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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-04-09 · Heft 15 (9.4.1897) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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179 Ein thierischer Laut, gemischt aus Verzweiflung und ohnmächtigem Grimm, entrang sich den Lippen des Metzgers, und seine Wächter schoben ihm einen Knebel in den Mund und hielten ihn wie mit Eisenklammern fest, um ihn an jeder weiteren Störung zu hindern. ' „War es lebendig oder tobt?" in allem Leid sich heute so groß an ihnen bewiesen, und die Hoffnung auf eine schöne Zukunft. Leise erbebend flüsterten ihre Lippen: „Haselmto hocho, dieses Jahr — hier, künftiges Jahr — im Lande der Freiheit." „Tobt." „Wozu übergabst Du es ihm?" Der Todtengräber schwieg, entsetzt auf Borowski schauend, der ihn wie ein Wahnsinniger mit blutunterlaufenen Augen anblickte. „Antworte!" rief R. Abraham. „Er soll antworten! Gieb Antwort!" tobte es drohend aus dem Volkshaufen heraus. „Er tobtet mich," flüsterte Jaschkm „Der wird Dir nicht mehr schaden können; antworte!" drängte R. Abraham, wir machen ihn unschädlich: wozu gabst Du ihm die Kindesleiche? Sprich!" „Er wollte sie in Euren Keller legen!" R. Abrahams imposante Gestalt reckte sich zu ihrer vollen Höhe empor und seine Hand erhob sich gegen den Himmel. Vom Feuerschein der Flammen übergossen, welche sein Halls nun einzuhüllen begonnen, erschien er wie ein Seher aus alten Zeiten: „Habt Ihres vernommen? Gott ist Zeuge: Unsere Hände sind rein von Blut, und dieses ganze schändliche Lügengewebe ward ersonnen, um mich und die Meinigen und meine Glaubensgenossen ins Unglück zu stürzen. Habt Dank, daß Ihr mich angehört und mir geholfell habt, die Wahrheit an be» Tag zu bringen; den Verleumder aber treffe Gottes Strafgericht!" Ein dumpfes Murren ging durch die erregte Menschenmenge; die Volkswuth war um ihr Opfer betrogen und machte Miene, dieses jetzt auf der Seite zu suchen, welche zuerst die Leidenschaften entfesselt hatte. Drohend umringte man den Metzger und überhäufte ihn mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Allein dieser verharrte in düsterem, trotzigem Brüten. Jetzt trat auch R. Abraham heran. Wie blitzende Schwerter kreuzten sich die Blicke der beiben Todfeinde. Krampfhaft in verhaltenem Grimm ballte sich die nervige Faust Borowskis, und fast schien es. als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen. R. Abraham wich zuerst einen Schritt zurück, bann erklang seine Stimme in heiligem Zorne gewaltig und durchdringend: „Verruchter Bösewicht, sinnst Du neues Unheil? Deinen Plan, die Juden dieser Stadt durch eine grauenhafte Verleumdung dem Tode zu überliefern, hat Gottes Allmacht durch ein Wunder vereitelt. Mich selbst aber hast Du ins Unglück gestürzt, mein Haus wird ein Raub der Flammen mtb meine Familie muß in Noth und Elend den Wauderstab ergreifen und in die kalte, grausame Fremde ziehen, um Deiner Rache oder den aufgewiegelten Leidenschaften des Volkes zu entfliehen. Ehe Du uns völlig unglücklich machst, gilt es Nothwehr: Du oder ich!" Bei diesen Worten zog er ein im Busen versteckt gehaltenes scharfes Messer blitzschnell hervor, ein Sprung, ein Stoß — und mit durchbohrter Kehle sank Borowski zusammen, und sein Blut spritzte über das weiße Gewand seines Feindes. Weit hinein in die Flammen schleuderte R. Abraham Kahn die besudelte Waffe, dann wandte er sich langsam seinem Garten zu und war bald den Augen der vor Ueberraschung erstarrten Zuschauer entschwunden. An dem Fenster eines kleinen, halbverfallenen Häuschen standen - eine Viertelstunde später innig umschlungen ein Mann und ein Weib. Mit thränenden Augen schauten sie nach den lodernden Flammen hinüber — Haus und Heimath hatten sie verloren, aber geblieben war ihnen der Glaube an die Allmacht und Allgüte Gottes, welche Ein ganzes Jahr war seitdem vergangen. Nach langen, beschwerlichen Wanderungen, nach mancherlei Belästigungen und Gefahren hatte R. Abraham Kahn auf deutschem Boden, in dem freundlichen Dörfchen Gonnesweiler eine neue Heimath gefunden, woselbst es ihm auch gelang, mit dem geringen Ueberreste des einst so stattlichen Vermögens ein bescheidenes Häuschen zu erwerben. So konnte Tölzele, als das Peffachfest herannähte, wieder im eigenen Heim die feierliche Sedertafel anrichten. Zwar blitzten darauf keine goldenen und silbernen Geräthe mehr, wie. einst vor Jahresfrist in der fernen polnischen Heimath, denn Alles hatten sie im Unglück veräußern müssen, desto heller und freudiger aber strahlten im Bewußtsein der Sicherheit und des göttlichen Schutzes Aug' und Antlitz R. Abrahams und der Seinigen, und als er, eines im Augenblicke höchster Noth geschehenen Gelübdes eingedenk, der Magd mit den Worten winkte: „Heiz' den Ofen!" da fielen sich die Gatten in die Arme und schluchzten laut und weinten Thränen der Freude und des Dankes gegen Gott, der sie einst an diesem Abend wunderbar errettete aus fürchterlicher Gefahr. Noch heute wahren die Nachkommen R. Abraham Kahns an jenem Orte den alten, geheiligten Brauch ihrer Ahnen, und an jedem Sederabend ertönt es von den Lippen des Hausherrn: „Heiz' den Ofen!" Fitterarische Mittheilungen. — Dr. S. Gelbhaus. Die Apologetik des Judenthums in ihrer geschichtlichen Entwickelung. I. Theil. Wien 1896. R. Löwit.. Der Versuch, die jüdische Apologetik in historischer Form darzustellen, darf, da noch so gut wie alle Vorarbeiten fehlen, als ein kühner angesehen werden, — aber dem Muthigen gehört die Welt, und so kann man wohl auch sagen, daß der Versuch wohl gelungen ist. Seit seinem Bestehen hat das Judenthum sich gegen alle anderen Religionen und gegen Angriffe aller Art vertheidigen müssen. So beginnt die Geschichte der jüdischen Apologetik eigentlich schon mit dem Moment, da Israel zum ersten Male Besitz vom heiligen Lande nahm. Es ist natürlich, daß die Selbstvertheidigung je nach der Lage der Juden verschiedene Phasen durchlaufen mußte. Schritt für Schritt verfolgt der Verfasser dieser Arbeit, der mit dem einschlägigen Schriftthum wohl bewandert ist, die verschiedenen Entwickelungsstadien der altjüdischen Apologetik in Reden, Sprüchen, Sagen, Erzählungen, Gedichten, Briefen, Unterweisungen, Dialogen in der Bibelexegese und in philosophischer Erörterung bis zum Untergang des jüdischen Staates, wo die Apologetik selbstverständlich in eine neue Phase tritt, welche zu schildern Aufgabe eines zweiten Bandes sein wird. Schon Adolf Jellinek hat einmal auf die Bedeutung einer Apologetik des Judenthums hingewiesen und dieselbe als eine besondere Disziplin behandelt 'wissen wollen. Darüber läßt sich streiten. Unzweifelhaft aber hleibt der hohe Werth von Schriften, die die apologetischen Tendenzen des Jüdenthums in historischer und systematischer Weise schildern. Der Autor der vorliegenden Arbeit hat schon in diesem ersten Theil bewiesen, . daß er mit genauer Kenntniß des gesammten Schriftthums ein feines Verständniß für den Gang der historischen Entwickelung und die Kunst systematischer und geschmackvoller Darstellung besitzt; er verfügt also über das vollständige Rüstzeug für diesen wichtigen Zweig der Wissen- : schuft des Judenthums, und wir sind ihm zu aufrichtigem Danke dafür verpflichtet, daß er sich an diese schwierige Arbeit herangewagt und daß er die erste Hälfte derselben in so vortrefflicher Weise ausgeführt hat.

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