Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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FEUILLETON Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben -er jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) f ie Versammlung blieb eine Weile ruhig, bis Rosenbaum mit den Worten hervorbrach : „Der gute Rath ist theuer, Herr Direktor!" und Göber, ihm sekundirend, ries: „So etwas muß man sich doch erst überlegen." Die Mehrzahl schien unschlüssig,-und Äwc'om, der inzwischen seine volle Fassung gewonnen hatte, glaubte jetzt das Eisen schmieden zu können. „Meine Herren," sagte er, „jeder . Betrieb muß aus Verluste gefaßt sein. Wenn der Bauer nach einem Hagelschlage sein Anwesen sofort unter den Hammer bringen oder der Kaufmann nach einem matten Geschäftsjahre sein Geschäft auflösen wollte, so würde die ganze Welt bald nur aus Rentiers und Bettlern bestehen. Wir sind in der Lage des Bauern nach einer Mißernte oder' nach dem Brande einer Scheune.' Wollen Sie ihm rathen, seine Wirtschaft sofort um jeden Preis zu verkaufen oder lieber eine Hypothekarschuld aufzunehmen, um durch Fleiß und Sparsamkeit sich sein Anwesen zu erhalten. Mein Freund, der Kreisphysikus Dr. Kohn unb ich sind unter den größten Aktionären. Wir haben also am meisten zu riskiren, und doch sind wir bereit, auf den Vorschlag des Herrn Direktors einzugehen. -Wenn ich also zu Ihrem Schaden rathen würde, so wäre es zugleich mein eigener Nachtheil." „Du hast Recht, Abraham," fiel Hasset mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit ein, „der Bauer muß bei jeder Saat riskiren." Dr. Helbing, ein junger Advokat, der als Anwalt der gräflichen Gutsherrschaft im Verwaltungsrathe saß, hatte bis jetzt still geschwiegen und scheinbar theilnahmslos dagesessen, obwohl ein aufmerksamer Beobachter wahrnehmen konnte, daß er während der vergangenen lärmenden Szenen mit Nowak und Göber ermunternde Blicke ausgetauscht hatte. „Der Bauer muß riskiren." sagte er im gleichgiltigsten Tone, „gerade so wie der Geschäftsmann, nur daß es am Ende der Bauer ist, der für das Risiko aufzukommen hat." „Mir kommt die Geschichte vor," nahm jetzt Major von Burgheim das Wort, indem er sich lächelnd an den Advokaten wandte, „wie die Geschichte von dem Ju—, Geldverleiher wollte ich sagen, — zu dem ein Bauer kommt, um einen Gulden zu borgen. Zunächst muß er seinen Pelz als Pfand zurücklassen. Das ist ja ganz natürlich. Dann muß er die Zinsen im Vorhinein bezahlen. Das ist so Geschäftsgebraüch. Da er nicht weiß, wann er. bezahlen kann, werden die Zinsen auf ein Jahr berechnet. Zwei Kreuzer vom Gulden die Woche ist ja nicht viel, das macht einen Gulden und vier Kreuzer. Der Wechsel kostet fünf Kreuzer, und einen Kreuzer berechnet der Ju— Geldverleiher für Schreibgebühren. Glücklicherweise hat der Bauer noch zehn Kreuzer bei sich, die er sofort erlegt, Nur kann er das eine nicht verstehen: Als er kam, besaß er einen Pelz und zehn Kreuzer und wollte sich einen Gulden ausleihen, nun hat er weder den Pelz, noch die zehn Kreuzer, noch den Gulden, den er borgen wollte, und ist noch einem Gulden schuldig." „Ha, ha, ha, eine köstliche Geschichte!" rief Dr. Helbig, indem er ein kleines Taschenbuch' aus seiner oberen Westentasche nahm, „die sie 'noch heute dem Herrn Grafen muß ich mir sofort notiren, zu erzählen." „Ganz unser Fall," fuhr der Major fort. „Wir sollen unsere Fabrik verpfänden und unsere Sparpfennige hineinstecken und für das Bankdarlehen Zinsen bezahlen." „Ja, der Bauer muß auch riskiren," sagte der Advokat mit einer graziösen Handbewegung, dabei nach Göber hinlächelnd. „Eine Judenwirthschaft ist das," schrie der Letztere. Rosenbanm verfärbte sich, liuD Awroms Gesicht wurde flammen-' roth; man sah ihm au, daß er nur mit großer Mühe sich beherrschte, während Burgheim und Dr. Helbing thaten, als hätten sie nichts gehört. „Eine klerikale Jntrigue ist es," schrie Buchmaier mit zornigem Stirnrunzeln, die geballte Faust wuchtig auf den Tisch legend, „eine klerikale Jntrigue, angezettelt von dem Pf—— hochwürdigen Herrn Dechant mit Rücksicht auf die Gemeinderathswahlen im nächsten Herbst. Ich habe ihn gestern im „Blauen Löwen" beobachtet; er soll sich um seine Messen bekümmern, der — der — hochwürdige Herr. Kann ihm's Jeder sagen, wer will," setzte er, nach dem Major der gerade seine Taschenuhr hervorzog, gewendet, hinzu. „Mäßigen Sie sich, meine Herren," fiel Pfarrer Weber mit seiner tiefen, klangvollen Stimme ein, „wir sind hier nicht in einer politischen Versammlung und sind es unseren Mandataren schuldig, ihre Interessen ohne Rücksicht auf persönliche und politische Anschauungen zu vertreten. Es herrschte wieder völlige Stille im Saal, Awroms Gesicht zeigte die frühere nervöse Blässe, der Direktor strich sein gescheiteltes Haar zurück, der Major balancirte den Bleistift auf seinem kleinen Finger, Dr. Helbing drehte seinen Schnurrbart zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger der linken Hand, Göber und Nowak sahen ihn stumm an, Rosenbaum preßte die Unterlippe'zwischen den ^Zähnen und bewegte leise seiner: Kopf hin und her, und Buchmaier sah mit trotzig heruntergezogenen Augenbrauen von Einem nach deM.An^ deren. Der Pfarrer war es, der zuerst wieder das Stillschweigen unterbrach. „Erlauben Sie mir die eine Frage, Herr Direktor," begann er. „Wenn Sie von der Rentabilität unserer Fabrik überzeugt sind, warum begnügen Sie sich nicht mit dem Pfandrechte und verlangen außerdem noch eine Zuzahlung auf jede Aktie?" „Ich muß die Interessen unserer Bank vertreten," antwortete der Angeredete mit dem verbindlichsten Lächeln." „Sie, als Industrielle, tragen das Risiko Ihres Unternehmens, wie Sie, auch dessen Gewinnchancen einheimsen; ich als Bankier habe und.verlange keinen anderen Nutzen als die stipulirten Zinsen, darum muß ich auch billigerweise von dem Risiko verschont bleiben. Unsere Bank will nicht in die Lage kommen, die Fabrik auf eigene Rechnung zu führen, und wenn sie noch so rentabel sein sollte." „Sie wollen also unseren Pelz," fiel Burgheim ein, „unser Geld und noch Interessen obendrein." „Ha, ha, sehr gut!" rief Dr. Helbing, indem er mit der linken Hand auf seine Kniee klopfte. „Eine Bauernschinderei ist der ganze Plan," riefen Göber und Nowak fast einstimmig. „Ja, das ist es," rief jetzt auch Hassek. „Die Bank muß Profit machen," sagte Burgheim, indem er den Kopf zwischen die Schultern zog und die Handflächen nach auswärts drehte. „Wozu werden denn Banken gegründet?" / „Uns das Fell über die Ohren zu ziehen," rief Nowak entrüstet.;; „Das heißt man eben Geschäfte machen," warf Dr. Helbing mit feinem Lächeln ein. iü