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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-16 · Heft 16 (16.4.1897) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 16 (16.4.1897)
Date
1897-04-16
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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Ich werde mir erlauben, an anderer Stelle die hauptsächlichsten Argumente, die gegen meinen Vorschlag gemacht worden, zu berühren und will heute nur in möglichster Kürze auf die Auslassungen des Herrn Rechtsanwalt Plotke zurückkommen. Herr Rechtsanwalt Plotke bemerkt nun zuerst, daß Frage und Antwort zu eng begrenzt seien. Warum sollen, fragt er, nicht auch unser Festtage auf die Festtage der Kirche verlegt werden? Unter den Gründen, die für die Verlegung des siebenten Tages sprechen, hatte ich in erster Reihe auf die Unmöglichkeit, in der so Viele von uns sich befinden, den Ruhetag zu halten, aufmerksam gemacht. Nur die Nothwendigkeit kann die Veränderung einer durch Jahrtausende geheiligten Tradition, die mit dem Leben des Volkes so verwachsen war und theilweise noch ist, rechtfertigen. Aber wir können, was die wenigen Feiertage betrifft, dieselben halten und halten sie auch; eine Nothwendigkeit einer Veränderung liegt hier ganz und gar nicht vor. Aus diesem Grunde brauchen auch unsere Glaubensgenossen bei den Mohamedanern nicht daran zu denken, ihren Sonnabend zu verlegen, denn sie sind im Stande, ihn dort zu halten. Der jüdische Prediger, der die Feier des Weihnachtssestes befürwortet, bekümmert uns nicht viel.l) Daß man sich hüten soll, die Axt an die Wurzel eines gesunden, kräftigen Baumes zu legen, kann nicht bezweifelt werden, aber der Beweis muß erst gebracht werden, daß man die Axt an ihn legt und daß der Baum gesund und kräftig ist. * Der Herr Rechtsanwalt Plotke verzeihe mir — aber mit diesen Redensarten begegnete man von Alters her/jeder Veränderung und jeder Reformation. Daß es fernerhin zumeist Fremde sind, die aus Neugier dem Sonntagsgottesdienste beiwohnen, ist nicht richtig. Ich möchte Ihren Herrn Korrespondenten, wie auch die Herren Prediger, die sich der ganz irrigen Meinung hingeben, daß die Reform hier nur vegetire, ersuchen, doch bei ihrem nächsten Aufenthalt in der Residenz dem Sonntagsgottesdienst derselben beizuwohnen und ihn mit dem der anderen Synagogen zu vergleichen.; > Sie werden nirgends größere Andacht und Wärme und intensivere Aufmerksamkeit bei den in Form und Inhalt gleich ausgezeichneten Predigten finden, wie in dem Inneren des Gotteshauses der Reform. Daß eine Verlegung des Ruhetages zwischen Juden und Juden größere Divergenzen herbeiführen würde, als die sind, die jetzt zwischen Katholiken und Protestanten bestehen, wäre wohl sehr zu bezweifeln. Es existirt hier in Berlin zwischen Juden, welche der Reformgemeinde angehören, und denen, die zu der alten Synagoge sich bekennen, in der Thal in keiner Hinsicht ein Unterschied. Die Ansicht, daß wir kein Recht haben, weder unseren christlichen Mitbürgern noch unserem Judenthum gegenüber den kirchlichen Festtag mitzufeiern, ist doch etwas eigenthümlich. Weshalb nicht, Herr Rechtsanwalt? Wenn unsere christlichen Mitbürger uns zwingen, am Sonntag zu ruhen, stören wir sie, wenn wir mit dem Ruhetage eine kirchliche Feier verbinden? Verletzeich das Judenthum mehr, wenn ich an dem einzigen siebenten Tage, an dem ich Ruhe halten kann, mich zu meinem Gotte wende, als wenn ich gar keinen halte? Verletze ich das Judenthum nicht mehr, wenn ich entgegen dem der Sabbathruhe vorhergehenden Gebote, sechs Tage sollst du arbeiten, nur fünf arbeite und zwei nichts thue? Oder soll ich das Staatsgesetz, dem wir Gehorsam schuldig sind, verletzen und kann ich es thun? Und wenn Sie von Selbstachtung unserem eigenen Glauben gegenüber sprechen, so nenne ich das Selbstachtung, wenn wir halten, was wir versprechen. Selbstachtung nenne ich es nicht, wenn wir an den großen Feiertagen wieder und wieder geloben sollen oder geloben, den siebenten Tag zu halten und ihn auszuzeichnen und in der nächstfolgenden Woche ihn schon in flagranter Weise übertreten. Herr Rechtsanwalt Plotke bemerkt nun weiter, daß die Anzahl derjenigen Personen, die den Sabbath nicht feiern, verschwindend klein sei im Verhältniß zu Denjenigen, welche trotz der Schwierigkeit des heutigen Erwerbslebens ihn dennoch im vollen Sinne des Wortes feiern. ') Wir freuen uns bei dieser Gelegenheit berichtigen, zu können, daß Herr Rev. Dp. E. G. Hirsch in Chicago diese auf ihn bezügliche Meldung als' eine entschieden unrichtige, die mißverständlich aus dem Zusammenhang seiner Rede herausgerissen worden sei, erklärt. D. Red. Diese Behauptung widerspricht der Sachlage auf das Entschiedenste, und es ist unfaßbar, auf Grund welcher Statistik Ihr Herr Korrespondent zu einer solchen Ansicht gelangt. Ein großer Theil unserer Prediger, die mich mit ihrer Antwort beehrten, beklagt die äußerst geringe Betheiligung' beim Sonnabend-Gottesdienst. In den Synagogen der kleineren Städte sind oft außer dem Rabbi, dem Schämmes, dem Kantor nur noch acht bis zehn weltliche und vom Erwerbsleben zurückgezogene Herren, die die Gemeinde repräsentiren, und kommen wirklich noch einige mehr, so geht von diesen wenigen noch ein großer Prozentsatz direkt vom Gotteshause in das Geschäft. Ich abstrahire von den galizischen und polnischen Juden, es sind die deutschen Juden, die die Synagoge erhalten. Gehen Sie, Herr Rechtsanwalt, zu den großen Synagogen unserer Stadt, und Berlin ijk weder Sodom noch Gomorrha, sondern gerade so gut und schlecht wie die anderen Städte. Wie viele von den Vorstehern, wie viele von den Hunderten, die ihren Platz oder Stand in der Synagoge haben, werden auf demselben am Sabbath gesehen? Wo sind Diejenigen, die die Intelligenz, den Einfluß, das Kapital in Israel repräsentiren? Wann werden sie, die doch schließlich der Stolz unseres Volkes sind, in dem Hause des Ewigen gesehen? Drei oder viermal im Jahre zu den großen Festen und am Tage der Seelenfeier. Oder kommen Sie mit mir, hochgeehrter Herr Anwalt, durch die belebtesten Straßen unserer Stadt. Mein Weg führte mich vergangenen Sonnabend durch einen Theil der Potsdamerstraße und durch die ganze Leipzigerstraße. Ich sah von sicher 150 bis 200 Geschäften, deren Inhaber unsere Glaubensgenossen sind, drei oder vier geschlossen. Ach, sprach ich zu mir, hier wohnen die. Liberalen, die taugen nichts — weiter. ' Ich kam in die Nähe der Börse. Schaaren von alten und jungen . Männern, die ihre Abkunft von den Patriarchen nicht verleugneten und, nach der Lebhaftigkeit der Gesten zu schließen, auch nicht verleugnen wollten, strömten in dieselbe. Ach, dieser Giftbaum, dachte ich. Melancholischer schon ging ich zur Stätte meiner Jugend — in die Spandauerstraße. Sie war früher am Sonnabend ausgestorben, wie die City of London am Tage des Herrn es heute ist. Aber mit Ausnahme einiger koscherer Wurstläden pulsirte auch hier das Leben wie an allen anderen Werktagen, und unter den ungezählten Geschäften jüdischer Inhaber sah ich nicht ein Dutzend geschlossen. Ich ging zur letzten Hoffnung, der Rosenstraße, der früheren Hochburg des orthodoxen Judenthums. Nur die eine Hälfte der alten Gebäude steht noch, auf diese wandte sich suchend mein Blick. Aber — o Schrecken. Die alten Kleider, die sich früher am Sonnabend nicht getraut hatten, vor der Oeffentlichkeit zu erscheinen, boten sich in ihrer ganzen Pracht und Schönheit dem erstaunten Blicke dar. Ich sah in der Rosenstraße nur ein Geschäft .geschlossen. Es sind die weißen Raben in Israel, Herr Rechtsanwalt, die am Sonnabend in Berlin ihre Geschäfte schließen. Was nützt das weiße Tuch und die Leuchter auf dem Tisch und die Sabbathlampe und die schnell dahingehende Stimmung, wenn unsere Kinder direkt von ihr zur Arbeit gehen und am Sonnabend in die Schule und ihre Väter in die Läden, in die Komtore, auf die Börse, in die Kanzlei? Wenn unsere Kinder das Gymnasium absolvirt haben, wo sie habituell am Sonnabend arbeiteten, wenn sie die Universität verlassen haben, wo sie am Sonnabend die Kollegien hörten, beim Militär waren oder im Geschäft, wo am Sonnabend oft mehr zu thun ist als an anderen Tagen, glaubt man denn wirklich, daß ein Geschlecht herangezogen wird, das je den Sonnabend oder einen anderen Tag heiligen wird? Sehen wir am Sonnabend die Eltern mit den Kindern in der Synagoge? Wird nicht der ganze gebildete Theil des Volkes nicht allein der jüdischen, sondern auch jeder Religion entfremdet? Der weitaus größte Theil der Leser, der . diese Zeilen zu Gesicht bekommt, wird zugeben, daß ich nicht übertreibe, und die Seelsorger unserer Gemeinde werden die Ersten sein, die mit Bedauern und Schmerz das Uebel sehen, dem sie doch nicht steuern können. , Ich selbst bin zur Ueberzeugung gelangt, daß bei der noch Herrschenden Stimmung eine Verlegung des siebenten Tages eine Unzu-

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