Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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183 btzu erkennen giebt, während sie nun aus dem Gebiete des staatlichen Lebens dieselbe Kraft theilweise ausheben möchten. Das'Christenthum spricht allerdings den Grundsatz der Liebe aus: aber es fordert die Liebe nicht bis zu dem Grade, daß es selbst seinem eigenen Grundsätze die Wirksamkeit im Leben schmälern und selbst nicht mehr im Stande sein sollte, diese Liebe in allen Kreisen des Lebens walten zu lassen/' Verwundert rief v. Gottberg dazwischen: Fürchte man etwa ihre (der Juden) Konkurrenz in Staatsämtern und anderen geistigen Berufsarten? Wie? 20 Millionen Christen gegen 200 000 Juden? v. Sauck en-Dvrputschen bemerkte hierzu: „Hier in Berlin ist bei einer höheren Militärschule ein Lehrer mosaischen Glaubens (es rpar Major Meno Burg, 1789 bis 1853) seit vielen Jahren in wirksamer Thätigkeit, weil unsere Militärverwaltung in freierer — richtiger Auffassung der Zeitverhältnisse ohne Vorurtheile den besonderen Fähigkeiten zum Nutzen des Ganzen gern eine Wirksamkeit gestattet, und es ist erfreulich, daß unter allen Denen, die von diesem geachteten Stabsoffizier Unterricht erhalten haben, keiner Vorurtheile hegt." Fast vereinzelt stand die Ansicht eines ritterschaftlichen Abgeordneten Otto v. Bismarck-Schönhausen, der mit aller Entschiedenheit gegen die Emanzipation auftrat. Aber auch der hat sich's später anders überlegt. ' * " Antisemitische Postkarten sind bekanntlich ein besondere Spezialität unserer Zeit. Nun dürfte aber den antisemitischen Postbeamten, die bekanntlich nicht selten, das Handwerk bezüglich der Beförderung derselben gelegt worden sein. In Frankfurt a. M. wurden nämlich seit mehreren Wochen solche Postkarten mit in gröbster Weise verletzenden zeichnerischen Zuthaten verbreitet. Merkwürdigerweise hat die Post die Karten .unbeanstandet befördert, obgleich sie zumeist nach „ Neu-Jerusalem" ädressirt waren und die Post daher gar keinen zwingenden Anlaß.gehabt hätte, die Karten in Frankfurt zu bestellen. Nun hat endlich ein dortiger israelitischer Bürger Front gemacht gegen die postalische Verbreitung dieser Karte in einer Beschwerde bei der Oberpostdirektion. Der seitens der kaiserlichen Oberpostdirektion erfolgte Bescheid dürfte von präjudizieller Bedeutung und daher von Interesse für weitere Kreise sein. Die Antwort lautet: „Wenn auch eine Prüfung der zur Post gelieferten Postkarten dahingehend, ob sich aus ihnen die Absicht der Beledigung oder einer sonst strafbaren Handlung ergiebt, bei den großen Massen der gleichzeitig zur Beförderung vorliegenden Versendungsgegenstände nicht immer durchführbar ist, so ist im vorliegenden Falle die beleidigende Absicht aus der Aufschrift der Postkarte ohne Weiteres zu erkennen. Es ist daher durchaus zu mißbilligen, und es wird durch das hiesige Postamt 1 (Zeil) als Absendungspöstanstalt entsprechende Rüge finden, daß die Postkarte nicht von der Beförderung ausgeschlossen worden ist." Die Exzesse gegen die Juden in Galizien bilden ein eigenthümliches Nachspiel zu den Wahlen daselbst. Die „Neue Freie Presse" berichtet darüber: Seit mehreren Monaten sind bei dem Bau der Eisenbahn Podwy- I sokie-Chodorow mehrere Hundert masurische Arbeiter beschäftigt. In i letzter Zeit kam es wiederholt in Chodorow zwischen diesen Arbeitern l und den israelitischen Einwohnern, bei denen sie Unterkunft fanden und | Verpflegung genossen, zu verschiedenen Konflikten, angeblich weil die I Arbeiter mit der Kost und den Preisen für ihre Verpflegung unzufrieden »waren. Die israelitischen Einwohner klagten wieder über die Rücksi.chts- »losigkeit der bei ihnen einquartirten Arbeiter. Am verflossenen Sonntag I Nachmittags entstand zwischen einem der Arbeiter und einem I jüdischen Orangenhändler ein Wortwechsel, welcher die Einmischung der herumstehenden Gaffer zur Folge hatte und in ein Handgemenge ausartete. Die Arbeiter begannen sodann, die Fenster der Judenwohnungen einzuwerfen. Dank der Intervention der Gendarmerie und eines Gerichtsadjunkten gingen die exzedirenden Arbeiter aus einander. Gestern Vormittags erneuerten sich jedoch die Ruhestörungen. Es wurden Fensterscheiben in den Judenhäusern zertrümmert, Thüren und Fenster ausgehoben; Einrichtungsstücke, zerstört, waren aus die Straßen geworfen und vernichtet. In ihrer Todesangst verließen zahlreiche jüdische Familien und fast alle jüdischen Frauen und Kinder die Stadt. Diejenigen jüdischen Kaufleute, welche sich an dieser Massenflucht nicht betheiligten, hielten sich in den Kellerräumen verborgen. Mittags traf in Chodorow ein Bezirks-Kommissar aus Bobrka ein, welchem es gelang, die erregten und stark angeheiterten Arbeiter einigermaßen zu beruhigen und dieselben aus dem Weichbilde der Stabt hinauszudrängen. Dieselben sammelten sich aber bald zu einem, neuen Ueberfalle. Der Bezirks-Kommissar requirirte telegraphisch in Rohatyn eine Dragoner-Abtheilung. Nachmittags gegen 5 Uhr kam der Bezirkshauptmann aus Bobrka. In diesem Augenblicke durchbrach die Arbeitermenge den Gendarmerie-Kordon und rannte nach dem Chodorower Ringplatze. Hier wiederholten sich die abscheulichen Szenen vom Vormittag und dauerten mehr als zwei Stunden. Den noch zurückgebliebenen Juden wurde gedroht, man werde sie erschlagen. Der Bezirkshauptmann und die intelligenteren Ortsbewohner wirkten beruhigend auf die Tumultuanten ein und schützten die jüdischen Kaufleute. Um 8 Uhr Abends kehrte Ruhe in der Stadt ein. Es rückten dorthin eine Dragoner-Abtheilung aus Rohatyn und eine Infanterie- Kompagnie aus Lemberg ab. Der in den Judenhäusern und den Kaufläden angerichtete Schaden ist sehr groß. Mehrere Juden, aber auch Arbeiter sind verwundet. Heute wurde aus Brzezany eine Gerichtskommission nach Chodorow delegirt. In der. Nacht wurde die Ruhe nicht gestört, und am heutigen Tage kamen ebenfalls keine Ruhestörungen mehr vor. Wie die polnischen Blätter berichten, haettn die Exzesse in Chodorow einen ausschließlich antisemitischen Charakter. Dem „Kuryer Lwowski" zufolge hat die angebliche Ausbeutung der masurischen Bahnarbeiter durch die Bahnbau-Unternehmung den mittelbaren Anlaß zu den Exzessen gegeben. Auch Ungehörigkeiten in der Verwaltung der Krankenkasse in Bobrka sollen zu der Mißstimmung der Arbeiter beigetragen haben. Mit jedem Bahnzuge verlassen Hunderte von Juden die Stadt, welche infolge der Verwüstungen einen unheimlichen Eindruck macht. Die polnischen Blätter heben hervor, daß die Häuser der christlichen Bewohner von den Exzedenten verschont wurden. Auch behaupten sie, daß eigentliche Plünderungen nicht vorgekommen seien. An den Krawallen sollen auch Weiber theilgenommen haben, welche die Masuren bei dem Zerstörungswerke mit Wort und That aneiferten. Chodorow zählt 4000 Einwohner, davon die Hälfte Juden, mehr als sechshundert Juden haben die Flucht ergriffen. Nach einer neuen Version sollen die Krawalle einer Jüdin wegen, für die einer der masurischen Arbeiter in Liebe entbrannt war, entstanden sein. Unter den Rusen: „Verbrennt, mordet die Juden!" stürzte sich die Arbeitermenge auf die Judenhäuser. Es wurden 20 jüdische Einwohner verwundet. Sechs masurische Arbeiter wurden verhaftet, bald darauf aber zur Beruhigung der erregten Arbeitermassen wieder in Freiheit gesetzt. Die Statthalterei hat in Chodorow nunmehr einen Regierungs-Kommissar eingesetzt. Die Zionisten beabsichtigen nichts mehr und nichts weniger als einen Weltkongreß. Man höre und staune: Am 25., 26. und 27. August 1897 findet in München ein Weltkongreß der Zionisten statt. ' Zweck dieses Kongresses ist, eine Annäherung und Verständigung zwischen allen Zionisten herbeizuführen und dem gemeinsamen Bestreben einen einheitlichen Zug zu verleihen. Der Kongreß wird die Wünsche unserer an verschiedenen Orten bedrängten Brüder entgegennehmen und die Mittel zur Abhilfe berathen. Wer am Kongreß theilzunehmen gedenkt, hat sich bis spätestens 15; August anzumelden. Die Anmeldestellen in den einzelnen Ländern (Landeskömitees) werden demnächst bekannt gegeben. Vorläufig können