Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-09 · Heft 15 (9.4.1897) · p. Seite 180

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228218--53616-3267549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Möge der zweite, allerdings viel schwierigere Theil nicht allzu lange auf sich warten lassen. --- Am 19. Nissan (23. April) kehrt zum hundertsten Male der Geburtstag Salomon Pleßners wieder. Aus diesem Anlasse beabsichtigt der Sohn desselben, Herr Rabbiner Dr. Pleßner in Ostrowo, das bereits vor Jahresfrist angekündigte „Pleßner-Album" jetzt herauszugeben. Dasselbe wird enthalten: 1. Biographie von Salomon Pleßner, verfaßt von seinem Enkel Dr. Hartwig Hirschfeld-London. 2. Salomon Pleßners Uebersetzung und Kommentar des Propheten Nahum. 3. Anmerkungen zur Mischna, zum agadischen Theil des jerusalemischen Talmud, zu den Pirke de Rabbi Elieser. 4. Erklärungen schwieriger Aussprüche der Mechilta, des Sifra, Sifra-Pesikta, der Midraschim Rabba und Tanchuma und zahlreicher Stellen der Agadoth des babylonischen Talmuds. 5irD, Königskrone, vom Herausgeber verfaßt (hebr.), beschreibt Salomon Pleßners Verhältniß in seinen Jünglingsjahren zu den rabbinischen Koryphäen: Akiba Eger-Posen, Abraham Tiktin- Breslau, Israel Jona Landau-Kempen. Anknüpfend hieran: Einiges über den ethischen Standpunkt Pleßners, seine wahre Toleranz,'trotz der streng orthodoxen Richtung. (Ebenfalls hebr.) — F. Weber: Jüdische Theologie auf Grund des Talmud und verwandter Schriften. Leipzig 1897. Dörffling u. Franke. Zweite verbesserte Auflage. Ein werthvolles Buch, dessen Ruf bereits . feststeht und das in dieser neuen, von Georg Schnedermann besorgten Auflage sicher noch mehr Anerkennung finden wird. Der Verfasser hat vielen Fleiß auf seine Darstellung verwendet. Er schöpfte nicht aus sekundären Quellen und ging soweit als möglich objektiv zu Werke; sofern das Buch die erste Darstellung dieser Art über die religiöse Gedankenwelt des alten Judenthums ist, haften ihm auch die Mängel an, welche bei einem ersten Versuch fast unvermeidlich sind, und welche bei jedem Forscher, der nicht über das ganze Gebiet mit souveräner Machtvollkommenheit herrscht, immer wiederkehren werden, so lange nicht mehr Vorarbeiten für ein solches Unternehmen vorhanden sind. Der Unterschied zwischen älterer und jüngerer Hagada ist noch nicht hinreichend festgestellt und das Schriftthum des Midrasch noch nicht genügend auf seine historische und sachliche Bedeutung hin durchforscht. Es fehlen also noch die wichtigsten Vorbedingungen für die Bearbeitung eines Themas wie das vorliegende. Um so anerkennenswerther ist freilich das, was der bereits seit längerer Zeit verstorbene Verfasser geleistet hat, und man muß seinem Fleiß, seiner Begabung und seinem Streben nach Objektivität auch selbst da hohe Anerkennung zollen, wo unsere Anschauungen sich von den seinen trennen und wir gegen diese sogar entschieden protestiren müssen. Es gilt dies namentlich von Kapitel 11, in welchem der jüdische Gottesbegriff in verkehrter Weise dargestellt wird. Auch sonst wäre vom Standpunkt der jüdischen Theologie mancher Einwand gegen die Darstellung zu erheben. Allein das kann nicht die Aufgabe dieser kurzen Darstellung sein, die nur auf dieses immerhin verdienstvolle Werk Hinweisen und dem Wunsche Ausdruck geben möchte, daß doch einmal ein gelehrter jüdischer Theologe an die Darstellung dieses Themas sich heran wagen möchte. — Eine neue Frauenbibel. Bekanntlich stoßen die Vorkämpfer der Frauenemanzipation in manchen Kreisen nicht selten auf religiöse Bedenken, die sich auf die verschiedenen Bibelstellen, worin die Unterordnung des Weibes unter den Mann klar und deutlich ausgesprochen ist, stützen. An der Entfernung dieses Hindernisses wird aber gegenwärtig in Amerika emsig gearbeitet, denn auf Anregung der bekannten ' Frau Elisabeth Cady Stanton hat sich vor einiger Zeit eine Kommission gebildet, die „sämmtliche Texte und Kapitel der Bibel, die sich auf die Frau beziehen, und worin der Frau absichtlich und ausdrücklich eine untergeordnete Stellung angewiesen ist, einer gründlichen Revision unterziehen soll". „Denn warum", meint genannte Dame, „sollte man nicht Moses ebenso gut wie Blackstone korrigiren dürfen, und weshalb soll das jüdische Gesetzbuch außerhalb des Bereiches der Kritik bleiben, während dies bei der englischen Gesetzgebung in umfassender Weise geschieht? Wohlan, ihr Herren, wischen Sie Ihre Brille einmal gut ab und überzeugen Sie sich, daß die Welt vorwärts schreitet!" In der Kommission wird von einigen des Hebräischen und Griechischen mächtigen Damen der ursprüngliche Text der Bibel untersucht, andere behandeln speziell die biblische Geschichte, während dreißig Frauen damit beauftragt sind, den hergestellten Text in „einfaches Englisch" zu übersetzen; ist die ganze Uebersetzung fertig, dann soll sie der Begutachtung und Billigung einer etwa in London, New-Iork oder Chicago zusammenzurufenden Generalkommission unterworfen werden,, wobei bemerkt werden mag, daß nicht der ganze Inhalt der Bibel, sondern nur ausgewählte Stücke, die sich für die Frauenfrage verwerthen lassen, behandelt werden. Bon dieser Frauenbibel liegt jetzt die erste Lieferung, „Der Pentateuch", vor. Ueber die Schöpfung heißt es hier: „Wir machen darauf aufmerksam, daß auch der Frau über alles, was lebt und Odem hat, was kreucht und fleucht, Macht gegeben ist, daß aber nirgends dem Manne Macht über die Frau gegeben ist." Ueber Evas Antheil an der Tragödie in Edens Garten sagt Frau Stanton: „Ich bin unter allen Umständen mit Evas Haltung zufrieden, sei es nun. daß man sie als eine mythische Person oder als die Heldin einer wirklichen Begebenheit betrachtet; wer vorurtheilslos aus seinen Augen blickt, muß staunen über den Muth, die Würde und den erhabenen Ehrgeiz dieser Frau. Der Versucher kannte offenbar den menschlichen Charakter sehr gut und sah alsbald, wie hochherzig die Person war, der er bei seinen Spaziergängen im Garten begegnete. Er suchte sie nicht durch Juwelen, schöne Kleider oder weltliche Vergnügungen, sondern mit dem Versprechen, ihr Kenntniß von der göttlichen Weisheit zu geben, zu verführen. Zweifellos besaß er, wie Sokrates oder Plato, in hohem Grade die Kunst, schwierige Fragen zu stellen und eine Unterhaltung zu führen, und er rief in der Frau den unwiderstehlichen Durst nach Wissen hervor, der durch das Pflücken von Blumen und die Unterhaltung mit Adam nicht befriedigt werden konnte. Mit diesem verglichen spielt sie in dem ganzen Drama eine sehr günstige Rolle, denn von Anfang bis zu Ende steht ihr Auftreten unendlich hoch über dem von Adam, der im Grunde genommen nur ein elender Feigling ist. Denn wie der gefürchtete Augenblick der Vergeltung naht,... sucht Adam sich hinter dem schwachen Wesen zu verstecken, schiebt alle Schuld auf sie und sucht sich so auf Kosten seiner Frau weiß zu waschen. Wir begreifen nicht, daß sich die Männer angesichts dieser Erzählung noch irgend etwas anzumaßen wagen." „Von dieser Seite sah icksis nie", wird man hier mit Wallenstein sagen dürfen. Frau Stanton ist aber in ihrem Urtheil unparteiisch, denn eine Reihe biblischer Frauen kommt sehr schlecht weg. Sarah wird den heutigen Frauen durchaus nicht als nachahmungswürdiges Beispiel hingestellt, Rebekka besaß kein Ehrgefühl, Rahel war gar eine Diebin und eine Betrügerin und bekümmerte sich nicht unl den guten Namen ihres Mannes. Auch sind durchaus nicht alle Männer aus dem alten Testament schlecht, denn „das Betragen von Moses gegen die sieben Töchter des Priesters am Brunnen zeigt, daß hier und da in einzelnen Männerseelen noch ein Funke Ritterlichkeit gefunden wurde", die man bei dem Manne sonst vergeblich sucht, „der, sobald er das Paradies verlassen mußte, die Folgen des Fluches so viel als möglich auf die Schultern der Frau wälzte, wie dies ja auch heute noch der Fall ist". Eine schwere Nuß hatte die Kommission an der Thatsache zu knacken, daß die Männer in der Bibel „Söhne Gottes" und die Frauen „Töchter der Menschen" genannt werden, worüber sie nur ihr tiefes Bedauern aussprechen kann. Man darf nach diesen Proben äußerst gespannt darauf sein, wie die Weiterbehandlung des Stoffes erfolgt, namentlich wenn es sich um die Textkritik und die Auslegung von Redensarten wie: »imilisr taeeat m ecclesia“ und „das Weib sei unterthan dem Manne" und ähnliche handelt. --- Heft 6 des 41. Jahrgangs der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Berlin, S. Calvary & Comp) hat folgenden Inhalt: I. Guttmann, Eine bisher unbekannte, dem Bachja Jbn Pakuda zugeeignete Schrift. — A. Epstein, Schemaja, der Schüler und Sekretär Raschis. — S. Horovitz, Zur Textkritik des Kusari. — S. Eppenstein, Nachträge zu den Studien über Josef Kimchi. (Schluß). — Besprechungen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.