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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-16 · Heft 16 (16.4.1897) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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Recht beugten, zu Richtern ernannte. Es bestürmte ihn mit dem Verlangen nach einem König und ließ sich von seinem Vorsatze dadurch, daß er die Schattenseiten des Königthums in den düstersten Farben schilderte, es grau in grau malte, nicht abbringen. seine ernsten Bedenken: „Das Recht eines Königs ist sehr ausgedehnt. Eure Kinder wird er euch nehmen und zu seinen Wagenlenkern, Reitern und Vorläufern gebrauchen; er wird sie als Heerführer anstellen, aber auch für seinen Acker verwenden,- seine Saaten zu schneiden unv ihm Kriegsgeräth und Wagengeschirr anzufertigen, eure Töchter wird er zu Köchinnen, Schlächterinnen und Bäckerinnen fordern. Mit euren besten Feldern, Weinbergen und Oelbaumpflanzungen wird er seine treuen Diener belohnen und die Zehnten einfordern, um seine Kämmerer und Knechte zu besolden. Eure Sklaven und Sklavinnen, eure prächtigen Jünglinge und eure Esel wird er nehmen und für seine Arbeit verwenden; von euren Heerden wird, er den Zehnten verlangen und euch völlig dienstbar machen." Vergebens werdet ihr dann zu Gott rufen" (1. Sam. 8) antwortete es gleichsam aus einem Munde mit dem Rufe: „Mit Nichten, sondern es soll ein König über uns sein! Wir wollen allen 'Völkern gleichen. Unser König soll uns richten, vor uns her ausziehen und unsere Kriege führen". Wie mit oberherrlicher Gewalt bekleidet, erhob es aus freier Wahl den vom Felde hinter den Rindern herkommenden Saul und' nach'besten Tode David, welcher einst die Schafe seines Vaters zu Bethlehem gehütet hatte, auf den Thron. Durch diesen Entschluß stellte es sich auf eine politische Höhe mit den übrigen Staaten ringsumher und bereitete sich zugleich eine Glanzperiode von Wohlstand und Blüthe. Aber die Krone schädigte muthwillig ihre eigene Sache durch den Mißbrauch ihrer Macht, vornehmlich durch die ungesetzliche Einführung einer Dynastie. Unter diesen Umständen griff das Volk nach Salomos Tod auf sein Recht zurück; es erinnerte sich, daß es . über die höchste Gewalt frei zu verfügen habe, und strömte nach Sichern zusammen, um an den Thronfolger Rehabeam die kategorische Frage zu richten, ob er gewillt sei, sanfter zu regieren und die bis zur ' Unerträglichkeit gesteigerten Lasten zu erleichtern. Er erwiederte verneinend, ja trotzend: „Hat mein Vater euch ein Joch auferlegt, so' werde ich es noch verstärken; und züchtigte er euch mit Ruthen, so werde ich euch mit Skorpionen züchtigen" (I. Kön. 12). Dies war das Signal zum Abfall. Zu spät versuchte er eine Aussöhnung; Jerobeam wurde zum König der zehn Stämme erwählt, und die Spaltung war als die eigene That des Volkes vollzogen. Durch diesen Bruch aber, der nie geheilt worden, im Gegentheile durch wiederholten Bürgerkrieg immer mehr erweitert worden ist, ward das Reich kleiner, das Volk noch schwächer, als es ursprünglich war; er schleppte unvermeidlich die nationale Freiheit ins Grab, aber nicht zugleich den nationalen Geist, welcher im vorväterlichen Glauben zu fest gewurzelt war, um ausgerottet werden zu können. Die Religion Israels ist von dem Hauche der Unendlichkeit durchweht, denn sie ist eine klassische Offenbarung der Einheit und Gleichheit. Sie hat aus dem Dunkel der Menschennatur einen herrlichen Schatz hervorgeholt, welcher dem Dasein erst Sinn, Bedeutung und höheren Werth verleiht; sie hat die Humanität und den Idealismus geschaffen. Israel hat vollen Anspruch darauf, vor allen anderen Völkern das Volk der Denker genannt zu werden; denn höher als die reale Wahrheit, welche die Verwirklichung der Kategorie Sein ist, steht die das majestätische Heiligthum der Wissenschaften krönende ideale Wahrheit, welche die Idee des S e i n s o l l e n s reälisirt. Sie ist von größerem Belang als die platte ’ Wirklichkeit oder Thatsächlichkeit, weil sie den Menschengeist über die Stufe des bloßen Naturseins zu gesinnungstüchtiger und willenskräftiger Selbständigkeit hinauswachsen läßt, das Gefühl und Bewußtsein der in Natur und Geschichte waltenden Endzwecke und das energische Streben nach der künstlerischen Ausgestaltung derselben in dem erkennenden Geiste und in der praktischen Thätigkeit in sich birgt. Sie ist die Vollendung der Natur- und Geschichtsforschung, denn sie sitzt über die Ergebnisse derselben zu Gericht, sie prüft sie auf ihre Identität oder Angemessenheit an das Ur- und Musterbild der Vollkommenheit und ergänzt sie mithin zu einer Gesammt-Weltauffaffung. Hierdurch wirkt sie verjüngend und erfrischend, wo hingegen die rein sachliche Wahrheit uns wie. ein eisiges, todtes Gut anstarrt. Drastisch und mit kaustischem Witz hat Goethe die letztere die „alte Schwiegermutter Weisheit" genannt. Ob sie auch durch strenge,, gründliche - Verstandesarbeit anden Tag gefördert wird, wird sie für.uns doch erst dann erfaßbar, geht sie uns erst dann in Fleisch und Blut über, wenn sie aus dem kalten, abstrakten Gebiete der Reflexion in das. warme, konkrete des Gemüthes und der Phantasie ausgenommen ist. Dadurch wird sie dem lebendigen Geiste als Nahrung gleichsam zugänglich gemacht, in ähnlicher Weise, wie die allgemeinen Stoffe und Kräfte der Natur dem lebendigen Leibe erst dann als Nahrung dienen, wenn sie -nicht als einfache Elementarstoffe und als physikalische einfache Kräfte aufgetischt werden, sondern in organische Verbindungen gebracht sind. Den sogenannten empirischen und positiven Wissenschaften kommt mithin im Grunde eigentlich nur die Bedeutung von Mitteln und Organen der' ethischen und ästhetischen Wahrheit zu. Der Kultus der Ideale aber ist, wie aus dem ein Meer von Licht ausstrahlenden Bekenntnisse: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, ist ein einiger, einziger Gott!" und der sich aus ihm mit Nothwendigkeit ergebenden Lobpreisung Gottes als des Inbegriffes der Ideen deutlich erhellt, die ureigenste Schöpfung, des Judenthums. Wer wird danach zu., bestreiten wagen, daß es der Vorläufer der großen französischen Revolution ist, welche durch die feierliche Proklamirung der Menschenrechte dem Triumphe ver Gerechtigkeit die Bahn geebnet hat? Ernst Renan, der durch Tiefe der Wissenschaft, Freiheit der Forschung und Zauber der Ausdrucksweise gleich ausgezeichnete Kenner des Judenthums' und Christenthums, hat jenem aus der Seele gesprochen, da er sagte: „Das Judenthum, das in der Vergangenheit so gut gedient, wird auch in der Zukunft dienen. Es wird der wahrhaften Sache, der Sache des Freisinns, des modernen Geistes dienen. Jeder Jude ist ein Liberaler. Er ist es seinem inneren Wesen nach. Die Feinde des Judentums hingegen sind, wenn man sie in der Nähe betrachtet, im Allgemeinen Feinde des modernen Geistes.... Der Jude, indem er dem modernen Geiste dient, thut in Wirklichkeit nichts anderes, als dem Werke dienen, zu welchem er mehr als sonst Jemand in der Vergangenheit beigetragen." Es sind dies goldene Worte, welche jeder Jude mit fetten Lettern auf der Tafel seines Herzens verzeichnen sollte. Bezeigen wir den Manen des unvergeßlichen Mannes unsere Huldigung, indem wir uns mit Begeisterung um das Banner unseres angestammten Glaubens schaaren, welches dem ungeberdigen, zügellosen Trosse der bewußten und unbewußten Lügner und Fälscher zum Trotze weithin sichtbar flattert und flattern wird zum Heile des Fortschritts und der Civilisation!

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