Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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friedenheit ■ und eine Spaltung herv orrufen würde,, die unter allen Umständen vermieden werden muß. Aber eins können und müssen wir erstreben und sollen nicht ruhen, bevor wir es erlangen. Wir müssen in allen größeren Synagogen einen, wenn auch kürzeren, Sonntags-Gottesdienst, verbunden mit Predigt und Gesang, haben. ' Wir wollen denselben anziehend machen, damit unsere Kinder gern Theil an demselben nehmen, damit vor allen Dingen jenes religiöse Gefühl inr Herzen unserer Glaubensgemeinschaft wieder gehegt und gepflegt werde, das nicht allein die Quelle unseres^ besten Glückes ist, sondern das einzige Band, das die Zerstreuten Israels zu ihrem Gott und zu einander knüpft. Schloß Lichterfelde, 30. März. G. Levinstein. * Mit den vortrefflichen Ausführungen des Herrn Rechtsanwalt Julius Plotke über dieses Thema in Nummer 13 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" wird sich Jeder, der.sein Judenthum liebt, gern einverstanden erklären. „Der Sabbath muß dem Judenthum erhalten bleiben," das möchte ich in Anlehnung an das bekannte Kaiserwort als Motto über diese Besprechung setzen, denn an ein Aufgeben des uns heiligen Sabbaths ist bei uns und zur jetzigen Zeit gar nicht zu denken. Ich erinnere nur daran, daß vor den letzten Repräsentantenwahlen schon die mit Unrecht und fälschlich dem Liberalen Verein imputirte Meinung, derselbe beabsichtige, den Sabbath auf den Sonntag zu verlegen, in vielen Kreisen Erbitterung hervorgerufen hat. Das also ist vollständig ausgeschlossen. *• . In einem Punkte aber stinnne ich mit meinem lieben Freunde Plotke nicht überein. Er schreibt: „Die Anzahl der Personen, die nicht im Stande sind, am Sabbath das Gotteshaus aufzusucheir, am Kultus theilzunehmen und Sabbathruhe zu pflegen, ist im Verhältniß zu derjenigen, welche trotz der Schwierigkeit des heutigen Erwerbslebens dennoch im vollen Sinne des Wortes den Sabbath feiern, verschwindend klein." Das dürfte vielleicht in Frankfurt "et. Main so sein, trifft jedoch für Berlin und viele andere deutsche Gemeinden sicher nicht zu. Leider ist es z. B. in Berlin der bei Weitem größte Theil der Gemeindemitglieder, der nicht mehr an eine Sabbathfeier denkt, und der niemals an einem Sabbath die Synagoge besucht. Mit großer Betrübniß muß zugegeben werden, daß sowohl die Neue Synagoge in der Oranienburgerstraße wie die in der Lindenstraße an gewöhnlichen Sabbathen schlecht besucht sind. Die wenigen Besucher rekrutiren sich zum größten Theil aus den Verwandten eines Knaben, der Barmizwah wird, aus den Angehörigen einer Wöchnerin, die eingesegnet wird, und aus Trauernden. Die Anzahl Derjenigen, die in die Synagoge gekommen sind, um den Sabbath zu feiern, ist leider verschwindend klein. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, wo der Kampf ums Dasein die Kräfte Aller an den Tagen, die der Arbeit von Polizei wegen gewidmet werden dürfen, bis aufs Höchste anspannt, würde es hiermit nicht besser werden, sondern nur schlechter. „Der Sabbath soll dem Judenthum erhalten bleiben", aber auch die Juden müssen dem Judenthum erhalten werden, das ist das Wichtigste, wenn nicht das Judenthum zu Grunde gehen soll. Darum muß entschieden etwas geschehen, um unsere Glaubensgenossen zu veranlassen, das Gotteshaus wieder aufzusuchen, sich und ihre Kinder an einen Gottesdienst zu gewöhnen. Alle Versuche, dies an den Sabbathen zu erreichen, sind bis jetzt fehlgeschlagen, selbst die Predigten unserer tüchtigsten und bekanntesten Rabbiner haben die Gemeindemitglieder nicht in die Synagogen gelockt — und die Anzahl der Besucher nimmt von Jahr zu Jahr stetig ab. Die Vorschläge, den Gottesdienst am Freitag Abend oder am Sonnabend Nachmittag weiter auszubilden, werden schwerlich auf die Dauer Erfolg haben, da die Meisten aus Mangel an freier Zeit ebenso wie am Sabbath-Vormittag fern bleiben werden. Nur Eines bleibt zum Versuch übrig, und das ist neben dem Gottesdienst am Sabbath ein wahrhaft feierlicher Gottesdienst am Sonntag mit -Predigt und Chorgesang. - Dieser Gottesdienst soll nicht der Heiligung des Sonntages gelten, sondern soll eine weitere Ausgestaltung der Sonntag-Morgenandacht werden. Wohl weiß ich, daß gewichtige Bedenken dagegen geltend gemacht werden können, aber ich bin der Meinung, der Versuch sollte gemacht werden, und zwar so bald als möglich, schon im Interesse unserer Jugend sollte ein Sonntags-Gottesdienst eingerichtet' werden. Jetzt sieht der Knabe seinen Vater nur an den hohen Feiertagen in den Tempel gehen, er kann ihn oft genug selbst am Neujahrs- und Versöhnungsfest gar nicht dorthin begleiten, weil kein Platz in der Synagoge frei ist,— und der Knabe wächst auf ohne jedes Interesse am Gottesdienst — und am Judenthum. Um wie viel anders könnte es sich gestalten, wenn der Vater seinen Sohn gm Sonntag ins Gotteshaus mitnehmen könnte und ihn gewöhnen würde an die Gebete und an den Gottesdienst. Das Beispiel des Vaters würde anregend wirken auf das Kind, denn das eben ist das Bedauerlichste und das Betrübende, daß das Heranwachsende Geschlecht ohne die Erinnerungen bleibt, welche uns die Jugendzeit und das fromme ' Haus der theuren Eltern geboten haben. Diese Erinnerungen halten mit allen Fasern unseres Herzens das Judenthum fest; — was aber soll dereinst die jetzige Jugend daran fesseln, wenn der Freitag Abend und der Sabbath nicht mehr gefeiert werden, wenn im Elternhause die Sammlung und Andacht nicht mehr herrschen und das Gotteshaus nicht inehr besucht wird? Die Ausführung der Idee, am Sonntag eine religiös bildende Erbauung neben dem Sabbath-Gottesdienst einzurichten — welchen Vorschlag auch Herr Rechtsanwalt Plotke freudig begrüßt —^scheint mir eine zwingende Nothwendigkeit zu sein. Es ist vielleicht der einzig richtige Weg, um Hunderte oder Tausende unserer Glaubensgenossen aus der Lethargie, in die sie versunken sind, aufzuwecken und zu bewirken, daß die Religion unserer Jugend erhalten bleibe. Darum möge der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde doch wenigstens den Versuch machen und vorerst in einer Synagoge einen Sonntags-Gottesdienst einrichten. Wird derselbe zahlreich besucht, wie ich es bestimmt hoffe, dann wird sich sehr bald die Nothwendigkeit herausbilden, auch in anderen Synagogen einen gleichen Gottesdienst abhalten zu lassen. Schlägt der Versuch aber fehl, dann ist es um so trauriger um uns bestellt! — Etwas aber muß geschehen, sonst werden die Synagogen nicht nur an den Sonntagen, sondern bald auch an den. Sabbathen geschlossen bleiben können. Viäeavt oonsules! Berlin. Benas Leoy. * Der Artikel „Sabbathfeier am Sonntag" in Nr. 13 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" enthält viel des Beherzigenswerthen. Wenn auch nicht geradezu auf orthodoxer Basis beruhend, so ist doch sein Grundgedanke, das Wesen des Judenthums — das durch die offizielle Verlegung der Sabbathfeier auf den Sonntag und in logischer Folge seiner Feste auf die christlichen Feiertage seinen religiösen Inhalt völlig aufgeben würde und gleichzeitig die Achtung seiner Bekenner Andersgläubigen gegenüber — unangetastet zu erhalten. — Jeder religiös denkende Jude wird die Ueberzeugung theilen, daß in erdenklicher Zeit eine solche Umwandlung nicht stattfinden wird, zumal der heutzutage leider! stark vertretene religiöse Nihilismus in unserer Jugend jedweder religiösen Erhebung und Sammlung abweisend gegenüber steht. Jndeß gieöt es doch immerhin eine erhebliche Zahl unserer Glaubensbrüder, die, obwohl sie den geschäftlichen Verhältnissen der Gegenwart nur allzu sehr Rechnung tragen, dennoch nicht gewillt sind, ihren Zusammenhang mit dem Judenthum völlig aufzuheben. — Hier ist Belehrung in geeignetster Weise durch Vorträge über Judenthum am Platze, um der nicht selten krassen Ignoranz über das Wesen des angeborenen Glaubens ausklärend entgegenzutreten. Schreiber dieses hat schon früher für diesen Zweck als geeignetste Zeit die geschäftlich unanwendbaren Stunden des kirchlichen Morgengottesdienstes am Sonntag zu bezeichnen geglaubt. Es handelt sich hierbei keineswegs um einen Sabbathgottesdienst; es möchte auch die Benutzung der Synagoge aus naheliegenden Gründen nicht zweckentsprechend sein — wohl aber könnte die Umrahmung des freien belehrenden Vortrags, dem die Predigtform allerdings nicht anpassen würde, durch einige unserer hierzu geeigneten Psalmen oder Gebetstücke dem religiösen Charakter einer solchen Versammlung entsprechen. Würden dann derartige Vorträge zugleich dahin zielen, der häuslichen Freitag-Abendfeier in jüdischen Kreisen — wie im beregten Artikel gemüthvoll angedeutet — die Brücke zu bauen, so läge schon darin ein erheblicher Gewinn.