Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich möchte glauben, daß, zumal in größeren Gemeinden, wo auch die geeigneten Kräfte zu solchen Vorträgen am Platze, ein Versuch nach dieser Richtung im Interesse unserer religiösen Selbstachtung wohl angemessen und die hierzu gewünschte Anregung keine ganz vergebene wäre. Hannover. D. ' " Aas Indenthum im Dienste des Einheits- und Gteichheitsprinzips Bon Dr. Bernhard Münz. II. an prägnantester Weise äußert sich der jüdische Volksgeist in der von Moses eingeführten theokratischen Regierungsform, welche Jahrhunderte hindurch die einzige Grundlage der «Staatsverfassung war und blieb. Unter den natürlichen Folgen, welche aus dem theokratischen Staatsrechte fließen, steht die bürgerliche Gleichheit in vorderster Reihe; die Kaste ist unwiderruflich verurtheilt; sie gehört dem Reiche der Unmöglichkeiten an. Vor Gott giebt es keinen Unterschied der Person unter den Kindern Israels; sie sind alle. Abkömmlinge eines Stammvaters, Mitglieder einer Familie, sümmtlich Erstgeborene und Auserkorene, Theilnehmer an dem Bunde und Bundesgesetze,, durch das Gebot der Liebe verbrüdert. Frei und ungehindert entfalten sie, soweit die Theokratie überhaupt eine individuelle Entwickelung zuläßt, ihre Kräfte, Fähigkeiten und Eigenschaften auf dem Allen gemeinsamen Boden. Die Frauen machen keine Ausnahme hiervon. Sie erfreuen sich im Gegensätze zu den Frauen aller anderen alten Völker der gleichen Selbständigkeit und Werthschätzung wie die Männer. Die Bibel, die älteste Urkunde des Menschengeschlechts, weist gleich auf den ersten Blättern dem Weibe die Stellung an, welche seiner psychischen Eigenthümlichkeit und seiner Würde als Ebenbild Gottes entspricht; sie bezeichnet es als Männin, Jschoh, als Gehilfin, Beratherin und Ergänzung des Mannes, mit welchem es in liebevoller ehelicher Gemeinschaft Lust und Leid des Lebens gemeinsam trägt und zu einem Wesen, zu einer moralischen Person verschmilzt, wo hingegen später die Apostel und die Kirchenväter die Ehe als ein nothwendiges Uebel, als einen Nothbehelf für die Befriedigung der Fleischeslust, als Abzugskanal für unreine Säfte betrachten und fortwährend auf die Löblichkeit und Seligkeit des Cölibates Hinweisen. Und kann eS eine erhabenere, weihevollere Heiligung der Ehe geben als die oberwähnte Verkündigung Gottes, er habe sich Israel angetrant, indem er sich ihm offenbarte? Die Frauen nehmen aber nicht nur in der Familie, sondern auch im öffentlichen Gottesdienste und unter dem Volke eine würdige, sogar ehrfurchtgebietende Stellung ein; liebliche Gestalten wetteifern mit heldenmüthigen Naturen um die Ehrenkrone; Mirjam und Deborah bieten eine glänzende Gewähr dafür, daß dem schönen Geschlechte der Lorbeer der Poesie nicht versagt ist; es kann seine eigene Rechtssache führen und in wichtigen Angelegenheiten seine Meinung geltend machen; das jüdische Weib wird Richterin und leitet die öffentlichen Geschäfte; in außerordentlichen Nöthen tritt es als Prophetin auf mit lauter Rede, öffnet den Mund , mit Weisheit und hat-milde Lehre auf der Zunge. Seine geistige Sphäre ist vom jüdischen Stamme nie' engherzig und mit männlicher Ueberhebung umschrieben und begrenzt worden. Die Tochterreligion hätte darnach, ob sie sich auch der Befreiung und Erhöhung des Weibes durch die Einführung der „Gemeinschaftlichkeit des ganzen Lebens, des menschlichen und göttlichen Rechts" rühmt, allen Grund, der Mutterreligion hohe Verehrung und Achtung zu bezeugen, anstatt sie zu verleugnen. Die Priester ragten nicht unter der Menge hervor. Der Stamm Levi war weder der erste noch der letzte der zwölf, und die Sage . weiß wenig von Levi, dem Sohne des Patriarchen Jakob, zu erzählen. Die Leviten hatten zwar höhere Pflichten und Verpflichtungen zu erfüllen, genossen aber keine besonderen Rechte oder Vorrechte. Bei der nach inneren Rücksichten vorgenommenen Vertheilung zwischen den Stämmen und Geschlechtern blieben sie von allem Grundbesitze ausgeschlossen. „Darum sollen sie," heißt es im Deuteronomium (18, 2), „keine Erbe unter ihren Brüdern haben, daß der Herr ihr Erbe ist." Jeder Israelit brachte sein Opfer selbst dar oder konnte nach Belieben auf eigene Kosten für kürzere oder längere Zeit einen Priester herbeirufen und im Hause behalten. Eine organisirte Priesterschaft,„ein geistlicher Stand bildete sich erst nach dem Tempelbau, als durch die Krone dem Gottesdienste ein offizieller Charakter ausgeprägt wurde; wenn aber auch . ihr weltlicher Einfluß wuchs, so waren und blieben sie vor allem doch Diener Gottes. Und was noch mehr bedeutet, gerade zu dieser Zeit traten, um das Gleichgewicht herzustellen, die Propheten auf. Sie erhoben sich mitten ans dem Volke, um als Dolmetscher und Organe des befferen Theiles der Nation gegen die Vornehmen, die Könige, die Richter und die Priester zu zeugen, kurz, um die vox populi zur vox dei gu abein. Erst auf den Trümmern der nationalen und politischen Selbständigkeit, namentlich nach der Rückkehr aus Babylon, gelang es der Geistlichkeit, ein hierarchisches Gebäude zu errichten, aber auch da noch nicht einmal ohne dm kräftigen Widerstand der Gebildeteren unter der Volke. Zur Hemmung einer allzu großen Ungleichheit von Besitzthümern, zur Abwehr von Armuth und Sklaverei wurde die Ver-, fügung getroffen, daß das den einzelnen Familien zugewiesene Land durch Vererbung ihnen stets erhalten bleibe. . Der Verkauf des Grundeigenthums war ausgeschlossen, nur die Nutzung durfte veräußert werden. Alle 50 Jahre sollte ein allgemeines Abrechnungsjahr sein, in welchem jeder Eigenthümer wieder in sein Erbtheil einträte. Außerdem ward jedes siebente Jahr als ein Sabbath- oder Ruhejahr festgestellt, in welchem der Ertrag aller Felder und Gärten, soweit sie ohne Anbau Früchte trugen, den Dürftigen und Fremden angehörte und alle etwaigen Schulden verfielen. Dies erschwerte allen Handel mit Grundstücken,. alle Leihgeschäfte und jeden Handel, der nur zur Bereicherung eines Theiles und zum Verderben des anderen führen konntet Nach alledem ist es nur natürlich, daß die jüdische Geschichte auf einer breiten Grundlage ruht, einen demokratischen Geist athmet. Sie löst sich nicht in einzelne Hauptpersonen auf, welche als Väter des Vaterlandes für die Erhaltung und das Wahl Aller sorgen; nein, das Volk, das ganze Volk, das Volk en müsse ist das Alpha und Omega bei den großen Ereignissen; es spielt die erste Rolle und flößt die meiste Theilnahme ein, wie sich dies in seinen guten und bösen Tagen, in seinen guten und bösen Thaten bekundet. Es giebt eine öffentliche Meinung, eine Volksstimme, einen Volkswillen, welcher zum Durchbruche kommt, wenn die Stunde geschlagen hat, da über das Loos der Zukunft bestimmende Angelegenheiten entschieden werden muß. Zum Beweise genügen einige Beispiele. Obwohl Samuel durch seine kluge und umsichtige Leitung sich das Volk zu größtem Danke verpflichtet hatte, scheute es nicht davor zurück, seinem Unwillen nachdrücklichen Ausdruck zu geben, als er in seinem hohen Alter seine beiden Söhne Joel und Awia, welche von schlechter Gemüthsart waren, dem Eigennutze fröhnten, Bestechungen annahmen und das