Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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über „diesen orthodoxen Chaul" überlassen wir den sachverständigen Leserinnen.) Zum Schabbes giebt es dann noch den Kartoffel-Chaul: dasselbe Rezept unter Zusatz von V2 Metze geriebener Kartoffeln; das alles unter reichlichem Zusätze von Gänseschmalz oder frischem, ausgelassenem Rindertalg, jüdisch Tuck genannt (Graudenz). Auch wird es mir als eine Art von Pudding geschildert, wie es ihn beim Scholent giebt, d. h. beim Essen am Schabbes. (Kartoffel- Chaul, Pudding und Scholent? Eine seltsame Zusammenstellung!) Matze, Mazze, f., oder Matzen, Mazzen, Matzes, Mazzes, plur., hebr. Mazzo, obgleich richtiger hebr. Mazzah, d.h. Süßigkeit (?) oder Zusammengedrücktes, und ist das aus. Weizenmehl und Wasser, aber durchaus ohne Salz bestehende Gebäck der Israeliten, das sie zur Erinnerung an die Oster - Feiertage, das Fest der ungesäuerten Brode, backen und genießen. Es wird dann auch an Christen verehrt. Namentlich werden die stark blasigen Stücke verschenkt. Zur Abwechselung schmeckt es nicht übel, namentlich wenn mit Butter bestrichen. Auch thut das Knusperige bisweilen wohl (!) Der Teig wird rund ausgerollt (ausgewirkt), und über die ganze Fläche geht ein Radeisen zur Schaffung von Vertiefungen; diese wohl, damit sie besser durchbacken Früher nur an der Sonne getrocknet (das muß aber schon sehr lange her sein), werden sie jetzt im Ofen des Hauses (?) gebacken. Es bestehen dafür sogar' einige Fabriken. So versendet die Mazzen-Bäckerei von Kamnitzer in Dirschau ihre Erzeugnisse weithin. Es ist das ein wenig (?) bekannter, aber nichtsdestoweniger blühender Geschäftszweig. Ebenso besteht eine Fabrik in Filehne, Provinz Posen, von Gutkind, diese sogar mit einer Filiale in Berlin In kleineren Städten wird die Matze für alle Glaubensgenossen zusammen vom Vorbeter oder Kantor (sollte das nicht ein und dieselbe Person sein?) besorgt, und kommt sie daher oft in großen Wagenladungen an. (Berent.) In der Fabrik werden sie durch Maschinen ausgerollt, durch ein rundes Eisen rund und durch ein Rad auf der Oberfläche rauh gemacht. Sie sind verschieden groß, bis iy2 Fuß im Durchmesser, und gehen davon 8—10 Stück aufs Pfund. Die Israeliten leben in den acht Festtagen des Pesach (Passahfest) a usschließlich von Mazzen (? Gott bewahre! Dann müßten wir armen Juden ja verhungern!) und außer diesen darf dann bei ihnen nichts Gesäuertes, nichts von Mehl bereitet werden. Es werden auch Makronen davon gebacken, ebenso Klöße für das Geköch geformt. (Na also!) Vom Abfall der trockenen Matzen wird durch Zerkleinerungs-Maschinen ein besonderes und sehr feines Mehl geschaffen, das Matzenmehl, das es auch zu kaufen giebt. In Schöneck backt man um diese ihre Osterzeit auch Biscuits von Stärke (?), also kein Mehl, Zucker und Eier. (Beneidenswerthes Schöneck!) * Was ist der Pesach? Der Pesach wird bekanntlich als Freudenfest gefeiert zur.Erinnerung des Auszuges der Kinder Israels aus der Gefangenschaft im Aegyptenlande, und heißt es, sie hätten nicht einmal Zeit gehabt, den bereits angerichteten Teig zu säuern und zu backen, und daher denselben roh auf die Reise mitgenommen. Daher denn wohl auch das ursprüngliche Trocknen (Rösten) an der Sonne! Von Pesach sind besonders heilig die beiden ersten und die beiden letzten Tage oder, bessert???) Abende, während in die Zwischenzeit die sog. Halb-Feiertage, Chalamoet (Cholhamoed) fallen. Die beiden ersten heißen die Ced ern- Abende (sie!!!). Da wird nach jüdischem Ritus nach der Rückkehraus der Synagoge, aus einem besonderen Buche über jenen Auszug der Juden vorgelesen und, außer dem allgemeinen Kiddisch(?) des Hausherrn und dem Benschen (?) der Angehörigen, über die Matzen noch ein besonderes Gebet und Segen gesprochen. Reich und Arm muß dann sogar Wein trinken, welchen sich die Armuth aus mit Wasser gegdhrenen Rosinen zubereitet. (Auch das stimmt nicht! Am Passahfeste trinkt kein Jude solchen Wein.) Lemsel, Limsel, k., wird hergestellt aus Matzen, mit Rosinen durchsetzt (?), dann ausgerollt und nach Art von .Zrasy zusammengelegt (Danzig). Es ist ein speziell jüdisches Gebäck (dieser Satz ist geradezu unbezahlbar) und soll in orthodoxen jüdischen Familien ein Osterkuchen sein. Aus .Graudenz wird mir über die Art der Zubereitung geschrieben: ,Die Matzen werden gestoßen, daraus ein Teig gemacht, dieser mit ,allem Guten", d. h. Schmalz, Eiern, Zucker, Rosinen, Mandeln rc., je nach Wohlgeschmack und Vermögensoerhältnissen, versehen, Auch ' backen die Juden aus gestoßenen Matzen Klöße und Flinzen re., zu den Feiertagen aber in Gänseschmalz. Nach anderweitiger Auskunft ist Chrimsel auch eine Art von Pfannkuchen, aus geriebener Matze hergestellt, der aber viel mehr der Küche und dem Geköch zugehört.- So weit Herr Treichel. Wir ersehen ans seinen „Forschungen", daß der verehrte Herrlich weit eingehender mit dem „israelitischen Gebäck" als mit den jüdischen Neligionsgebräuchen beschäftigt hat, sonst würde er seinen staunenden Zuhörern nicht eine Schilderung der Sabbath- , und Pafsahfeier zum Besten gegeben haben, über die jeder zehnjährige Knabe aus gesetzestreuem jüdischen Hause verwundert den Kopf 'schütteln muß. Und doch wäre es ihm ein Leichtes gewesen, sich auch-hierüber ganz genau zu informiren. Jeder jüdische Lehrer oder Kantor — und in Westpreußen soll an solchen Männern ja kein Mangel sein — würde dem wißbegierigen Herrn gewiß gern Gelegenheit gegeben haben, die Poesie eines Freitag- und Passahabends aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Er hätte ihm dann sicherlich auch in sachkundiger Weise auseinandergesetzt, daß die ersten beiden Abende des jüdischen Osterfestes nicht Cedern-Abende — was sich Herr Treichel dabei wohl gedacht haben mag? —, sondern Szeder-Abende (von Anordnung des Abendtisches) genannt' werden; daß ferner das ungesäuerte Passahbrod einzig und allein Mazze, plur. Mazzes (entspr. dem Hebräischen) heißt, und daß alle Varianten, die Herr Treichel mit wissenschaftlicher Genauigkeit anführt, nichts weiter seien als orthographische Schnitzer ungebildeter Mazzebäcker. Auch für die „speziell israelitische Schabbes- und Festtagsspeise" giebt es nur den einen „technischen Ausdruck" „Kaul", korrumpirt aus „Kugel" und daher wie diese kem. generis. (Beiläufig bemerkt, scheint der Herr die feinsten Arten dieses Gebäcks, wie Aepsel- und Lockschen- oder Nudel-Kaul, merkwürdigerweise gar nicht zu kennen.) Was dagegen die Benennung der österlichen Pfannkuchen betrifft, ob Kemsel, Kimsel oder Chrimsel, so enthalte ich mich jedes Urtheils, da mir die Etymologie dieses Wortes völlig unbekannt ist. Alles das und noch manches Andere hätte Herr Treichel von dem jüdischen Lehrer erfahren und seinen Zuhörern älsdamr ein wahrheitsgetreueres und effektvolleres Bild unserer Sabbath- und Passahfeier vorführen können. Hierbei möchte ich allen Ernstes noch auf einen anderen Umstand Hinweisen, der im höchsten Grade auffällig erscheint. Die Berliner Gesellschaft für Ethnologie zählt eine ganze Anzahl angesehener und gelehrter Juden zu ihren Mitgliedern. Sollte Keiner von ihnen im Stande gewesen sein, diese wunderlichen Ausführungen zu rektisiziren und die Versammlung eines Besseren zu belehren? (Wenigstens finde ich in dem betreffenden Sitzungsbericht kein Wort der Entgegnung.) Nun, sei dem, wie ihm wolle! Das Eine steht unleugbar fest: Wenn erst unsere Religion mit allen ihren erhabenen Vorschriften und Lehren, mit ihren schönen, Geist und Gemüth erhebenden Gebräuchen, die in keiner Beziehung das freie Tageslicht zu scheuen brauchen, allgemein gekannt sein wird, dann wird es auch keinen Antisemitismus mehr geben — und dann werden wir uns um so inniger freuen, wenn unsere Barches und Bobes, unsere Mazzes mit ihrer „bisweilen so wohlthuenden Knusperigkeit", unsere Kaul und unsere Chrimsel den christlichen Mitbürgern ebenso trefflich munden wie uns selbst.