Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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. Der Direktor warf zornig seinen Kopf zurück und wollte erwiedern als Pfarrer Weber sich ins Mittel legte. „Meine Herren," sagte er, „vergessen Sie nicht, zu welchem Zwecke wir hier sind und verbittern Sie nicht unnöthiger Weise die Beralhungen. Jeder Aktienbesitzer hat bei der Zeichnung auf die Aktien die Absicht an den Tag gelegt, Profit zu machen. Und darum bitte ich, persönliche Verdächtigungen zu unterlassen!" „In omnibus caritas, Herr Pfarrer," rief Dr. Helbing mit größerer Lebhaftigkeit, als er bisher an den Tag gelegt hatte. „Wir haboil Niemanden verdächtigt, noch auch die Nechtmäßigkeit des 'Nutzens aus der Arbeit geleugnet. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, heißt es doch in der heiligen Schrift. Wenn der Arbeiter seine Arbeit nutzbringender zu machen weiß und statt Roggen Zuckerrüben baut, so ist er zu höherem Lohne berechtigt. Was ich als illegitimen Gewinn bezeichne, ist der Gewinn Derje.uigen, die m.ls der Arbeit der Bauern Gewinn ziehen, ohne für diesen sogenannten Nutzgenuß etwas geleistet zu haben." „Bravo!" schrie der Major. „Bravo, bravo, bravo," brüllten Nowak, Göber und Hasset, eifrig in die Hände klatschend. „Meine Herren," rief Awrom, indem er die Präsidentenglocke schwang, „wir sind nicht hierher gekommen, um volkswirthschaftlichc Vorträge zu halten oder anzuhören, aber da hier offenbar der Versuch gemacht wird, die Anschauung zu verbreiten, als wollte mau zu Gunsten, des Kapitals die Interessen der Bauernschaft verrathen, erlaube ich mir zu bemerken, daß ich die Interessen des Bauernstandes so ernsthaft gefördert habe, als irgend Jemand, und daß unsere Fabrik zur Erhöhung des Werthes landwirthschaftlicher Produkte mehr beigetragen hat als manche schöne Rede, die^araufansgeht,zwischeir Bauer und Bürger Zwietracht zu stiften." (Fortsetzung folgt.) „Israelitisches Gebäck." Kulinarische Plauderei von Adolf Pick. fieses „geschmackvolle" Thema ist in der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte", deren Vorsitzender kein Geringerer als Rudolf Virchow-ist, zu wiederholten Malen mit großem wissenschaftlichen Ernst und einer so bewundernswerthen Sachkenntniß (wenigstens was die Zubereitung betrifft) behandelt worden, daß wir Juden allen Grund haben, nicht blos auf unsere Geschichte und Litteratur, sondern auch auf unsere traditionelle Koch- und Backkunst mit vollstem Rechte stolz zu sein. Daß die jüdische Küche im Allgenreinen ganz ausgezeichnet ist, wird uns allerdings jeder Christ und Muselmann, selbst wenn er Heine nicht gelesen hat, ohne Weiteres gern zugestehen; daß aber sogar unsere „Barches" und „Bobes", unsere „Kaul" und unsere „Chrimsel" für würdig befunden wurden, in einer hochangesehenen Gesellschaft gelehrter Männer einer streng wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen zu werden — das verdoppelt und verdreifacht ihren Ruhm. Es dürfte daher den verehrten Leserinnen dieser Zeitung ganz willkommen sein, einmal aus dem Munde eines christlichen Ethnologen ein Uriheil über die Erzeugnisse ihrer Backkunst zu vernehmen. Vielleicht daß bei dieser Gelegenheit der gediegene Kenner spezifisch jüdischer Backwaare, Herr A. Treichel ans Hoch-Paleschken, dessen interessante Studie wir hier folgen lasten, auch noch so mancher Hausfrau einige beachtenswerthe Winke giebt, die bei der künftigen Herstellung, eines Purimkuchens und der Osterchrimsel mit Erfolg verwerthet werden können. Herr Treichel sagt r1) „Nachdem ich mich in dem Sitzungsbericht vom 16. Dezember 1893 (Zeitschr. f Ethnologie Bd. 25, S. 565) bruchstückweise über die Barches oder Berches in Westpreußen ausgelassen habe, komme ich heute dazu> aus meinen Niederschriften über das volksthümliche Backwerk unserer Provinz Westpreußen mehr im Ganzen alles das Gebäck zu beleuchten, das man als speziell israelitisches bezeichnen kann. Barches (plur.) sind eine Art Stritzel und fast speziell israelitisch. Es ist dies eine eigene Art von Weißbrod. bestehend aus Weizenmehl, Hefe und Wasser, dann süß gemacht. Es kann auch Salz und Milch und (?) es kann auch Butter dazu genommen werden. Wenn sie mit Butter gebacken waren, so werden sie ans butterige (milchige) Teller gelegt und mit butterigem Messer geschnitten.' Die Israeliten haben bekanntlich zweierlei Geschirr, milchiges oder fleischiges und butteriges (soll heißen milchiges oder butteriges und fleischiges). Dann werden sie (doch jedenfalls die Barches) in dünne Streifen gerollt und ganz wie ein Zopf geflochten und schön braun gebacken. Daher kommt die Aehnlichkeit mit den Zäpfchen und mit dem Seelenzopf, wovon später. So ist es durch ganz Westpreußen im Gebrauch, mir aber besonders aus Mewe gemeldet. (So ist es wohl überall, wo Juden wohnen.) Zuweilen werden die Barches cbenauf mit Zucker und Mohn bestreut. Ihre Herstellung ist sowohl Hausbetrieb wie Bäckersache. Ihr Preis ist in Alt-Kischau je 25 Pfennig. Wenn Butter dazu kommt, so wird der Teig ans Eisenbleche gelegt und für den Backofen zum Bäcker geschickt. — In Graudenz heißt das Gebäck Challe. (Anderswo auch) Bereitet werden sie bei den Juden ausschließlich (?) für ihre Sonntage, also für den gewöhnlichen (?) Schabbes, aber auch sonst bei Festen, namentlich (?) zum Purim oder Losfest, .gefeiert zur Erinnerung an die Errettung der Juden aus dem ihnen durch Harnan drohenden Untergange, wie im Buche Esther zu lesen. Ist aber am Freitag mit dem Untergang der Sonne der Schabbes hereingebrochen, und geht es dann bald zur Abendmahlzeit, so werden neben den anderen Speisen auch die Barches aus den Tisch gelegt, in Stücke geschnitten (?-, mit einem Deckchen zugedeckt und hiervon durch den Hausherrn jedem Glieds der Familie ein Stück gegeben, nachdem vorher, wie bei jeder Mahlzeit, durch den Hausherrn der Kiddisch (soll heißen: Kiddusch, gemeint ist aber der Segensspruch übers Brod) gesprochen und auch von der ganzen Familie gebetet worden ist. (Herr Treichel nennt das „benschen".) Der Kiddisch, d. h. Segensspruch, aber lautet: „Gelobet seiest Du, unser Vater, daß Du uns das Brod gegeben hast!" (D. h. so lautet er tatsächlich nicht!) Demgemäß wird auch das Wort Barches hebräischen Ursprungs sein. („Demgemäß" ist gut.) Nach Konsul Dr. Wetzstein und Professor Dr. P. Ascherson scheint (?) es Plural zu deräeüali zu sein, d h. Segen, also Segensbrod. Es bedeutet auch Geschenk (Gesen ). In Schwaben heißen sie Berches, und müssen dort Butter und Milch durchaus fehlen. E. W. v. Schulenburg theilt in den Verhandlungen der Gesellschaft für Ethnologie, XXV, 1893, S. 279, 280 mit, daß auch in, Berlin in Bäckerläden ein Gebäck verkauft wird unter dem Namen Barchus oder Barchos, hebräisch Berches. Dieses Gebäck zerfällt nach seiner Zubereitung in zwei Arten, wovon die eine mit Mohn bestreut ist und in jüdischen Familien Freitags und an Festtagen gegessen wird. Es besteht ans einem Geflecht, das in der Form ganz dem sogenannten Seelenzops römisch-katholischer Gegenden ähnelt. Bubes, plur. (richtiger Bobes). Dieser Kuchen besteht aus Weizenmehl, Zucker, Butter, Mandeln, Rosinen. Der Teig, eine Art von Blätterteig, wird in ganz feine Strähnen gezogen, diese schneckenartig gedreht und aufgetragen, dann umgelegt und in Stücke geschnitten. Er wird auf Blechen gebacken. Er ist rund wie ein Fladen oder länglich. Er ist speziell israelitisch und wird zum sogenannten Wochenfeste (Pfingsten) gebacken, das sieben Wochen nach dem Pesach fällt und Schewues heißt, d. h. sieben (?) Wochen. (Unseres Wissens pflegen Bobes auch sonst gebacken zu werden.) Chaul, Kaul, Kal, m. (?) ist bei orthodoxen Juden ein Gebäck, wobei zu zwei Pfund Mehl, außer für zwei Pfennig Pfeffer, noch für fünf bis zehn Pfennig Zwiebeln genommen werden, ohne Sauerteig oder Hefen. Ihr Wohlgeschmack wird mir gerühmt. (Das Urtheil l) Zeitschrift für Ethnologie, Jahrg. 27, S. 478 ff.