verzeichnen. Der Bericht schließt mit dem Verzeichniß der im Sommersemester (vom 27. April an) zu haltenden Vorlesungen. Herr Dr. Baneth wird lesen: 1. Talmud stat.: (Jeruschalmi und Babli) Gittin Kap. IV, Forts., 4 Stunden, Montags und Donnerstags 10—12 Uhr. 2. Talmud Babli kursorisch: Baba Mesia Kap. II, 4 Stunden, Sonntags und Mittwochs 8—10 Uhr. 3. Jore Dea (Tur und Schulchan Aruch) I—X, 2 Stunden, Montags und Donnerstags 12—1 Uhr. 4. Eben ha-ezer VII, Forts., 1 Stunde, Dienstags 10- 11 Uhr. 5. Mischne Thora, I. Buch, 2 Stunden, Sonnabends 11— 1 Uhr. 6. Einleitung in den Talmud, Forts., 1 Stunde, Dienstags 9—10 Uhr. 7. Der jüdische Kalender, 1 Stunde, Donnerstags 9—10 Uhr. Herr Dr. M ay bäum wird lesen: 1. Lektüre des Bereschith rabba, 1 Stunde, Dienstags 8—9 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, 2 Stunden, Freitags 8—10 Uhr. Herr Dr. Schreiner wird lesen: 1. Alte Pentateuchkommentare, 2 Stunden, Sonntags 11-1 Uhr. 2. Erklärung des Buches Hiob, 2 Stunden, Montags 9—10 und Mittwochs 11—12 Uhr. 3. Geschichte der Schriftauslegung und der hebräischen Sprachwissenschaft, 2 Stunden, Montags 8-9 Uhr und Mittwochs 10—11 Uhr. 4. Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, 1 Stunde, Dienstags 12-1 Uhr. 5. Systematische Religionsphilosophie, Dienstags und Freitags 11-12 Uhr. 6. Geschichte der Juden, 2 Stunden, Sonntags und Freitags 10-11 Uhr. Herr Professor Dr. Steinthal wird lesen: Die Entwickelung der Gottes-Idee in Jsrael-Juda in biblischer Zeit, 1 Stunde, in einer noch zu bestimmenden Stunde. Alle Vorlesungen an der Anstalt sind unentgeltlich. Berlin, 11. April. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am 7. d. Mts. eine zahlreich besuchte Versammlung ab, in der Herr Redakteur Alphons Levy einen sehr interessanten Vortrag über das „Heidenthum der Gegenwart" hielt. Sodann nahm der Verein nach längerer Debatte gegen die Wiedereinführung der konfessionellen Eidesformel Stellung. Trotz aller Verwahrungen der an dem diesbezüglichen Beschlüsse des Reichstages betheiligten Parteien, wurde erklärt, sei die antisemitische Tendenz des Antrages unverkennbar. Wohl hätten bis 1879 jüdische Richter den christlichen Eid abgenommen, ohne daß es je zu Konflikten gekommen wäre. Bei der Verschärfung der antisemitischen Strömung sei jedoch zu befürchten, daß die Wiedereinführung des konfessionellen Eides absichtlich zur Herbeiführung solcher Konflikte ausgenützt würde, um dadurch einen Vorwand zur Beschränkung der jüdischen Richter zu gewinnen. Der Vorstand wird mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dahin wirken, daß die Wiederaufnahme der konfessionellen Eidesformel in die neue Strafprozeßordnung unterbleibe. Aus Betreiben des Vereins ist an mehreren Orten die Verbreitung eines Flugblattes, in dem vor dem Einkauf von Konfirmandengeschenken in jüdischen Geschäften gewarnt wird, polizeilich verboten worden. F; Berlin, 12. April. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt am 3. d. Mts. ihre Monatssitzung im Vereinslokal ab, Nach Ausnahme eines neuen Mitgliedes dankte der Herr Vorsitzende der Vergnügungskommission, die durch ihre umsichtige Leitung so viel zum Gelingen des Stiftungsfestes beigetragen; dann gab er seinem Bedauern über das Hinscheiden des Herrn Justizraths Makower in tiefempfundenen Worten Ausdruck und wies darauf hin, wie der Hingeschiedene stets ein warmes, Herz für die Interessen der jüdischen Lehrer gehabt habe. Im Anschluß daran stellte er den Antrag, daß der Vorstand im Namen des Vereins ein Beileidsschreiben an die Hinterbliebenen richte. Dieser Antrag wurde angenommen. , Das angekündigte Referat des Herrn Vorsitzenden „über einige die israelitischen Lehrer betreffende Fragen" wurde aus persönlichen Gründen von der Tagesordnung abgesetzt und soll den ersten Punkt der Tagesordnung der Maisitzung bilden. F. Berlin, 9. April. Der Bericht über die Ferien-Kolonien für jüdische Kinder für das Jahr 1896 weist von Neuem einen erfreulichen Fortschritt dieser Institution auf, und das Komitee darf auf die Erfolge mit besonderer Genugthuung zurückblicken. Der Ausstellung halber konnte es Halbkolonien nicht einrichten; dagegen war es in der Lage, 359 Kinder in Bollkolonien zu entsenden und somit die vorjährige Zahl noch um 53 überschreiten. Die Einnahmen haben bedauerlicherweise nicht zur Deckung der Ausgaben gereicht; das Komitee für Ferienkolonien des Berliner Vereins für häusliche Gesundheitspflege hatte wiederum einen Zuschuß von 1331,55 Mark zu leisten. Da dieses Komitee selbst unter der Ungunst der Zeiten zu leiden hat und selbst